Als die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan vor fünf Jahren kurz nacheinander bei Maybrit Illner und Beckmann zu Gast war, um den Thesen von Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab zu widersprechen, entfaltete sich in der Folge eine Hasskampagne sondergleichen.

Was mit der Kritik an den von Foroutan angeführten Zahlen begann, weitete sich im Netz schnell zu einer regelrechten Hatz aus, die schließlich in unzähligen Beschimpfungen und Todesdrohungen gipfelte. Die gleichermaßen erschreckende wie neue Qualität lag dabei nicht nur in der Intensität und Masse der Schmähungen, sondern vor allem auch darin, dass viele der übelsten Beleidigungen mit Klarnamen und Absenderadresse versehen waren.

Dass sich der Hass so unverhohlen entlädt, ist fünf Jahre später Normalität. Auf Pegida-Märschen oder Anti-Flüchtlingsdemonstrationen wird er in die Kamera gebrüllt, im Netz unverblümt gepostet. Insbesondere auf Facebook lässt sich in den vergangenen Jahren eine Art kommunikative Enthemmung beobachten. Rassistische, sexistische und homophobe Ausfälle sind dort zum Dauerzustand geworden.

Gleichwohl sollte man deshalb jedoch nicht den Fehler der ohrensesseligen Kulturkritik begehen und soziale Netzwerke, Diskussionsforen oder Kommentarspalten pauschal als bloße Horte des Hasses abtun. Vielmehr zeigt sich gerade im Zuge der aktuellen Flüchtlingsdebatte, dass sowohl auf der Straße als auch im Netz eine eigentümliche Gleichzeitigkeit herrscht: riesige Hilfsbereitschaft und marodierende Mobs, ungeahnte Empathie und Massen an Hasskommentaren.

Doch die Frage bleibt: Woher kommt der Hass? Eine erste Antwortmöglichkeit wäre: nirgendwoher, er war schon immer da. Dem traditionell gepflegten oder situativ entgrenzten Ressentiment gegen Migranten, Homosexuelle oder Andersdenkende fehlte bis vor nicht allzu langer Zeit schlichtweg ein konstanter Kanal. Es verblieb in der Kneipe oder im ungedruckten Leserbrief.

Damit wäre dann jedoch schon die zweite Antwortmöglichkeit verbunden: Vor allem Facebook bietet die Infrastruktur zur affektiven Dauermobilisierung selbst ernannter besorgter Bürger, da sich Facebooks "Gemeinschaftsstandards" an den Maßgaben der US-amerikanischen Öffentlichkeit orientieren. Nacktheit wird etwa schnell sanktioniert, hate speech aber oft genug unter der Meinungsfreiheit verbucht. Hier hat sich zumindest in Teilen eine reaktionäre Gegenöffentlichkeit gebildet, die es in dieser verdichteten Form zuvor nicht gab. Entscheidend scheint aber schließlich noch eine dritte Antwortmöglichkeit: die Deregulierung der bürgerlichen Zornwirtschaft.

Die "Zornbank"

Um das zu erläutern, muss man zunächst in Erinnerung rufen, dass eine der zentralen Aufgaben der politischen Klasse, also vor allem von Abgeordneten und Ministern, aber eben auch Journalisten und publizistischen Stichwortgebern, allgemein nicht nur im sprichwörtlichen Bohren dicker Bretter, sondern ebenso im Anbringen von Ablassventilen besteht. Machtmanagement ist vor allem auch kollektives Affektmanagement. Deshalb fungieren Parteien und politische Organisationen, so könnte man mit dem Philosophen Peter Sloterdijk sagen, stets auch als Zornbanken. "Damit bezeichnen wir die Aufhebung der lokalen Wutvermögen und der zerstreuten Hassprojekte in eine übergreifende Instanz, deren Aufgabe, wie bei jeder authentischen Bank, darin besteht, als Sammelstelle und Verwertungsagentur für Einlagen zu dienen."

Historisch zeigt sich dies deutlich bei jenen Parteien und Projekten, denen ein revolutionärer Anspruch innewohnt. Die Beladenen und Frustrierten, die über Jahre und Jahrzehnte ein hohes Maß an Empörung angespart haben, können dieses bei der Zornbank ihres Vertrauens investieren, um nach gewisser Laufzeit auf eine revolutionäre Dividende zu erhoffen.

In seinem 2006 publiziertem Buch Zorn und Zeit verdeutlicht Sloterdijk diesen psychopolitischen Mechanismus dementsprechend vor allem anhand der "kommunistischen Weltbank des Zorns" und ihren nationalen Ablegern. Nun lassen sich aber natürlich auch fast alle anderen Parteien, etwa die Sozialdemokratie, obschon diese vergleichsweise kleine, dafür besser kalkulierte Renditen verspricht, oder die Vertretungen des klassischen Konservatismus als Zornbanken begreifen.

Und gerade der Konservatismus ist stets auf der Suche nach dem Wuthaben der Empörten, um es dann zur Stärkung von Familie, Staat und Kirche anzulegen. Dafür geht er zur Not auch an die politischen Grenzen. 

Wut als Investment

In der bundesrepublikanischen Geschichte gehörte es lange zum Selbstverständnis der Union, insbesondere der CSU, dass neben ihr keine bürgerlich konservativere Kraft entstehen dürfe. Ein Imperativ, der in Franz Josef Strauß' berühmtem Diktum, dass rechts neben ihm nur noch die Wand komme, seinen pointierten Ausdruck fand. Und dass es heute noch zum christsozialen Credo gehört, den rechten Rand mit wohlkalkuliertem Ressentiment zu bewirtschaften, hat Horst Seehofer mit seiner ostentativ zelebrierten Nähe zu Viktor Orbán jüngst wieder bewiesen.

Allein scheint auch das nichts daran zu ändern, dass die alten Zornbanken des Konservatismus den reaktionärsten Teil ihres Kundenstamms allmählich verlieren. Beschleunigt durch die Finanz- und Flüchtlingskrise, investieren besonders selbst ernannte besorgte Bürger ihre ersparte Wut immer öfter in neue Zornbanken, hierzulande etwa die AfD, oder crowdfunden politisch-publizistische Wutunternehmer wie Thilo Sarrazin, Udo Ulfkotte, Akif Pirinçci, Ken Jebsen oder Jürgen Elsässer. Und insbesondere die Letzteren haben die hiesige Zornwirtschaft in den letzten Jahren nachhaltig verändert.

Bei den solitären Wutunternehmern fällt nämlich zunächst auf, dass sie in gewisser Hinsicht fast alle als eine Art politischer Häretiker daherkommen, als Bekehrte, die mit dem symbolischen Kapital ihrer Konversion wuchern. Alle opponieren lautstark gegen Systeme, deren Teil sie einst waren. Sei es das politische Establishment wie bei Sarrazin oder die "Mainstream-Medien" wie bei Ulfkotte, Elsässer, Jebsen oder Pirinçci. Und dieser Status des Häretikers ist nicht zuletzt ein entscheidender Grund, warum die besagten Wutunternehmer eine diskursive Scharnierfunktion einnehmen können.