Das Leben im Spätkapitalismus ist nicht unbedingt das glücklichste, wie wir gerade überall auf der Welt beobachten. Könnte es sein, dass unser Wirtschaftssystem auf einer grundsätzlich falschen Annahme über den Menschen basiert? Dass es nämlich diesen sogenannten Homo Oeconomicus gar nicht gibt? Diese These vertritt Tania Singer. Sie ist Psychologin und Professorin für Soziale Neurowissenschaften, leitet das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und war die erste Lehrstuhlinhaberin für Neuroökonomie in Zürich. Sie ist aber vor allem eine der wichtigsten säkularen Ethikerinnen unserer Zeit. Ihre gesamte Arbeit ist auf das Ziel ausgerichtet, dass wir Menschen unser Mitgefühl aktivieren, damit unser Alltag, aber auch die Weltwirtschaft und die internationale Politik stärker von prosozialem Verhalten bestimmt werden können.   

Um diesem Ziel näherzukommen, hat sie das ReSource Projekt ins Leben gerufen, das weltweit größte Forschungsprojekt seiner Art, das mittels Plastizitätsforschung des Gehirns wissenschaftliche Grundlagen für Meditations- und andere mentale Trainingsmethoden erarbeitet, mit denen wir unsere unterschiedlichen mentalen und emotionalen Fähigkeiten, also auch Mitgefühl und altruistisches Handeln, üben können.   

Und das ist keineswegs weichgespülte Esoterik. Tania Singer pendelt zwischen Meditationskissen und dem World Economic Forum in Davos, zwischen Treffen mit dem Dalai Lama und den Top-Investmentbankern dieser Welt. Da sie nicht nur auf Prävention setzt, sondern auch bestehende Strukturen verändern will, ist dieser immense Spagat notwendig. So konfrontiert sie die Hochfinanz mit ihrer Forschung und stellt seit vielen Jahrzehnten in der Ökonomie vorherrschende Theorien infrage: "Das Modell des homo oeconomicus ist veraltet und vereinfacht", sagt Tania Singer. "Vorherrschende ökonomische Modelle basieren nicht auf einem realistischen Bild vom Menschen."   

Lieber Rumpsteak als Brokkoli

In dem ökonomischen Modell agieren wir als egoistische Wesen, die nur daran interessiert sind, unseren eigenen Nutzen zu optimieren. Wir handeln und entscheiden uns rational und haben stabile und kontextunabhängige Präferenzen (Sommer wie Winter, mit und ohne Magengeschwür oder Gammelfleischskandal gilt: einmal lieber Rumpsteak als Brokkoli, immer lieber Rumpsteak als Brokkoli). "Das Modell kennt die Idee verschiedener menschlicher Motive nicht, die je nach Kontext unterschiedlich stark aktiviert werden können. Es geht davon aus, dass uns vor allem die Gewinnmaximierung von Geld motiviert, und das war's", sagt Singer.   

Dass wir Menschen aber weder stabil in unseren Präferenzen noch frei von Widersprüchen sind (Investmentbanker, die mit Nahrungsmitteln spekulieren, können gleichzeitig liebevolle Väter sein), das wissen die Psychologen seit jeher. Dass wir zudem unsere Präferenzen verändern können, dass also aus einem egoistisch ein altruistisch handelnder Mensch werden kann, hat Singer in ihren Trainingsstudien mit Erwachsenen nun auch naturwissenschaftlich belegt. Weil wir zum Beispiel alle mit einem, in unserer Biologie verankerten, "care-System" ausgestattet sind, können wir auch über Bindung, Zugehörigkeit, Reziprozität und Liebe zu altruistischem Handeln gebracht werden.   

Als ob wir es nicht geahnt hätten: Wir sind komplexer, widersprüchlicher und wandelbarer als der homo oeconomicus. An dieser Tatsache können die Schulen der Ökonomie, die immer noch mit dem veralteten Menschenbild rechnen, nicht mehr vorbeikommen, wenn sie weiterhin als Wissenschaft und nicht als Glaubenssystem wahrgenommen werden möchten.   

Dass dieses Menschenbild eine Reduktion der Wahrheit ist, wussten und wissen die meisten Ökonomen natürlich, sagt Singer. Da Ökonomen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrer Geschichte jedoch verschrieben hatten, Märkte mathematisch zu modellieren, war es zunächst einmal notwendig, einfache Funktionen zu formulieren, die mathematisch traktierbar waren. Dieses vereinfachte Modell zog dann in die Lehrbücher und nach und nach in unser Bewusstsein, bis es in allen Zweigen der Gesellschaft verbreitet war. Grundlegend hinterfragt und verfeinert wurde es bis zum heutigen Tag nicht. Ein frappierendes Versäumnis. Und der Grund, warum der homo oeconomicus weiterhin den Ton angibt.  

Können mentale Übungen Denkmuster verändern?

Um die Axiomatisierung eines realistischeren ökonomischen Menschenbildes voranzubringen, hat sich Tania Singer mit dem Präsidenten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower, zusammengetan. Gemeinsam möchten sie eine neue Generation von Wirtschaftsmodellen entwerfen, die kooperative, prosoziale und nachhaltige ökonomische Verhaltensweisen ermöglichen sollen.    

Die Debatte, welches Menschenbild dem heutigen Mainstream der Ökonomie zugrunde liegt, ist keine wissenschaftsinterne L'art-pour-l’art-Streiterei, sondern vielmehr entscheidend für die Zukunft unserer Weltgemeinschaft. Da es die Zunft der Ökonomie und nicht die der Psychologie oder Sozialen Neurowissenschaften ist, die unsere Regierungen berät, konnte sich das Bild des homo oeconomicus in der Politik als common sense durchsetzen und das politische Handeln prägen.   

Das hat dazu geführt, dass die Politik mit Wählerinnen und Wählern rechnet, die vorrangig über Eigennutz und extrinsische Belohnungen wie Geld zum Handeln gebracht werden können. Wenn aber anders als bisher davon ausgegangen werden würde, dass dies auch über Mitgefühl, Gemeinsinn und Solidarität gelingen könnte, könnten sich eine sozialere Wirtschaftsform und eine sozialere Politik entwickeln, ohne dass irgendein Entscheider Angst haben müsste, die Volkswirtschaften brächen zusammen und die nächste Wahl ginge flöten. Auf prosoziales Verhalten in Wirtschaft und Politik zu setzen gleicht also keineswegs naiven Wunschvorstellungen, sondern folgt dem Stand der Wissenschaft und ist angesichts globaler Probleme wie dem Klimawandel, der Verteilungsungerechtigkeit und der Flüchtlingskatastrophe überlebenswichtig.  

"Das alte Narrativ muss mit einem realistischeren Menschbild ersetzt werden, was auf psychologischen und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen beruht und dem man auch globale Kooperation und mehr Prosozialität zumuten kann", sagt Singer. Die Frage ist nur, wie man diese Werte in unseren gegenwärtigen Wirtschaftssystemen und einer Politik, die wirtschafts- bzw. finanzpolitische Interessen in den Vordergrund rückt, stärken kann.  

Tania Singer vertraut auf Prävention und das Individuum. In ihrem ReSource Projekt untersucht sie, wie sich unterschiedliche, säkulare Meditations- und andere mentale Trainingsformen auf Geist, Körper, Wohlbefinden und Gesundheit auswirken. Und wie man durch regelmäßiges Üben Achtsamkeit, Mitgefühl, prosoziale Motivation und eine größere Bewusstheit für seine Handlungsmotive und eigene und fremde Denkmuster gewinnen kann.  

Mitgefühl als Schulfach

"Das ReSource Projekt ist ein Lebens- und Herzwerk", sagt Singer. Es wurde sieben Jahre lang vorbereitet. 300 Menschen haben dafür neun Monate lang in drei verschiedenen Modulen meditiert. Der Scanner läuft seit 2013 nahezu durchgängig, und es dauerte allein zweieinhalb Jahre, um die Daten der 90 Maße zu erheben. In der Studie wurden drei übergreifende Module entwickelt, in denen – stark verkürzt – Präsenz (Aufmerksamkeit und Körpergewahrsein), Affekt (Mitgefühl und Umgang mit schwierigen Gefühlen) und Perspektivübernahme (Vogelperspektive auf eigene und fremde Denkmuster) geübt werden. Und obwohl die Auswertung aller Daten dieser Studie weitere Jahre dauern wird, lässt sich, laut Singer, jetzt schon zeigen, dass sich soziale Fähigkeiten nicht nur üben lassen, sondern dass unterschiedliche Formen des mentalen Trainings sich ganz unterschiedlich auf Gehirn, Gesundheit, bewusstes Erleben und Verhalten auswirken können.  

Wie wichtig wäre es, wenn die Kinder in der Schule neben Bockspringen, Geografie und Xylofon lernen könnten, wie sie ihr Mitgefühl und prosoziales Handeln kultivieren können. Wenn sie lernen würden, wie sie ohne Wertung auf fremde Denk- und Glaubenssysteme reagieren könnten und gleichzeitig eine Methode an der Hand hätten, die ihnen hilft, mit schwierigen emotionalen Situationen und täglichem Stress besser zurechtzukommen. Wie wichtig wäre all dies für Menschen, die im Gesundheitssystem arbeiten, an den Schulen, in Krisengebieten oder sich in verfahrenen Familienkonstellationen befinden. Und wie wegweisend wäre es für unsere Politik, wenn sie genau diese Fähigkeiten fördern und wieder mehr in ihre Entscheidungen einbeziehen würde.   

Aus dem ReSource Projekt wird, wenn sich ein Investor gefunden hat, ein social business entstehen, um die dort entwickelten Übungsmethoden in die Welt zu tragen. "Nur eine einfache Meditationsapp ohne Lehrer und Schulung wird es nicht geben", sagt Tania Singer, "auch wenn die alle haben wollen. Unser Vorhaben hat mit der sogenannten McMindful-Haltung, die man zurzeit im Silicon Valley überall beobachten kann, nichts gemein." Es kann schließlich nicht darum gehen, sich zwischendurch mal kurz ein kleines Mitgefühlstraining reinzupfeifen und Stress abzubauen, um danach nur umso leistungsfähiger zu werden. Neben der Leistungsmotivation selbst altruistische Alternativen an sich zu entdecken: Das ist eines der Ziele, für die Tania Singer kämpft.   

Man kann nur hoffen, dass ihr der Spagat zwischen Davos und Meditationsraum weiterhin gelingen wird und sie sich nicht davon abbringen lässt, dass unsere Welt noch zu retten ist. Unsere Welt und wir.