Liebe kann grausam sein. Jeder weiß das. Diese Grausamkeit kann bodenlos werden, wenn das Objekt der Liebe noch nicht einmal existiert und somit unüberprüfbare Projektionsfläche bleibt. Wenn die Frage, ob es einem das ersehnte Glück hätte bringen können, nicht geklärt werden konnte.

Ich habe noch mal Glück gehabt. Ich will nämlich keine Kinder. Um mich herum sehe ich aber, was ein Kinderwunsch anrichten kann, vor allem, wenn es mit der Erfüllung nicht klappt. Das kann jedem passieren, schlimm wird es, wenn man nicht loslassen kann. Weil man dachte, dass das Kind, die Familie, die Wärme und Stabilität, die man sich darin erhofft, einen erlösen würden. Von der Einsamkeit, der Sinnlosigkeit, der Zukunftsangst.

Seit mein Buch Die Uhr, die nicht tickt über Frauen,die keine eigenen Kinder wollen, erschienen ist, habe ich bereits zwei heiße Liebesbriefe an meine Eltern geschrieben. Liebesbriefe darüber, dass sie mein Selbstbewusstsein nicht zerstört haben, dass sie mir geholfen haben, zu einem Menschen zu werden, der so gut auf seine Bedürfnisse hören kann, dass er diese nicht an den von Staat, Geschlechterstereotypen und Gesellschaft vorgegebenen Konventionen orientieren muss.

Sarah Diehl lebt als Autorin und Aktivistin in Berlin. Sie arbeitet zum Thema "Reproduktive Rechte im internationalen Kontext", hat den Dokumentarfilm "Abortion Democracy: Poland/South Africa" gedreht sowie den Roman "Eskimo Limon 9" und das Sachbuch "Die Uhr, die nicht tickt" geschrieben. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Nane Diehl

Die Erzählung, dass das Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit nur mit eigenem biologischen Kind und Blutsverwandtschaft in der Kleinfamilie wirklich erfüllt werden kann, ist in unserer Gesellschaft sehr stark. Es wird als natürlich dargestellt, und das, obwohl die Kleinfamilie eine Erfindung der bürgerlichen Welt und erst 200 Jahre alt ist. Es scheint, als ob dieses Liebesversprechen (bzw. die Androhung, diese Liebe nicht zu bekommen) auch dazu dient, die Form der Kleinfamilie am Leben zu halten. Die Keimzelle für den Staat und den Markt, schließlich stabilisiert sie unsere Ökonomie, die darauf baut, dass die Frau, Teilzeitkarriere hin oder her, durchs Kind ans Heim gebunden, immer noch die Fürsorge- und Hausarbeit für die Familie und den meist besserverdienenden Mann erledigt – ohne irgendeine Kompensation. 

Aber dieses Modell brauchte neue Anreize: In den vergangenen 50 Jahren fielen durch die Errungenschaften der Frauenbewegung die ökonomischen und sozialen Zwänge für Frauen weg, ihr alleiniges Heil in der Kleinfamilie zu suchen. Frauen können mittlerweile ohne Ehemann und Familie ökonomisch überleben. Also konzentriert man sich nun auf andere Druckmittel. In einem pseudowissenschaftlichen Aufwasch werden Biologie, Psychologie, also die Natur, bedient, um Frauen weiszumachen, dass ihr Leben sinnentleert ist und sie depressiv werden, wenn sie kein Kind bekommen. Dass sie es bereuen werden, keine Familie gegründet zu haben. Die dementsprechend fabrizierten Bindungstheorien und der Stillzwang tun dann ihr Übriges, damit Frauen akzeptieren, dass die Kinderbetreuung zu ihrer Hauptlast wird, mit allen Einbußen in ihren Jobaussichten, ihrer sozialen und finanziellen Absicherung und (was nicht weniger banal ist) ihrer Freizeit und persönlichen Weiterentwicklung.

Frauen wird oft mit höhnischem Blick auf ihr Emanzipationsstreben vorgeworfen, dass sie alles wollen, aber daran scheitern. Nun, ich will keinen eigenen biologischen Nachwuchs. Aber zufrieden ist die Gesellschaft damit natürlich nicht.

Studien zeigen, dass, wenn man Paare im selben Alter, mit gleich hohem Einkommen und ähnlicher Herkunft und Ausbildung vergleicht, Kinderlose im Durchschnitt deutlich glücklicher sind als Eltern. Paare ohne Kinder weisen oft einen stärkeren inneren Zusammenhalt auf, da sie mehr gemeinsam außerhäuslich aktiv sind, sich intellektuell mehr austauschen und sich darin unterstützen, ihre Ziele zu verfolgen. Sie weisen zudem oft gleichberechtigtere Beziehungsformen auf als Eltern. Viele Interviewpartnerinnen in meinen Buch waren sich sicher, dass eine vorher gleichberechtigte Partnerschaft durch Kinder aus der Balance kommen würde, weil unsere gesellschaftlichen Strukturen – vom Steuergesetz über die Arbeitszeiten bis hin zur Erwartungshaltung ans Mutterideal – eben befördern, dass mehr Arbeit an der Frau hängen bleibt. Und das führt in der Beziehung zu Konflikten und Unzufriedenheit. Diese Perspektive steht dem romantischen Klischee, dass das gemeinsame Kind jede partnerschaftliche Liebe krönt, entgegen.