Die HSW-Mitarbeiter Otto Lechner (Udo Wachtveitl) und Alex Stengele (Heiner Lauterbach) präsentieren ihr neues Gewehr dem mexikanischen Militär. © SWR/Diwa Film

Als der deutsche Regisseur Daniel Harrich vor Kurzem nach Mexiko geflogen ist, um für die ARD einen Film über illegale Waffenexporte zu drehen, sind ausgerechnet die G36-Gewehre nicht mitgeliefert worden. Und weil die mexikanische Regierung den deutschen Filmemachern auch keine Gewehre ausleihen wollte, hätte die einfachste Lösung darin bestanden, einfach ein paar G36 für 4.000 Dollar pro Stück auf dem Schwarzmarkt zu kaufen. Womit der Film seine Ausgangsthese im Grunde schon in der Produktionsphase bewiesen hatte.

Daniel Harrich und der SWR-Redakteur Thomas Reutter recherchieren den deutschen Waffen-Exporteuren nun schon seit einigen Jahren hinterher, 20.000 Seiten umfasst ihre Materialsammlung mittlerweile. Die Zwischenergebnisse haben sie in unregelmäßigen Abständen in deutschen Nachrichtensendungen veröffentlicht. Jetzt zeigt die ARD den vorläufigen Abschluss der Recherche, den Spielfilm Meister des Todes, eine Art fiktionalisierte Verdichtung der gegenwärtigen Beweislage. 

Das beste Sturmgewehr der Welt

In dem Film geht es um die schwäbische Waffenmanufaktur namens HSW, die im Jahr 2012 ein Gewehr namens SG38 nach Mexiko verkauft, obwohl dort Armee und Polizei von den Drogenkartellen kaum mehr zu unterscheiden und deshalb Waffenexporte in diese Region grundsätzlich untersagt sind. HSW steht in diesem Fall für Heckler & Koch, das Gewehr SG38 für das berüchtigte G36, das laut Hersteller "beste Sturmgewehr der Welt". Um das Embargo zu umgehen, schlägt ein Berliner Beamter vor, die Gewehre ausschließlich in mexikanische Bundesstaaten zu liefern, die als sicher gelten. Der Plan geht auf, das Geschäft kommt zustande.

Der Skandal wird an der Person des jungen schwäbischen Familienvaters Peter Zierler erzählt, der in Mexiko seine Menschlichkeit entdeckt. Zierler ist Teil einer HSW-Delegation, die mexikanischen Generälen und Ministern die deutsche Waffe vorstellen soll. Seine Aufgabe besteht darin, den Kunden zu zeigen, wie man die Waffe entsichert, anlegt, nachlädt. Als er mexikanischen Polizisten allerdings nicht nur wie vorgesehen die Gewehre übergibt, sondern ihnen außerdem zu einer Demonstration folgt, muss er mit ansehen, wie mit seinen Waffen zwei unbewaffnete Studenten erschossen werden.

Im Zweifel auch Menschen

Mit blutigem Polo-Shirt taumelt er durch die Straßen von Mexiko-Stadt, weinend kauert er in der letzten Reihe einer mexikanischen Kirche. Ein paar Tage später beschließt er, aus der Branche auszusteigen. An einer Stelle fragt ihn die mexikanische Bürgerrechtlerin Penelope Rosalen: "Was willst du wirklich, German boy?" Kleinbürger Zierler: "Sag du es mir."

Er habe selbst lange darüber nachgedacht, ob das wirklich glaubhaft ist, sagte der Schauspieler Hanno Koffler, als der Film im Berliner Kino Babylon erstmals einer größeren Öffentlichkeit gezeigt wurde. Schließlich dürfe man grundsätzlich davon ausgehen, dass Mitarbeitern von Waffenherstellern bewusst sei, dass ihre Gewehre töten, im Zweifel auch Menschen und im Zweifel auch dann, wenn sie unbewaffnet und moralisch im Recht sind.

Unterlassene Hilfeleistung


Andererseits sei es eben immer auch ein Fehler, die Macht der Verdrängung zu unterschätzen. Auch das Publikum in diesem Kinosaal werde in den meisten Fällen einfach weiter seinen Angelegenheiten nachgehen, obwohl es spätestens jetzt wisse, dass deutsche Regierungsbehörden Waffenexporte in Krisenländer auch in seinem Namen beglaubigen.

Wenn Regisseure und Schauspieler ihr eigenes Publikum der unterlassenen Hilfeleistung bezichtigen, deutet das wohl darauf hin, dass es sich bei ihrem Film um eine Herzensangelegenheit handelt. Den Filmen selbst hilft es in den meisten Fällen allerdings eher nicht weiter, dass er seinen Machern besonders wichtig ist. Auch "Meister des Todes" wirkt über weite Strecken seltsam blockiert und übermotiviert.

Das geldgierige Stahl-Deutschland


Die besondere Qualität des Films ergibt sich eher aus seiner Rahmenerzählung: Bis kurz vor der Veröffentlichung wurde die Produktion innerhalb der ARD als romantische Liebeskomödie geführt, weil die Redakteure vermeiden wollten, dass Politiker und Heckler-&-Koch-Juristen zu früh auf den Film aufmerksam werden. Das Filmteam musste diese Version selbst dann noch aufrechterhalten, wenn es nach Drehschluss an der mexikanischen Hotelbar stand. Das geldgierige Stahl-Deutschland, das vormittags Waffen exportiert und nachmittags Reden über christliche Werte hält, existiert offenbar nicht nur innerhalb dieses Films. Es hätte ihn auch aufhalten können.

In einer Szene verliert der seelisch bankrotte Peter Zierler bei einer Waffenvorführung kurz den Verstand, rennt vor den Augen der mexikanischen Militärs schreiend ins Meer und schießt mit dem Vorführgewehr wild um sich. Auch an dieser Szene ist am ehesten interessant, dass sie sich auch in Wirklichkeit genau so abgespielt hat. Und die Dialoge zwischen hochrangigen Politikern und Waffenlobbyisten klingen so ungebrochen bösartig und schmierig, sie sind im filmischen Sinne eigentlich unoriginell. Allerdings beruht das Script zu großen Teilen auf Ermittlungsakten, zu denen die Redakteure exklusiv Zugang hatten. Diese Leute reden offenbar wirklich so.

Die ARD zeigt "Meister des Todes" am Mittwoch, den 23. September um 20:15 Uhr. Im Anschluss läuft die Dokumentation "Tödliche Exporte – Wie das G36 nach Mexiko kam".