Kennen Sie diese Enthüllungsdokus, wie sie bisweilen in Fernsehsendungen wie Fakt, Panorama oder Monitor gezeigt werden? Man sieht das Innere von Schweine-, Hühner- oder Putenställen und fragt sich, welcher Wahnsinn in die Menschheit gefahren ist, dass wir diese Industrie mit Tieren als legalen Wirtschaftszweig akzeptieren, institutionalisieren, finanzieren. 

Das Problem mit solchen TV-Beiträgen ist bloß: Einige Menschen schauen sie an und wissen genau, warum sie schon längst keine Tiere mehr essen wollen. Andere Menschen jedoch wollen weiterhin Tiere essen – und wissen genau, warum sie solche Filme nicht anschauen.

Hilal Sezgin, geboren 1970, studierte Philosophie und lebt als freie Schriftstellerin und Publizistin in der Lüneburger Heide. Im vergangenen Jahr erschien von ihr u.a. Artgerecht ist nur die Freiheit. Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen im Verlag C.H. Beck. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Ilona Habben

Schließlich findet es fast niemand in Ordnung, was wir den Tieren antun, nur versuchen die meisten Menschen, das aus Selbstschutz zu verdrängen, um mit ihrem Alltag fortfahren zu können. Die Leute wollen nun mal Fleisch essen, sie würden es als empfindliche Beschneidung ihrer Menschenrechte ansehen, nicht von allem zu kosten, was kreucht und fleucht. Freies Fleisch für freie Bürger! Echte Männer grillen echte Tote. All das halt.

Vor drei Jahren habe ich Tierrechtsaktivisten kennengelernt, die Aufnahmen für die erwähnten TV-Dokus machen, für die sie nachts mit Kameras Ställe aufsuchen. Sie erzählten mir, sie hätten gehört, dass überzählige oder schwache Ferkel in den Zuchtbetrieben oft einfach im Stall erschlagen würden. Das wollten sie überprüfen und, wenn es ging, auch filmen.

Ich konnte mir eine so grausame Praxis kaum vorstellen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich sogar versucht habe, ihnen das Projekt auszureden, aber glücklicherweise ließen sie sich nicht beirren. Ein paar Monate später zeigten zwei Fernsehsendungen die verdeckten Aufnahmen: Arbeiter gingen durch die Stallabteile, entnahmen Ferkel und schlugen sie gegen die Wand, manchmal mehrmals, bis nichts mehr zappelte. Die Aufnahmen stammten aus verschiedenen Bundesländern und Betrieben, das Ferkel-Erschlagen war (und ist) offenbar eine verbreitete Praxis.

"Tierschutzgerechte Euthanasie"

Im September 2014 ging der Fernsehpreis der Deutschen Akademie für Fernsehen an die Doku Gequält, totgeschlagen und weggeworfen – das Leid in Deutschlands Ferkelfabriken, die auch mit diesen Aufnahmen arbeitet. Da hatte sich bereits die Politik, allen voran das niedersächsische Landwirtschaftsministerium, der Sache angenommen; man ließ sogar einige Ferkel obduzieren. Todesursache: Genickbruch. Man nahm weitere Stichproben. Man kündigte unangekündigte Kontrollen an. Man verfasste Leitfäden, wie "lebensschwache" Ferkel "tierschutzgerecht" zu "euthanasieren" seien. Ich entschuldige mich für die vielen Anführungsstriche, aber kein gängiger Begriff ist dem Leben und Leid der involvierten Tiere angemessen. Und wieso kommen überhaupt so viele Ferkel in den fragwürdigen Genuss, "tierschutzgerecht euthanasiert" zu werden?