Assommons les pauvres!Erschlagt die Armen! überschrieb Charles Baudelaire 1865 ein Prosagedicht, in dem ein Mann einem Bettler auf den Kopf schlägt. Titel und Geste hat die Schriftstellerin Shumona Sinha für ihr zweites Buch übernommen, in dem sie die Kehrseite des Asylsystems mit wütendem Blick seziert. Die Protagonistin, eine namenlose Dolmetscherin in einer französischen Asylbehörde, verzweifelt an dem System, das für sie nur noch aus Lügen und Misstrauen besteht. Schließlich schlägt sie selbst zu, wie der Mann in Baudelaires Prosagedicht: Mit einer Rotweinflasche überwältigt sie in der Pariser Metro einen fremden Migranten, der sie zuvor bedrängt hatte. In Untersuchungshaft versucht die junge Frau die Gründe für ihre Tat nachzuvollziehen. 

In Sinhas Heimat Frankreich sorgte das Buch 2011 für Furore. Medien lobten und skandalisierten es gleichermaßen. Erschlagt die Armen! schaffte es sogar auf die Shortlist des renommierten französischen Prix Renaudot.

Vier Jahre später diskutiert man in Deutschland und ganz Europa so angeregt wie nie über steigende Flüchtlingszahlen und das Rechtssystem, das die Ankommenden verteilt. Die Behörden sind mit der Anzahl an Asylanträgen maßlos überfordert, an vielen Orten Deutschlands werden Flüchtlingsheime angezündet, manche EU-Staaten verweigern sich immer noch der Aufnahme von Flüchtlingen. Die deutsche Übersetzung von Sinhas Roman erscheint zu diesem Zeitpunkt wie das Buch der Stunde. 

Die Geschichte einer Aggression

Der Titel Erschlagt die Armen! bekommt heute angesichts der versinkenden Schiffe vor Lampedusa einen bitteren Beigeschmack. Sinha spricht mit einer überspitzten Radikalität schon im Titel aus, was keiner sich zu sagen traut und dennoch als offene Frage hinter der Politik des Asylsystems lauert: dass es für "die Armen" in der EU keinen Platz gibt. Dass man nicht weiß, wohin mit ihnen. Im Gesetz ist diese Frage mit der Auflage verankert, dass nur politisch Verfolgte Asyl erhalten dürfen. Wohin mit den anderen, die nur auf der Suche nach einem besseren Leben sind?

Sinha erzählt die Geschichte einer Aggression. Die junge Frau ist selbst vor einigen Jahren als Einwanderin in das Land gekommen. Hier wiederholt sich in den Geschichten der Asylbewerber genau jenes Elend, dem sie doch zu entkommen suchte. Vor allem wiederholt sich die Übermacht der Männer, von der sie sich, und alle anderen Frauen mit ihr, freimachen wollte. 

In ihrer Arbeit als Übersetzerin bei der Behörde wechselt die junge Frau die Seiten. Sie ist nicht die Immigrantin mit dem Verständnis für jene, die wie sie in eine neue Heimat kommen. Stattdessen nimmt sie den Blick der schönen "milchfarbenen" Beamtinnen an, die in jeder der Geschichten eine Lüge erkennen, ausgedacht, um die Hürde der Einreise zu überwinden. Das Asylsystem wird für sie zur "Lügenfabrik", in der die Asylbewerber immer neue Erinnerungen erfinden, die in ihrer immer gleichen Wiederkehr betäuben. Es ist der Apparat des Staates, der diese Lügen produziert und gleichzeitig die Beamten zu schärfstem Misstrauen erzieht. Die Dolmetscherin setzt "einen Bindestrich" zwischen die Seiten. Eine praktisch unmögliche Verbindung, die sie manchmal zu unkontrolliertem Lachen provoziert. Immerhin hier kann sie die Übermacht der Männer brechen, indem sie ihnen ins Gesicht lacht, indem sie einen, stellvertretend für alle, erschlägt.