Passend zum großen Fest der Deutschen Einheit, das dieses Jahr unter dem Motto

Grenzen überwinden

in Frankfurt am Main stattfinden wird, hat die Deutsche Bahn den Fernverkehr zwischen Ungarn, Österreich und Deutschland bis zum 4. Oktober eingestellt. Ehemalige DDR-Bürger kennen diese Strecke noch von ihrer Flucht.

Das diesjährige Fest wird, vielleicht, weil es sich um das 25-jährige Jubiläum handelt, wie bei einer orientalischen Vermählung drei Tage und Nächte andauern. Die Silberhochzeit der Deutschen Einheit beginnt am 2. Oktober und endet am 4. Oktober. Durch die praktische Bahnstreckensperrung kann man sicher sein, dass die Einheit der Nation zumindest während der Feierlichkeiten in Frankfurt nicht durch Störenfriede belastet wird. Vom Innenminister zu den Ministerpräsidenten bis hin zu allen anderen Entscheidungsträgern muss sich an diesen Tagen niemand sorgen, irgendwo im Land Betten für Neuankömmlinge organisieren zu müssen.

Es läuft alles wie auf Schienen. Die Schengengrenze in Ungarn ist safe. Seit diesem Montag ist es dem ungarischen Militär gestattet, Flüchtlinge an den Grenzen  mit Schlagstöcken, Gummigeschossen und Fangnetzen zu "kontrollieren". Schießbefehle sind (noch) nicht vorgesehen. Jene, die zu Fuß über nationale Grenzen marschieren möchten, werden durch die jeweilige Länderpolizei an den Grenzkontrollen aufgehalten. Den Rest erledigt seit Dienstag eben die Deutsche Bahn. Man kann sagen, was man will. Aber auf die deutsche Eisenbahn ist Verlass. Seit jeher. Wenn es um deutsche Feierlichkeiten geht, funktioniert das Land ohnehin wie eine Eins. Die Welt kann untergehen, aber Karneval, Oktoberfest und Einheitsparty werden knallhart durchgezogen. Denn beim Saufen und Schunkeln versteht Deutschland keinen Spaß.

Rechtsradikale Einheit

25 Jahre ist es her, dass die DDR und die BRD sich vereinten. Doch was genau wird am 3. Oktober eigentlich gefeiert? Grenzen überwinden, Ziel erreicht? Oberster Partychef ist der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier. Zu seinen größten Leistungen gehört, dass er die Aufklärung der NSU-Mordserie aktiv behinderte. Halit Yozgat wurde am 6. April 2006 im Beisein eines hessischen Verfassungsschützers vom NSU ermordet. Als die zuständige Polizei ermitteln wollte, war es der damalige Innenminister und heutige Ministerpräsident persönlich, der veranlasste, dass nichts veranlasst werden durfte. Begründung, man halte sich fest: Die Sicherheit des Landes wäre gefährdet, wenn die Quellen des Verfassungsschutzes vernommen worden wären.

Man darf also feststellen, dass es in bestimmter Hinsicht erstaunlich schnell zu einer inneren Einheit in diesem Land gekommen ist. Die rechtsradikalen Kräfte aus Ost und West fanden zügig zueinander. Die Ostdeutschen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, deren Mordtaten alle bis auf eine in Westdeutschland stattfanden, konnten mithilfe von Westkameraden raubend und mordend durch das grenzenlose Deutschland reisen. Auch auf amtlicher Ebene ist es den Sicherheitsbehörden erstaunlich schnell gelungen, Grenzen zu überwinden. Nämlich die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit. Leidtragende waren Menschen wie die Familie Yozgat, deren Sohn nicht ermordet worden wäre, wenn Grenzen, die ihre Sicherheit betrafen, mit derselben Leidenschaft verteidigt worden wären wie die Grenze, die einen in Verbrechen verstrickten Staat von einem transparenten, demokratischen Staat trennt. Das ist hart und schmerzt.    

Grenzen des Anstands überwinden

Ein Teil der deutschen Bevölkerung schaut verbittert auf diese Ereignisse. Wie auch auf diese opulente Jubelfeier, die sich nicht geniert in Zeiten europäischer Grenzabschottung unter Einsatz von militärischer Gewalt, angesichts rechtsradikaler Straftaten und rechtspopulistischer Antistimmung, angesichts eines weit verbreiteten Hasses von ost- und westdeutscher Bevölkerung gegeneinander und gegen alles Mögliche. Eine Jubelfeier also, die sich angesichts all dieser Beispiele, die das Gegenteil von Integration und Einheit sind, erdreistet, schwarz-rot-goldene Ampelmännchen als Testimonials einer vorgeblich grenzenfreien Gesellschaft zu beklatschen. Auf die Idee muss man erst mal kommen. Ampelmännchen zur Hauptattraktion zu erklären und durch Deutschland zu schicken. Eine der spektakulärsten Aktionen der diesjährigen Feierlichkeiten.

Solange die Wunden, die den Menschen nach der innerdeutschen Grenzöffnung durch einen rasanten Anstieg von Pogromen und Angriffen zugefügt wurden, nicht verarztet sind, solange wird in diesem Land keine Einheit herrschen. Auf der Internetseite des Bürgerfestes kann man Jahresringe anklicken, die das vornehmlich überragende Ereignis des jeweiligen Jahres benennen. Die NSU-Morde, die brennenden Asylbewerberheime, die Schreie der verbrennenden Familien Arslan und Genç tauchen in den offiziellen Erinnerungen als Jahresring nicht auf. Die meisten Straftäter wurden vorzeitig entlassen. Alle leben heute (wieder) auf freiem Fuß. Auch sie haben Grenzen überwunden, Grenzen des Anstands, der Solidarität, der Menschenwürde. 

Wie kann ein einziger Bürger mit Migrationshintergrund, der sich von diesen Taten persönlich betroffen fühlt, auf so einem Fest zum Takt der apolitischen Musik des Pandamaskenträgers Cro tanzen? Wenn dieser Teil der gesellschaftlichen Realität an Tagen wie diesen nie eine Rolle spielt? Wenn Bürger aus Sachsen oder Sachsen-Anhalt die Erfahrung von Solidarität nicht an Schwächere weitergeben können, wie nennen wir dann so eine Gesellschaft? Wie können wir von Einheit sprechen? Und wie muss wohl ein Bürgerfest, das beharrlich die Überwindung der Grenzen behauptet und feiert, auf jene Freiwilligen wirken, die dieser Tage damit beschäftigt sind, Flüchtlinge zu versorgen, weil die Politik es nicht zur obersten Priorität macht, diese Menschen schnell mit Wasser, Brot und Fußsalbe zu versorgen? Wie muss so ein Kindergartenfest wirken auf all jene, die für eine derartige Banalisierung und Boulevardisierung politischer Verhältnisse einfach zu klug und zu sensibel sind? Hätte man sich keine besonnenere Art der Feier überlegen können?

Jedenfalls: Am 5. Oktober wird die Deutsche Bahn ihren Fahrplan voraussichtlich wieder aufnehmen.