Die Männer sind es, mit denen die Protagonistin vor allem ringt, wenn sie ihnen bei der Arbeit gegenübersitzt oder wenn sie sich ihnen nachts im Beischlaf ergibt. Mitgefühl kann sie nur mit den missbrauchten Frauen empfinden. Das Weinen eines vermeintlichen Vergewaltigungsopfers lässt auch die Protagonistin während der Übersetzung vor Gericht in Tränen ausbrechen. Ihre Kollegen belächeln sie. Die Zeugin habe sich doch nur Zwiebeln unter die Augen gerieben. Bei Vergewaltigung stünden die Chancen auf Asyl besonders gut. Der vermeintliche Fake wird zum Schlüsselerlebnis. Das Gefühl, betrogen zu werden, wird plötzlich zu einem grundsätzlichen. Schal wirkt das Mitgefühl, wenn man diesem nicht mehr vertrauen kann; ärgerlich, wenn es einen bei der Arbeit behindert. So ergeht es auch dem Arzt, der den Asylbewerbern nicht die gewünschten Atteste ausstellen will, weil sie gesund sind. Die Protagonistin rekapituliert: "Er ärgerte sich, weil diese Unglücklichen bei ihm ein unangenehmes Mitgefühl auslösten. Ich verstand ihn."

Darf man so etwas sagen? – Ja, man darf. Das Buch braucht seine Radikalität, um vor Augen zu führen, wie das System die Fronten verhärtet. Das heißt nicht, dass alle Asylbewerber lügen, sondern, dass die aktuelle Rechtslage sie dazu anhält – ebenso, wie sie die Beamten zu übersteigertem Misstrauen erzieht und in dem strikten Befolgen der Gesetze menschliche Gefühle abtötet.  

Ein absurdes Volkstheaterstück

Das ganze Geflecht von Begierde und Verweigerung erscheint absurd – wie ein "Volkstheaterstück" schreibt Sinha einmal. Nicht zufällig führt die Verhöre ein Herr K., was unmittelbar an Kafkas berühmten Protagonisten aus Der Prozess denken lässt. In dieses Bild passen die verführerische Kraft, mit der die Beamtinnen die Protagonistin auf ihre Seite ziehen, und das absurde Lachen der Erzählstimme genauso wie die Lügen, als Schlüssel zum Inneren eines Staates, der sich doch immerfort verweigert. Die junge Frau ist nur ein Glied an der Kette aus entmenschlichten Beamten. 

Sinhas Sprache ist aufgeladen und sie zielt direkt auf die Innereien – das zeigt sich sogar noch in der deutschen Übersetzung. Ihre Sätze sind elektrisiert von der Begierde nach den Beamtinnen, von einer "Philosophie des Unterleibs", suchen mal provokante, mal poetische Vergleiche und verlieren dabei niemals ihre Schlagkraft, die beim Lesen manchmal Schauer erzeugen.

Sinha, 1973 in Kalkutta geboren, kam 2001 nach Frankreich. Dort arbeitete sie lange Zeit selbst, wie ihre Protagonistin, als Dolmetscherin in einer Asylbehörde. Nach der Veröffentlichung ihres Romans wurde sie entlassen. Dabei braucht es in der Debatte gerade die Radikalität, mit der sich das System beschreiben lässt, die Unsicherheit, die Sinha bis zum Schluss nicht auflöst. Wer die Guten und wer die Bösen sind, lässt sich nicht sagen. Beide Seiten sind Teil einer Maschinerie, die nicht mehr funktioniert. Warum die Protagonistin den Bettler erschlug? Bei Baudelaire war es Sarkasmus, mit dem der Schriftsteller der Bourgeoisie ihren Hochmut vor Augen führte. Mit etwas anderem kann man dem obszönen bürokratischen Apparat nicht begegnen, der Asyl nur denen gewährt, die in ihrer Heimat politisch verfolgt werden.