"Eis-Neger 1 Mark" stand auf dem Schild, geschrieben in roter Fifties-Schrift nebst der Zeichnung eines "kohlrabenschwarzen Mohrs" mit allem drum und dran – Ohrkreolen, knallroten Wulstlippen und grinsenden Kulleraugen. Er leckte fröhlich an einem Softeis mit Schokosauce. Die Anzeige wirkte uralt, die Frau am Eisstand unserer Herbstkirmes auch. Um als afro-deutsche Teenager zumindest ein bisschen Dampf abzulassen, bestellten wir bei der Dame lautstark einen "Eis-Nazi, bitte!". Das ganze Szenario war ein Überbleibsel alter Zeiten, das war mir klar. Spätestens, wenn ich erwachsen wäre, würde es weder dieses Eis, noch das Wort "Neger" geben. 

Nun ist das mehr als 20 Jahre her, und ich habe das N-Wort in den vergangenen Monaten häufiger gehört als in der Zeit jenes vorsintflutlichen Eisplakates auf der Kirmes. Es ist, als habe die Gesellschaft sich die Tarnkappe politischer Korrektheit beherzt vom Kopf gerissen und arbeite sich nun, unbeschreiblich befreit, durch die Klaviatur der Tabuwörter. 

Zwar befinden wir uns parallel in einem Rausch aus Mitgefühl und Hilfsbereitschaft, selbst an der feinsten Dinnertafel kreisen die Themen um nichts anderes mehr als um Flüchtlinge. Gleichzeitig aber ist seit Monaten zu beobachten, wie sich im ganz normalen Alltag der Nebel aus jahrelang eingeübter, ja, geschluckter Toleranz aufzulösen beginnt. Ein bisschen so, wie der Schnee nach einer kalten Silvesternacht schmilzt und darunter Massen an Feuerwerksknallern und Hundescheiße zum Vorschein kommen. Man stochert nicht mehr im pseudoeinheitlichen Konsensnebel herum, sondern sieht im Ansatz, wie gruselig es wirklich ist. Seitenlange Onlinekommentare lassen plötzlich erahnen, wie viele Intellektuelle keinen Bock mehr haben, mit den "viel zu lauten" Migranten aus der Nachbarschaft abzuhängen.   

Julia Grosse ist Kunsthistorikerin und arbeitete sieben Jahre als Kulturkorrespondentin in London. Seit anderthalb Jahren lebt sie mit ihrer Familie in Berlin und ist Chefredakteurin und Mitgründerin des Online-Kunstmagazins "Contemporary And". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Georgia Kuhn

Rassistische Begriffe wie das N-Wort fallen plötzlich wieder ganz direkt. Auch in scheinbar naiven Kontexten, wie es kürzlich in der Süddeutschen Zeitung der Fall war. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hatte Roberto Blanco in der Hau-drauf-Show Hart aber fair einen "wunderbaren Neger" genannt. Gemeint war nach bayerischen Standards wohl: Er spricht Deutsch, geht auf die Wiesn, singt Schlager und ist Ehrenmitglied der CSU. Nachdem Herrmann von einem Orkan an Kritik verschluckt wurde, lud die SZ ihre Leser zu einer ganz unbefangenen Onlineumfrage ein: "Stellt sich Innenminister Herrmann mit seiner Äußerung selbst ins Abseits? Diskutieren Sie mit!" 

Genau darin steckt das Detail, mit dem ich derzeit ein Problem habe. Gar nicht mal in dem Fakt, dass der Innenminister eines Bundeslandes, so etwas von sich gibt. Das eigentliche Dilemma ist, dass ein viel gelesenes Medium überhaupt auf die Idee kommt, seine Leser zu fragen, ob dieses elende, nervende N-Wort heute noch "okay" ist oder nicht. Denn was soll uns das Ergebnis sagen? Dass die eine Hälfte findet: Nein! – dieses Wort ist tabu und zwar spätestens seit den siebziger Jahren. Und die andere Hälfte meint: Na ja, "Neger" kommt vom lateinischen niger, schwarz. Also keine Notwendigkeit, gleich sämtliche Kinderbücher umzutexten

Fakt ist: Die Zeiten, in denen Leute nicht wussten, dass das N-Wort beleidigend ist, und aus allen Wolken fielen, wenn man es ihnen höflich sagte, sind absolut vorbei. Niemand, wirklich niemand, der jünger als 60 ist und nicht in einer Höhle im Allgäu lebt, kann mir 2015 ernsthaft vermitteln, dass er nicht mitbekommen hat, dass das N-Wort eine hässliche Beleidigung ist. Menschen fühlen sich durch den Begriff diskriminiert und verletzt. 

Aber eben das, dieser feine Akt der Verletzung, wird plötzlich nicht mehr als Grenzüberschreitung akzeptiert. Nun heißt es: Ja, ist denn alles verboten, darf man nichts mehr sagen? Man möchte das N-Wort weiterhin frei aussprechen, dem schwarzen Gegenüber dabei auf die Schulter klopfen und von ihm hören, dass er kein Problem damit habe. Das letzte Wort spricht eben immer noch der deutsche männliche Bildungsbürger, und der will sich die Benennungshoheit nicht verbieten lassen. "Das ist 'mein' N-Wort. Und das lasse ich mir nicht nehmen. Punkt."