Gäbe es nur dieses Bild, dieses entsetzliche Bild von einem kleinen Jungen in kleinen Schuhen, mit blauer kurzer Hose und rotem T-Shirt, wie er bäuchlings im Sand liegt, die Haare feucht am Kopf, die Arme wie im Schlaf ruhig neben dem Körper, die Handflächen nach oben, das Gesicht umspült von einer milden ägäischen Brandung, gäbe es also nur dieses Bild, könnte man darüber nicht schreiben. Nur schweigen und, sofern man ein Mensch ist, weinen. Es gibt aber nicht nur dieses Bild. Das Bild hat eine Geschichte. Und es hat eine Botschaft. Denn das Kind hat einen Namen. Und sein Tod einen Grund.

Das Bild wurde am Mittwoch bei der Bergung von zwölf Leichen am Strand unweit des südwesttürkischen Badeortes Bodrum gemacht und hat sich seitdem weltweit über Twitter verbreitet. Es zeigt den dreijährigen Ailan Kurdi. Berichten der Nachrichtenagentur AFP zufolge sind Ailan und sein drei Jahre älterer Bruder zusammen mit ihren Eltern aus dem syrischen Kobane geflohen. Sie wollten nicht nach Europa. Sie wollten nach Kanada, wo die Schwester des Vaters seit 20 Jahren als Friseurin in Vancouver lebt. Dem Ottawa Citizen erzählte sie, nur ihr Bruder habe die Überfahrt überlebt. Jetzt sei sein einziger Wunsch, seine Frau und seine beiden Söhne zurück nach Kobane zu bringen. Und sich neben ihnen begraben zu lassen.

Das Bild zeigt ein Kind, das unter anderen Umständen an der Hand seiner Eltern in ein Flugzeug gestiegen wäre. Aber kurdische Flüchtlinge aus Syrien werden von den Vereinten Nationen nicht ohne Weiteres als Flüchtlinge registriert, sie erhalten von der türkischen Regierung nicht ohne Weiteres die nötigen Ausreisevisa. Und Europa … ach, Europa. Die Fahrt vom kleinasiatischen Bodrum ins europäische Kos ist nicht eben eine "Überquerung des Mittelmeeres" zu nennen. Es ist eher ein Katzensprung. Zweimal täglich legt eine Fähre in Bodrum ab, morgens um 9.15 Uhr und nochmal nachmittags um 17 Uhr. Für die Strecke hinüber zur Insel braucht sie nur 20 Minuten. Und so setzte sich die Familie mit anderen in ein kleines Boot.

Das Bild ist nicht alleine, sondern Teil einer Serie. Verschiedene Bilder zeigen Ailan Kurdi am Strand, aus mehreren Perspektiven. Wir sehen angespülte Überreste von Kleidungsstücken. Einen türkischen Polizisten mit grünem Barett, der über der Leiche steht. Wir sehen, wie er den Jungen auf den Arm nimmt und davonträgt, das Gesicht zur Seite gewendet. Es gibt auch einen Film, der den winzigen Körper in den Wellen zeigt, als wäre er eben gestolpert. Schon tauchen die ersten Bilder auf, sie können auch noch nicht alt sein, die Ailan und seinen Bruder lebend zeigen. Lachend, im Spiel mit einem Teddy. Milchzähne.

Das Bild von Ailans Leichnam ist ein Schnappschuss der türkischen Fotografin Nilüfer Demir. Es erscheint und erschlägt uns mit nackter Faktizität. Es gibt hier kein Geheimnis. Das Foto ist nackt, und viele Medien verzichten darauf, es zu zeigen. In einem gelehrten Essay für den Cicero über "Die Macht der Inszenierung" stellte Michael Rutschky vor einer Weile durchaus zu Recht fest: "Snapshots des entscheidenden Augenblicks, der anschaulich die Wahrheit über ein historisches Geschehen enthüllt, gibt es nicht (mehr)." Diese Aussage muss als widerlegt gelten. Dieser Schnappschuss enthüllt anschaulich die Wahrheit über ein historisches Geschehen, dessen "entscheidender Augenblick" eine Katastrophe in Permanenz ist.

Andere Bilder sind unzumutbar

Das Bild hat eine Wirkung, und diese Wirkung hat Wucht. Der Krieg produziert unablässig Bilder des Grauens, von den Fotografien Robert Capas aus dem spanischen Bürgerkrieg bis zum nackten Mädchen in Vietnam, das brüllend vor einem Napalm-Angriff flüchtet. Die Allgegenwart von Fotoapparaten bringt eine Allgegenwart von Bildern mit sich, vor denen im Zeitalter digitaler Reproduktion kein Entkommen mehr ist. Entsprechend roh und grausam ist, was wir zu sehen bekommen. Und nicht sehen wollen. Entweder, weil wir gelernt haben, den Bildern zu misstrauen. Oder aber, weil diese Bilder in ihrer Entsetzlichkeit schlechthin unzumutbar sind. Erst in der vergangenen Woche wurden an der libyschen Küste 150 Leichen von Flüchtlingen angespült, darunter viele Kinder. Kinder, blitzlichtscharf in der Gischt, manche noch in Windeln, mit nackten Bäuchen, gebrochenen Augen und offenen Mündern, in denen das Salzwasser steht. Ist es falsch, dergleichen nicht sehen zu wollen? Ist es menschlich?

Das Bild ist ein visuelles Geschoss

Das Bild ist nicht bearbeitet. Es gibt viele Versuche, das tägliche Grauen zu verarbeiten, der sinnlosen Wucht eine Stoßrichtung zu geben. Schon zeigen die ersten Bilder Ailan Kurdi, im Tode überlebensgroß, mitten im weiten Rund eines arabischen Parlaments. So wie der Künstler Banksy für eine makabre Montage schwimmende Leichen im blauen Mittelmeer kreisförmig angeordnet hat, damit das Ensemble an die EU-Fahne erinnert. Auf diese Weise wird der Anblick des Grauens paradoxerweise zugunsten seiner politischen Anschaulichkeit entschärft. Jedes künstlerische Arrangement lenkt unseren Blick vom Grauen ab. Schlimmstenfalls hin zum Kitsch, bestenfalls auf seine Verantwortlichen. Aber immer weg, weg, weg von den offenen Mündern.

Das Bild zeigt das Kind schlechthin

Das Bild ist unerträglich, weil es erträglich ist. Und umgekehrt. Anders als die Aufnahmen von der libyschen Küste ist das Foto von Ailan Kurdi nicht auf den ersten Blick abstoßend, nicht auf den ersten Blick brutal. Sein Körper ist nicht grotesk verrenkt, nicht versehrt. Die Hülle der Alltäglichkeit ist noch unversehrt. Und wir sehen kein Gesicht. Deshalb ist in gewisser Weise nicht nur dieses Kind erbärmlich ertrunken und angeschwemmt wie Strandgut. Es ist mein Kind. Es ist dein Kind. Es ist das Kind schlechthin als Inbild naiver Hoffnung und verratener Zutraulichkeit.

Das Bild hat einen Sinn. Es ist ein visuelles Geschoss, das mühelos unseren Wahrnehmungspanzer durchschlägt und ins Herz trifft. In ein Organ also, von dem es heißt, dass es Verengungen und Verhärtungen nicht verträgt. Und zugleich, wer weiß, Ausgangspunkt politischer Entscheidungen sein kann. Rosa Luxemburg schrieb einmal: "Gewöhnlich ist ein Leichnam ein stummes unansehnliches Ding. Es gibt aber Leichen, die lauter reden als Posaunen und heller leuchten als Fackeln."

Wenn es solche Leichen wirklich gibt, dann ist Ailan Kurdis Leiche eine solche. Sie redet von Schande. Und leuchtet doch von Hoffnung. Es genügt ein Blick auf dieses Bild, auf die Sohlen seiner kleinen Schuhe. Er hätte noch weit damit laufen können.

Update vom 8. September: In einer früheren Version dieses Artikels stand, der Urheber des Bildes sei vermutlich kein professioneller Fotograf gewesen. Mittlerweile wurde Fakten zur Fotografin bekannt. Wir haben das im Text aktualisiert.