Vor wenigen Tagen kam ich mit einer Kollegin ins Gespräch. Sie ist eine der Glücklichen, die schon in ihren frühen Zwanzigern diejenige langjährige und stabile Beziehung eingegangen sind, die viele von uns erst viel später – wenn überhaupt – finden. Alles sei wunderbar und harmonisch, Sorge bereite ihr einzig der wiederholt geäußerte Kinderwunsch ihrer Partnerin. Das könnte in den nächsten Jahren wohl noch zum Konfliktfeld werden. Denn sie könne sich Kinder nur schwer vorstellen. Und sie könne sich auch nicht auf dem Wege guter und vernünftiger Gründe mit dem Gedanken anfreunden. Meine Kollegin, das muss gesagt werden, ist wie viele Menschen in meinem Umfeld studierte Philosophin und neigt daher zu einer eher rationalen Weltbetrachtung. Und diese sagt ihr: In einer glücklichen und erfüllenden Beziehung, einem stetig aufwärtsstrebenden Arbeitsleben, einem angenehmen und angeregten sozialen und kulturellen Umfeld – was wäre ein guter Grund, all das aufzugeben für durchwachte Nächte, wenig Zeit für sich und seine_n Partner_in, diesen Umsturz der Verhältnisse, die ein Baby so mit sich bringt?

Spontan konnte ich ganz ehrlich auch keine wirklich überzeugenden Gründe anführen. Angesichts der nie vorher dagewesenen Fülle an möglichen Lebensentwürfen – warum entscheidet sich das moderne, individualistische Individuum überhaupt noch für die basalste aller biologischen Funktionen unserer Art? Reinen Instinkt kann man dafür nicht geltend machen, dazu wird viel zu viel übers Wunschkind und den Wunschzeitpunkt nachgedacht, auch wenn es natürlich immer noch Verhütungsunfälle gibt und auch der als Zufall getarnte Wunschkindentscheid – "wir setzen mal die Pille ab und sehen, ob etwas passiert" – beliebt ist.

Rein vernünftig geht es aber bei der Kinderentscheidung auch nicht zu – wer wirklich ein rationales Kosten-Nutzen-Kalkül mit Blick auf sein persönliches Wohlbefinden anstellen würde (ganz zu Schweigen von einem Blick auf die Überbevölkerung unseres Planeten), würde sich kaum für Kinder entscheiden. Denn dem instinktiven Gefühl, dass Kinder zum persönlichen Glück maßgeblich beitragen würden, stehen nicht mehr nur all die Erfahrungsberichte gestresster Eltern im persönlichen Umfeld entgegen, sondern mittlerweile auch etliche wissenschaftliche Studien.

Die jüngste, eben erst veröffentlichte Arbeit zum Thema der subjektiven Lebenszufriedenheit deutscher Eltern ist von Rachel Margolis und Mikko Myrskylä. Sie untersucht das individuelle Glücksempfinden von Eltern zwei Jahre vor und ein Jahr nach der Geburt des ersten Kindes. Und kommt zu erschreckenden Ergebnissen: Auf einer Skala von 0 bis 10 verlieren frischgebackene Eltern im Durchschnitt 1,4 Zufriedenheitspunkte. Das ist, wenn man es mit anderen Studien vergleicht, mehr Verlust an Zufriedenheit als Scheidung, Arbeitslosigkeit oder sogar der Tod eines Partners mit sich bringen.

Erklärtes Ziel der Studie ist, Gründe für die niedrige Geburtenrate zu finden, geht sie doch von der Annahme aus, dass, wer einen solch heftigen Abfall der Zufriedenheit kurz nach Geburt des ersten Kindes erlebt, weniger geneigt sein wird, ein zweites, oder gar ein drittes und viertes zu produzieren. Ganz abgesehen davon, dass die niedrige Geburtenrate in Deutschland sich nicht nur aus den nach der ersten Geburtserfahrung abgeschreckten Einkind-Eltern ergibt, sondern auch aus der – zumindest in Westdeutschland – sehr hohen Quote an Kinderlosen, ist die Annahme auch grundsätzlich hinterfragbar: Hat man die Vorkinder-Freiheit einmal verloren, dürften weitere Kinder wohl nicht mehr so sehr ins Gewicht fallen. Aber ohne Zweifel zeichnen sich Babyphasen nicht nur durch Stilleuphorie, sondern auch durch großen Stress aus. Das wussten wir freilich auch vorher schon (obwohl die meisten von uns es sicher vor der Entscheidung für das Wunschkind nicht so genau wissen wollten). Da sich das aber mit keiner Familienpolitik verändern lässt, erscheint es doch eher fraglich, welche Konklusionen sich – jenseits eines weiteren wissenschaftlich gestützten, vernünftigen Arguments für meine Kollegin gegen das Kinderkriegen – aus einer solchen Studie ziehen lassen.

Die Frage bleibt ohnehin, warum Politik und Forschung sich so sehr auf das erste Jahr oder die ersten Jahre nach der Geburt konzentrieren. Kinder bleiben ja weit über ihre Kita-Zeit hinaus eine Herausforderung für die viel beschworene Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und die ist, gerade mit Blick auf die modernen Befindlichkeiten einer Generation, die ihre ersten 30 Jahre individualistisch auf Selbstverwirklichung ausrichtet, nicht gegeben. Und auch das ist kein rein politischer Umstand. Gewiss, Kita- und Hort-Plätze sind, neben Heerscharen von Großeltern und Babysittern, wichtig. Aber Vereinbarkeit von Kindern und Berufstätigkeit ist – mit einiger Mühe und viel guter Organisation – für die meisten erreichbar. Was mit Kindern auf lange Zeit unvereinbar bleibt, ist alles andere im Leben, an das sich zunehmend ältere Erstgebärende und Erstzeugende über lange Jahre gewöhnt haben: Freiheit, "Zeit für mich", Ausschlafen, kurzfristige Verabredungen mit Freunden, spontaner Sex am Sonntagmorgen, Tanzabende, Kinobesuche.

Damit muss man erst mal klar kommen, ohne Zweifel. Und unumstritten macht einen diese persönliche Einschränkung – gerade vor dem Hintergrund früher bestehender Freiheit – unzufrieden. Aber unglücklich? Empirischen Studien der sogenannten "Glücksforschung" haftet generell etwas Problematisches an. Glück ist eine viel zu komplizierte Kategorie, als dass sie sich statistisch erfassen ließe. Und die Aussagen zur subjektiven Zufriedenheit, die man einholen kann, ergeben nur Sinn vor dem Hintergrund der Annahme, dass der Mensch tatsächlich ein rationaler Nutzenoptimierer ist, der nicht nur genau über seine individuelle Zufriedenheit Bescheid weiß, sondern auch im Allgemeinen mittels vernünftiger Überlegungen versucht, diese zu mehren. Dass dem nicht so ist, hat nicht nur die kritische Ökonomie schon längst klar festgestellt. Auch die viele Kleinkinder der Generation "zuerst ich" in unseren Großstädten sind ganz offensichtlich ein beredtes Zeugnis dessen.

Dass der Homo sapiens im Allgemeinen also nicht so rational denkt und argumentiert, wie meine skeptische Kollegin es gern tut, liegt auf der Hand. Nichtsdestotrotz fühlte ich mich bemüßigt, ihr ein zumindest in Ansätzen vernünftiges philosophisches Argument zu liefern. Dass meine eigene Entscheidung für Kinder sich auch mehr einer zufälligen Beziehungskonstellation und einer gewissen Neugier auf eine neue Erfahrung verdankt als philosophischen Gründen, war wenig hilfreich. Aber immerhin kann ich sie nachträglich rationalisieren: Meine Kinder bescheren mir – neben zeitweiliger Frustration über Einschränkungen meiner Existenz einerseits und vielen kleinen, kaum quantifizierbaren Momenten des Glücks andererseits – vor allem in äußerst effektiver Weise Sinn. Nicht wirklich metaphysischen, sehr wohl aber pragmatischen Sinn: Die exorbitant viele Zeit, die ich in ihre Pflege – Wickeln, Füttern, Waschen, in-den-Schlaf-bringen – investiere, und die nie enden wollenden mentalen Notizen über Kita-Wechselwäsche, Windeleinkäufe, Fahrradkäufe, Geburtstagspartys, die dauernd im Hintergrund meines Kopfes mitrauschen, lassen sich ganz im Heideggerschen Sinne (wenn auch gegen seine mit den meisten Philosophen geteilte Geringerschätzung reproduktiver Arbeit im Vergleich zu produktiver) als diejenige Art von vollkommen absorbierender Tätigkeit begreifen, die mich über weite Strecken der vollkommen durchgeplanten Woche in genau denjenigen perfekten Flow bringt, der alles Nachdenken über Sinn obsolet macht. Das ist doch immerhin schon etwas. Meine Kollegin blieb erwartungsgemäß trotzdem einigermaßen unüberzeugt.