Wer nicht mit Fremden spricht, kann auch nichts lernen: Auf diesem Bild aus São Paulo sehen wir die Muslima Gisele Marie vor einer Plakatwand. Sie ist Frontfrau der Heavy-Metal-Band Spectrus. © Reuters/Nacho Doce

Vor einiger Zeit habe ich eine Podiumsdiskussion moderiert, es ging um das Leben nach dem Tod. Eingeladen waren ein evangelischer Pfarrer, eine islamische Theologin, ein Buddhist und ein orthodoxer Rabbiner. Bevor es losging, stellten wir uns noch kurz zusammen, um den Ablauf zu besprechen, und gemäß den hierzulande üblichen Höflichkeitsregeln setzte ich an, meine Podiumsgäste per Handschlag zu begrüßen. Der Rabbiner fühlte sich sichtlich unwohl, trat einen Schritt zurück, wand sich, aber ich stand erst mal auf dem Schlauch. Es dauerte eine Weile, bis mir einfiel, dass manche orthodoxen Juden Frauen nicht die Hand geben. Also mir nicht.

Ich verspürte zwei unmittelbare Gefühle: Scham, weil ich mich noch vor dem Kennenlernen als inkompetent in interreligiöser Begegnung erwiesen hatte. Aber auch Wut, weil mir hier jemand nicht die Hand geben wollte, bloß weil ich eine Frau bin. Was bildet der sich eigentlich ein?

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der politischen Ideengeschichte von Frauen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Julia Klöckner, Partei- und Fraktionschefin der CDU in Rheinland-Pfalz, hatte kürzlich dasselbe Problem: Ein Imam ließ ihr im Vorfeld eines geplanten Treffens mitteilen, er würde ihr – als Frau – nicht die Hand schütteln. Sie war offensichtlich genauso wütend wie ich und sagte das Treffen kurzerhand ab.

Wer weiß, vielleicht hätte ich das damals auch gemacht, wenn ich vorher gewusst hätte, was auf mich zukommt. Allerdings hätte ich dann auch eine spannende Podiumsdiskussion verpasst. Denn ehrlicherweise muss ich zugeben, dass besagter Rabbiner sehr kluge und interessante Sachen über das Leben nach dem Tod zu sagen hatte. Er verhielt sich auch mir als Moderatorin gegenüber äußerst respektvoll, hörte aufmerksam zu, was ich sagte, folgte meiner Führung, beantwortete die gestellten Fragen, ohne sich aufzuplustern. Das kann man ja leider nicht von jedem männlichen Podiumsgast sagen, gerade auch nicht "als Frau".

Ich fragte mich hinterher, wie es sein kann, dass ein so kluger und sympathischer Mensch heute noch Verhaltensweisen pflegt, die auf archaischen Geschlechterrollen und der patriarchalen Ausgrenzung und Abwertung von Weiblichkeit (und speziell von weiblichen Körpern) beruhen. Denn das finde ich nach wie vor, trotz der netten Begegnung. Ich kann eine Religion nicht akzeptieren, die strikten Separatismus der Geschlechter predigt, mit der Folge, dass Männer und Frauen in der Öffentlichkeit nicht unbefangen miteinander umgehen können. Ich halte ein solches Geschlechterverständnis für schädlich für das gedeihliche Zusammenleben und ich empfinde es als Zumutung, dass ich mich im Umgang mit Männern darauf einstellen soll.

Allerdings ist mir schon klar, dass eine simple Gegenüberstellung von "zurückgebliebener, dummer, frauenfeindlicher Kultur" versus "fortschrittliche, kluge, emanzipierte Kultur" nicht funktioniert. Die Sache ist natürlich viel komplizierter. Und ich weiß auch, dass ich das Ganze nicht neutral betrachte, sondern selbst eine Beteiligte bin: An die frauenfeindlichen Aspekte meiner eigenen Kultur bin ich gewöhnt, damit kenne ich mich aus. Als Feministin verbringe ich viel Zeit damit, sie zu analysieren und zu verstehen. Ich kann sie in einen größeren Kontext einordnen, weiß um ihre historischen Wurzeln, habe Erfahrung damit, sie zu dekonstruieren und mich dazu zu verhalten. Wenn nackte Frauen auf Autohauben drapiert werden, dann wundere ich mich nicht, denn das kenne ich schon, sämtliche Pro- und Contra-Argumente inklusive. Und eine Frau, die auf Highheels herumstöckelt, nehme ich schon gar nicht mehr wahr, diesen Anblick bin ich von klein auf gewöhnt.

Wenn ich hingegen mit den frauenfeindlichen Aspekten einer mir fremden Kultur konfrontiert bin, ist die Irritation groß: Ich bin verwundert, wenn mir ein Mann nicht die Hand geben will, denn das passiert mir normalerweise nicht. Eine Frau mit Gesichtsschleier auf der Straße fällt mir auf und ich denke spontan: "Warum macht sie das bloß?", obwohl ich mich das bei einer Highheels-Trägerin eigentlich ganz genauso fragen könnte. Meine Sensibilität für Frauenfeindlichkeit ist nicht neutral und unbestechlich, sondern kulturell geprägt. Und deshalb finde ich es richtig, mich mit pauschalen Urteilen über andere Kulturen zurückzuhalten und erst mal meine eigenen Vorurteile zu reflektieren.