Vor einiger Zeit habe ich eine Podiumsdiskussion moderiert, es ging um das Leben nach dem Tod. Eingeladen waren ein evangelischer Pfarrer, eine islamische Theologin, ein Buddhist und ein orthodoxer Rabbiner. Bevor es losging, stellten wir uns noch kurz zusammen, um den Ablauf zu besprechen, und gemäß den hierzulande üblichen Höflichkeitsregeln setzte ich an, meine Podiumsgäste per Handschlag zu begrüßen. Der Rabbiner fühlte sich sichtlich unwohl, trat einen Schritt zurück, wand sich, aber ich stand erst mal auf dem Schlauch. Es dauerte eine Weile, bis mir einfiel, dass manche orthodoxen Juden Frauen nicht die Hand geben. Also mir nicht.

Ich verspürte zwei unmittelbare Gefühle: Scham, weil ich mich noch vor dem Kennenlernen als inkompetent in interreligiöser Begegnung erwiesen hatte. Aber auch Wut, weil mir hier jemand nicht die Hand geben wollte, bloß weil ich eine Frau bin. Was bildet der sich eigentlich ein?

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der politischen Ideengeschichte von Frauen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Julia Klöckner, Partei- und Fraktionschefin der CDU in Rheinland-Pfalz, hatte kürzlich dasselbe Problem: Ein Imam ließ ihr im Vorfeld eines geplanten Treffens mitteilen, er würde ihr – als Frau – nicht die Hand schütteln. Sie war offensichtlich genauso wütend wie ich und sagte das Treffen kurzerhand ab.

Wer weiß, vielleicht hätte ich das damals auch gemacht, wenn ich vorher gewusst hätte, was auf mich zukommt. Allerdings hätte ich dann auch eine spannende Podiumsdiskussion verpasst. Denn ehrlicherweise muss ich zugeben, dass besagter Rabbiner sehr kluge und interessante Sachen über das Leben nach dem Tod zu sagen hatte. Er verhielt sich auch mir als Moderatorin gegenüber äußerst respektvoll, hörte aufmerksam zu, was ich sagte, folgte meiner Führung, beantwortete die gestellten Fragen, ohne sich aufzuplustern. Das kann man ja leider nicht von jedem männlichen Podiumsgast sagen, gerade auch nicht "als Frau".

Ich fragte mich hinterher, wie es sein kann, dass ein so kluger und sympathischer Mensch heute noch Verhaltensweisen pflegt, die auf archaischen Geschlechterrollen und der patriarchalen Ausgrenzung und Abwertung von Weiblichkeit (und speziell von weiblichen Körpern) beruhen. Denn das finde ich nach wie vor, trotz der netten Begegnung. Ich kann eine Religion nicht akzeptieren, die strikten Separatismus der Geschlechter predigt, mit der Folge, dass Männer und Frauen in der Öffentlichkeit nicht unbefangen miteinander umgehen können. Ich halte ein solches Geschlechterverständnis für schädlich für das gedeihliche Zusammenleben und ich empfinde es als Zumutung, dass ich mich im Umgang mit Männern darauf einstellen soll.

Allerdings ist mir schon klar, dass eine simple Gegenüberstellung von "zurückgebliebener, dummer, frauenfeindlicher Kultur" versus "fortschrittliche, kluge, emanzipierte Kultur" nicht funktioniert. Die Sache ist natürlich viel komplizierter. Und ich weiß auch, dass ich das Ganze nicht neutral betrachte, sondern selbst eine Beteiligte bin: An die frauenfeindlichen Aspekte meiner eigenen Kultur bin ich gewöhnt, damit kenne ich mich aus. Als Feministin verbringe ich viel Zeit damit, sie zu analysieren und zu verstehen. Ich kann sie in einen größeren Kontext einordnen, weiß um ihre historischen Wurzeln, habe Erfahrung damit, sie zu dekonstruieren und mich dazu zu verhalten. Wenn nackte Frauen auf Autohauben drapiert werden, dann wundere ich mich nicht, denn das kenne ich schon, sämtliche Pro- und Contra-Argumente inklusive. Und eine Frau, die auf Highheels herumstöckelt, nehme ich schon gar nicht mehr wahr, diesen Anblick bin ich von klein auf gewöhnt.

Wenn ich hingegen mit den frauenfeindlichen Aspekten einer mir fremden Kultur konfrontiert bin, ist die Irritation groß: Ich bin verwundert, wenn mir ein Mann nicht die Hand geben will, denn das passiert mir normalerweise nicht. Eine Frau mit Gesichtsschleier auf der Straße fällt mir auf und ich denke spontan: "Warum macht sie das bloß?", obwohl ich mich das bei einer Highheels-Trägerin eigentlich ganz genauso fragen könnte. Meine Sensibilität für Frauenfeindlichkeit ist nicht neutral und unbestechlich, sondern kulturell geprägt. Und deshalb finde ich es richtig, mich mit pauschalen Urteilen über andere Kulturen zurückzuhalten und erst mal meine eigenen Vorurteile zu reflektieren.

Jede Kultur lässt sich besser von innen heraus verändern

Ist das aber schon Kulturrelativismus? Ich glaube nicht. Bei der aktuellen Debatte stehen sich ja meistens zwei Positionen gegenüber: Die einen fordern von Neuankömmlingen eine umgehende Anpassung an die deutsche "Leitkultur", die anderen meinen, es solle doch jeder nach seiner Façon selig werden. Aber beides wird nicht funktionieren, denn beide Wege schummeln sich darum herum, die Differenzen tatsächlich auszutragen, die sich notwendigerweise einstellen, wenn Menschen mit unterschiedlichen Ansichten und Gewohnheiten zusammen leben. Die Relativisten wollen einfach gar nichts entscheiden. Die Universalisten sollen die "Wahrheit" per ordre du mufti durchsetzen.

Julia Klöckner zum Beispiel fordert aufgrund ihrer jüngsten Erfahrung laut Zeitungsberichten jetzt ein "Gesetz zur Integrationspflicht". Aber wie soll ich mir das vorstellen? Dass ich beim nächsten Mal, wenn mir jemand nicht die Hand geben will, die Polizei rufe? Gesetze haben wir ja schon. Sie legen fest, was wir auf keinen Fall tolerieren wollen: Physische und psychische Gewalt, Zwang und Nötigung, das alles ist verboten, und wenn jemand so etwas tut, muss der Staat eingreifen. Da kann auch der Verweis auf religiöse oder kulturelle Gewohnheiten kein Argument sein, genauso wenig übrigens, so meine Meinung, der Verweis auf gekränkten Männerstolz oder zu viel Alkohol.

Nicht alles, was falsch ist, darf verboten sein

Doch die Frage, was per Gesetz verboten werden soll, ist eben nicht gleichbedeutend mit der Frage, was richtig oder falsch ist. Bei Gesetzen geht es darum, eine Grenze zu ziehen zwischen dem, was wir als Gesellschaft gerade noch tolerieren wollen, und dem, was wir auf gar keinen Fall tolerieren wollen. Aber diese Grenze darf nicht zu früh angesetzt werden. Denn es gehört ebenfalls zum Kernbestand der westlichen Freiheitswerte, nicht alles, was falsch ist (oder was eine Mehrheit falsch findet), zu verbieten. Freiheit, so wie wir sie demokratischerweise verstehen, beinhaltet ganz zentral das Recht von Individuen und Minderheiten, Dinge anders zu machen als die Mehrheit. Wenn wir also nicht einfach gegen alles, was wir aus ethischen Gründen ablehnen, sofort ein Gesetz machen, dann nicht, weil wir unsere "westlichen" Werte relativieren. Sondern ganz im Gegenteil, weil wir ihnen treu bleiben.

Vielleicht ist es auch typisch protestantisch von mir (wir Lutherischen haben es ja sehr mit dem Gewissen), aber ich will nicht, dass ein jüdischer oder muslimischer Mann mir die Hand gibt, weil irgendeine Verordnung zur Durchsetzung der deutschen Leitkultur ihm das vorschreibt. Sondern ich will, dass er das freiwillig tut, dass er einsieht, dass das richtig ist. Deshalb bleibt mir nichts anderes übrig, als ihm zu vermitteln, warum mich sein Verhalten ärgert, warum es meiner Ansicht nach falsch ist und dem guten Zusammenleben schadet. Und dieses Bemühen meinerseits hat wiederum nur dann eine Aussicht auf Erfolg, wenn ich weiß, warum er es ablehnt, Frauen die Hand zu geben. Woher diese Regel kommt, der er da folgt, was ihr Sinn ist. Denn nur dann besteht eine Chance, dass ich Argumente finde, die ihn vielleicht überzeugen. Übrigens ist dafür der Austausch mit jüdischen oder muslimischen Feministinnen ganz hilfreich, die haben nämlich diese Diskussionen meistens schon lange geführt, und jede Kultur und Religion lässt sich viel besser und effektiver von innen heraus kritisieren und verändern als von außen.

Sich aufeinander einlassen und Tacheles reden

Aber die Aufgabe, Differenzen zu benennen und die damit verbundenen Konflikte auszutragen, betrifft unsere Gesellschaft insgesamt, jede und jeden Einzelnen. Wir können das nicht an eine höhere Instanz delegieren. Das Andere interessant zu finden, erst einmal zu staunen und zu fragen anstatt gleich zu beurteilen, bedeutet dabei nicht automatisch, alles zu relativieren. Und einen klaren eigenen Standpunkt einzunehmen bedeutet nicht automatisch, die eigene Weltsicht anderen überstülpen zu wollen.

Die italienische Philosophin Luisa Muraro schlägt vor, an dieser Stelle zwischen Relativismus und Relativität zu unterscheiden. "Relativismus", so schreibt sie, "bedeutet, die Suche nach dem allumfassenden Wahren und Richtigen aufzugeben, weil in Betracht gezogen wird, dass alle möglichen Antworten von Kulturen abhängen (oder von Standpunkten oder Interessen), die historischer Natur und daher veränderbar sind, wobei keine sich als den anderen überlegen betrachten könne."

Demgegenüber bedeutet Relativität, die konkrete Bezogenheit zwischen mir und der anderen Person ins Zentrum zu stellen. Die meisten Differenzen, die sich im Alltagsleben ergeben, liegen nun einmal unterhalb der Schwelle dessen, was gesetzlich geregelt werden kann. Aber das muss uns nicht davon abhalten, in der konkreten Situation das Gespräch zu suchen und dabei Tacheles zu reden. Also klar zu formulieren, was meiner Meinung nach richtig und was falsch ist, und dann für diese Haltung einzustehen, zu werben. Das geht natürlich nicht mit bloßer Propaganda und auch nicht mit machtpolitischen Muskelspielen – Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst! – sondern nur, indem man sich wirklich auf ein Gespräch einlässt. Es geht darum, schreibt Muraro, "nach Vermittlungen zu suchen, um vom einen zum anderen Standpunkt zu gelangen. In der Praxis heißt das, dass ich versuche, das, was ich in erster Person lebe, weiß und empfinde, in etwas zu übersetzen, was die andere Person verstehen kann."

Leider hatte ich damals keine Gelegenheit, oder vielleicht fehlte mir auch der Mut, den Rabbiner darauf anzusprechen, dass sein Verhalten mich verletzt hat und dass ich es falsch finde. Er hat das zwar vermutlich trotzdem gemerkt, bestimmt erlebt er solche Situationen öfter. Aber eigentlich ärgerte ich mich hinterher nicht nur über die Tatsache, dass er mir nicht die Hand gegeben hat, sondern fast mehr noch darüber, dass ich das kommentarlos akzeptiert hatte, ohne meinen eigenen Standpunkt ebenfalls deutlich zu machen und neben seinen zu stellen.

Vielleicht treffe ich ihn ja noch einmal wieder. Die gelungene gemeinsame Podiumsdiskussion wäre immerhin schon ein Beziehungsfaden, an den wir bei einem nächsten Gespräch anknüpfen könnten.