Der untenstehende Artikel mit dem Titel "DAS MONSTRÖSE" ist das Ergebnis der dritten Kollaboration zwischen der Zeichnerin Nele Brönner und der Autorin Monika Rinck. Dabei reagiert Text auf Zeichnung und Zeichnung wiederum auf Text. Es ist ein Vorgang wechselseitigen Übersetzens, bei dem es nicht um Beschreibung geht, sondern um Gegenüberstellung. 

Im Jahr 2014 erschien das Ergebnis der ersten Zusammenarbeit "I AM THE ZOO – Candy – Die Geschichte vom inneren Biest" im Verlag Peter Engstler, worin sich Brönner und Rinck mit dem Innenleben von menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren beschäftigten.

"DAS MONSTRÖSE" spricht mit vielen Stimmen. Es fragt nach Nähe und Distanz, nach Aufrechnung und ihrer Unmöglichkeit, nach Haltung und der Frage, was auf deren komplette Aufgabe folgt. Gibt es die Freundlichkeit nur in der Distanz, oder geht sie in Gleichgültigkeit über? Ist die Nähe zum Monströsen zu verkraften, wenn sie Spuren des Monströsen in mir selbst wachruft? Wie habe ich mir das vorzustellen? Ein Vorschlag in fünf Bildern und vier Texten.

© Nele Brönner

Mein Zögern, das gleichsam das Ihrige ist, die Lücke zu füllen. Ein Tausch findet nicht statt. Man hält die Dinge eben fest. Sie wären natürlich dennoch zu bewerten gewesen. Das wollte man aber nicht. Was sich realisiert, ist nicht Vernunft, sondern Auspreisung. Doch die Modernisierung aller Lebensbereiche hat sich längst vollzogen. Dann wieder: die Frage der Instanzen. Eine tiefe Schwärze, etwas wie Migräne, fatale Untätigkeiten. Der Löschrobot läuft drüber, Nacht für Nacht. Das Verschwinden war sexueller Natur. An dieser Bushaltestelle hält nur einmal pro Woche ein Bus, manchmal fährt er auch einfach an den Wartenden vorbei. Das ist freilich für den Bus einfacher als für die Wartenden. Damit war eine neue Woche angebrochen, in der es wieder kaum möglich war, über das Monströse zu sprechen. Ein Tausch findet nicht statt, sagten die anderen unter Tränen. Sie waren verzweifelt. Verzweifelt waren auch die Angesprochenen, denen es, im Unterschied zu den anderen gelang, ihre Erschütterung herunterzukühlen. Sie waren wie betoniert. Der Versuch, die Lücke so zu halten, dass sich das Monströse ihrer nicht bemächtigen konnte, erforderte die gesamte Kraft, der einen sowie der anderen. Plötzlich die Idee: alles fahrenzulassen. Jetzt.

© Nele Brönner

Was passiert, wenn man loslässt? Falsch, was könnte passieren? Das Aufwabern des Monströsen, worauf dessen kautschukartige Materialisierung folgt, fleischfarben und behaart, insgesamt also irgendwie menschlich, die sich sofort einem der Bildschirme zuwendet, mit ihrem jüngsten Austrieb nach der verkabelten Maus tatscht, dann mehrere Stunden fixiert bleibt, hin und wieder heiser auflacht. Eine andere Materialisierung aber umhüllte ein klapperndes Gerüst und finge sofort an zu schreien und zu fluchen sowie vor allem: zurückzuzucken. Flocken von Panik. Ein tiefer Atem schwärzt die Luft im Zimmer. Es scheint die Lava aus dem Erdinnern hervorzuschwappen. Asphaltbrocken verhindern die schnelle Passage. Rotes Glühen und tatarische Ansprachen. Das Monströse reißt die Anwesenden an sich heran und haut ihre Köpfe gegeneinander, tut dann in einer gespenstigen und verächtlichen Anverwandlung, als wolle es die sich heftig Wehrenden säugen, mithilfe der hervorkommenden Futschibuchteln. Warum also muss die Lücke freigehalten werden? Wegen der Distanz, die die Freundlichkeit ist.

© Nele Brönner

Dass ich nun lernen müsse, "ich" zu sagen. Definitiv. Ich sage: Ich. Alles applaudiert. Offenbar habe ich, indem ich "ich" sagte, zu irgendetwas ja gesagt. Das beunruhigt mich, schnell schiebe ich ein Nein nach. Ein Grollen kommt über den unbewegten Dingen auf und es trübt sich mein Blick. Ist das Wut? Ja, das ist Wut. Im Erdinneren wälzt sich die Lava. Das, was in mir monströs ist, nimmt Kontakt auf zu dem Monströsen, das im traurigsten Aggressor wohnt. Sie treffen sich, um zu dümpeln. Mir kommen Tränen und klirren. Sie sollen nicht dümpeln! Hört sofort auf zu dümpeln, höre ich meine strengste und böseste Stimme schreien. Sie ist mir selber fremd, aber sehr, sehr nah. Offenbar habe ich wieder von der Negativität gekostet. Ein Spezialeinsatzkommando stürmt herein und erledigt die Nachbarn. Ich wäre zu gerne hiergeblieben. Doch man kann von dieser Seite nicht mehr auf Verständnis hoffen. Ich bin über das Monströse mit allem verbunden, was ich ablehne. Die Wut macht es leider nicht besser.

© Nele Brönner

So pochen im gleichen Takt eben diese eingeschwärzten Dinge, ja, sie pochen auch in Ihnen, und in mir. Poch, poch. Poch, poch. Sie haben aufgehört, einander zuwiderzulaufen, und mündeten dann unter knallenden Affekten wie in ein undichtes Becken in Resignation. Es hat sich eine Wandlung vollzogen. Belastbare Gedanken finden seither nur noch auf herzenskalten, reibungsarmen Oberflächen statt. Das aber ist sicherlich falsch. Doch auch das Gegenteil ist nicht richtig. Tiefe ist Fläche, das Tempo kann endlich wieder gehalten werden, heißt es. Darauf fußt die Berechnung, auch dies nennt sich Vernunft. Nötigung durch Bedürfnisse hatte ich im Übrigen abgelehnt, seit ich denken kann. Dass ich infiziert bin, macht es nicht besser. Es wird erneut klar, dass sich das Monströse mit dem Ähnlichen befasst. Die Verletzung wird durch die alten an die neuen Opfer weitergegeben, wenn auch unterwegs transformiert. Es gibt gleichwohl eine bewegungsarme Suche nach kaputtem Schmoren. Wobei sich in deinen Augen ausgerechnet die Elenden aneinander rächen, oder du in deinem Kopf den Schatten eines falschen Gedankens erhaschst, der meint, verstanden zu haben, was Veropferung meint, Du Monster.

Die Zirkade © Nele Brönner

Monika Rinck, Autorin. Zuletzt erschienen "Honigprotokolle", Gedichte, 2012, "Risiko und Idiotie", Essays, 2015 , sowie, zusammen mit Nele Brönner: "I AM THE ZOO, Candy – Geschichten vom inneren Biest".  Im Herbst erhält sie den Kleist-Preis.

Nele Brönner, 1977 in Marburg geboren, lebt und arbeitet als Illustratorin und Künstlerin in Berlin. Ihre Arbeiten wurden vielfach publiziert und ausgestellt unter anderem in der Akademie der Künste Berlin, Kyoto International Manga Museum, Neurotitan Berlin, Galerie der Stadt Wels/AUS und Boom Festival Sankt Petersburg und mehrfach ausgezeichnet. Neben der eigenen künstlerischen Arbeit unterrichtet sie auch.