Was sind Sie: Gesinnungsethiker oder Verantwortungsethiker? Also ich bin ja typisch Gesinnungsethikerin. Wenn ich Unrecht sehe, kriege ich das Heulen und mein Seelenheil ist mir enorm wichtig. Ich mag mir keine Ziele ausmalen, die mich zwingen, über meinen moralischen Schatten zu springen. Übrigens: Ich bin auch ein typischer Steinbock, ich liebe Ordnung und klare Sternennächte, neige zur Schwermut und halte mein Geld zusammen. Außerdem habe ich der ayurvedischen Lehre zufolge eine Pitta-Veranlagung und die Pittas haben einen scharfen Verstand, leidenschaftliche Gefühle und sollten bittere Speisen bevorzugen, sagt mein ayurvedisches Kochbuch. Und nicht zu vergessen: Im Enneagramm findet man mich als Typ 1: Reformerin/Perfektionistin. Die Eins gibt sich nie zufrieden, will alles verändern und man erkennt sie am erhobenen Zeigefinger.

Die "Asylskeptiker", die "Besonnenen" und die "Besorgten" haben sicherlich ganz unterschiedliche Sternzeichen, Persönlichkeitsmuster und Temperamente, aber eines gemeinsam: Wenn man sie fragt, wie sie es mit Ethik und Moral halten, dann zählen sie sich allesamt zum Typus Verantwortungsethiker. Sie mögen Ethik, aber nicht so sehr Moral, behaupten sie. Sie sind bereit zu ein bisschen Schlechtigkeit, weil sie höhere Ziele im Auge haben, die sie nur zu erreichen glauben, wenn sie moralische Kompromisse eingehen. Was diese höheren Ziele sind, weiß man nicht so genau. Aber es müssen wohl übergeordnete Werte sein, denn wenn es nur Interessen wären, dann wären sie gar keine Ethiker, sondern nur Egoisten.

Wer sich heute Verantwortungsethiker nennt, möchte cleverer sein als der Gesinnungsethiker. Realistischer. Vernünftiger. Klüger. Mit mehr Durchblick und einer besseren Sicht auf das große Ganze und auf die Konsequenzen dessen, was wir Gesinnungsethiker mit unserer blinden Moral und unserer naiven Hilfsbereitschaft anrichten. Sie haben ein hartes Los, diese Verantwortungsethiker, denn sie müssen die Folgen unseres Gutseins mit Schlechtsein ausbügeln.

Helfen, weil man Bock darauf hat

Nun ist es ja so, dass niemand vom anderen so genau weiß, ob er Gutes oder Böses tut. Ich habe "Besorgte" gesprochen, die vehement bestreiten, dass der Islam zu Deutschland gehört und doch im konkreten Fall ebenso hilfsbereit sind wie die "Begeisterten". Leute, deren Überforderung mit fremden Lebensstilen und deren Sorgen um unsere Sozialsysteme ich gut verstehen kann. Aber wenn ein Mensch in Not anklopft, geben sie ihm das Stück Brot und den alten Mantel, den sie übrig haben. Vielleicht brauchen sie dafür gar keine Moral und auch keine Ethik, sondern machen es, weil sie als Vatta-Pitta-Typ gut geschlafen und richtig gegessen haben? Oder weil die Sterne für sie gerade günstig stehen? Oder weil sie es einfach können und Bock darauf haben?

Ich hoffe, dass die meisten derer, die zur Zeit Moral und Hilfsbereitschaft verunglimpfen, nicht so weit gehen würden, ihre alten Mäntel lieber in den Müll zu stopfen als einem Flüchtling zu geben. Auch wenn jede Spende Teil des Systems ist, das sie anprangern, weil es "falsche Anreize" setzt und wieder neue Flüchtlinge herlockt. Ich hoffe mal, dass auch sie unangenehm berührt wären, wenn sie auf dem Weg in den Skiurlaub an der deutschen Grenze nach Österreich Zeugen würden, wie Panzer gegen wehrlose Menschen auffahren. Ist es Verantwortungsethik, diese Widerwärtigkeiten ein paar Grenzen weiter geschehen zu lassen, wo wir sie nicht so deutlich sehen? Was ist die Alternative der Verantwortungsethiker zu einer Willkommenskultur? Wie denken sie sich eine Gesellschaft, in der nicht geholfen würde? Zu welchen Lösungen rät der von ihnen gerühmte gesunde Menschenverstand? Und welchen konstruktiven Beitrag wollen sie zur Lösung der überwältigenden Probleme, vor denen wir stehen, leisten, ohne gleichzeitig Hilfsbereitschaft zu zeigen?