Deutschland ist auch ohne die wilde Fokussierung auf die Sozialsysteme attraktiv genug. © reuters

Als der Wirtschaftsflüchtling Claudemir Jerônimo Barreto 1999 aus einem ärmlichen Vorort von São Paulo nach Deutschland kam, sprach er kein Wort Deutsch, hatte keinen Job und nicht einmal ausreichend Geld, um sich selbst S-Bahn-Fahrscheine zu kaufen. Elf Jahre später schoss eben jener Barreto, mittlerweile bekannter unter seinem Spitznamen Cacau, das schnellste deutsche Tor der WM-Geschichte, kaufte sich ein Einfamilienhaus im beschaulichen schwäbischen Örtchen Korb und erklärte, dass er nicht einfach nur aus sporttaktischen Gründen Deutscher geworden sei. Ganz im Gegenteil, diktierte Cacau der verblüfften Öffentlichkeit: "Wir haben uns für ein Leben als Deutsche entschieden."

Dieser Tage sieht es so aus, als könnten oder wollten sich viele Deutsche kaum vorstellen, dass dieser schlichte Satz wahr sein könnte: Dass tatsächlich Menschen nach Deutschland kommen, einfach weil sie als Deutsche leben wollen. Als gute Nachbarn. Als fleißige Kollegen. Als steuerzahlende Bürger. Man muss nicht besonders tief in die ängstlichen bis fremdenfeindlichen Gefilde der aktuellen Flüchtlingsdiskussion einsteigen, um auf einen bekannten Aberglauben zu stoßen: dass diese Menschen nur kommen, um den deutschen Sozialstaat zu melken.

In die CSU ist dieser Aberglaube gar so tief eingedrungen, dass der bayerische Innenminister allen Ernstes meint, es kämen weniger Flüchtlinge nach Deutschland, wenn man nur die 143 Euro Taschengeld streichen würde. Ein gehässiger Gedanke nicht nur den Flüchtlingen gegenüber, die sich eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder und Familien erhoffen, wie einst Cacau.    

Keiner kommt freiwillig

Der Gedanke ist auch Deutschland gegenüber gehässig. Zu Ende gedacht bedeutet er: Kein Mensch bei klarem Verstand kommt freiwillig nach Deutschland, es sei denn, man bezahlt ihm bares Geld dafür. Wie gering muss das Selbstbewusstsein eines Landes sein, das so wenig an seine eigenen Qualitäten und an seine eigene Attraktivität glaubt? Überhaupt pflegen Patrioten und Nationalisten hierzulande ein eher negatives Bild ihres geliebten Deutschlands: Glaubt man diesen stolzen Deutschen, muss man sich um dieses schwächelnde Land mit seiner dem Untergang geweihten Kultur große Sorgen machen.

Schuld an diesem Unfug ist möglicherweise: Helmut Kohl. Mit seinem bis in die späten Neunziger gepflegten Mantra, Deutschland sei kein Einwanderungsland, lag Kohl schon in den achtziger Jahren daneben. Viel verblüffender aber: Kohls Leitsatz sorgte dafür, dass die Deutschen vergaßen, dass ihr mitten in Europa gelegenes Land schon immer ein Einwanderungsland gewesen ist.

Integrierte Neonazis

Im 17. Jahrhundert siedelten sich etwa 40.000 vor religiösen Verfolgungen in Frankreich geflohene Protestanten im heutigen Deutschland an. Heute muss ein Nachfahre dieser Hugenotten, Thomas de Maizière, als Innenminister für die Sicherheit und Unterbringung derer sorgen, die wie dazumal seine Urahnen Sicherheit und Zukunft in Deutschland suchen. In der Hochzeit des Ruhrgebietes wanderten allein 500.000 polnische Wirtschaftsflüchtlinge nach Westfalen ein. Heute versuchen Menschen mit so klangvollen Namen wie Sven Skoda, Patrick Brdonkalla, Matthias Deyda und Alexander Deptolla, allesamt führende Mitglieder der Dortmunder Neonazi-Partei Die Rechte, solche Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen, die, wie damals ihre Vorfahren, nach Deutschland kommen.