Ich habe mal BWL studiert. Drei Semester. 1998/99. Ich dachte, ich muss etwas Vernünftiges machen, denn meine Eltern hatten mir kurz nach dem Abitur eröffnet, dass ich nichts erben würde. Außerdem lag mein Notendurchschnitt 0,1 unter dem Numerus clausus des von mir gewünschten Faches "Angewandte Kulturwissenschaften" an der Universität Lüneburg.

In der ersten Vorlesung der "Einführung in die Betriebswirtschaftslehre", die in einem der neuen modernen Hörsäle der gerade umgebauten Lüneburger Scharnhorst-Kaserne stattfand, eröffnete der Professor Ulrich Döring die Veranstaltung mit folgenden Worten: "Erstens: Die Frauen hier im Saal brauchen nicht mitzuschreiben, sie suchen hier doch nur jemanden zum reich Heiraten. Zweitens: Wer euch erzählt, dass es in einem Unternehmen um irgendetwas anderes geht als um Gewinnmaximierung, der lügt."

Ich nahm zwei Dinge aus dieser Episode mit. Erstens: Es gibt einen real existierenden Sexismus. Zweitens: Sei misstrauisch, wenn Unternehmen erklären, sie wollten die Welt verbessern. Mit Einschränkungen. Da sich Dörings Aussage eins als nur bedingt wahr erwiesen hat – mindestens eine im Saal hat bis heute keinen der damals Anwesenden geehelicht –, ist es natürlich durchaus möglich, dass es Unternehmen gibt, die etwas anderes als Gewinnmaximierung anstreben.

Stefanie Lohaus ist Journalistin. Herausgeberin und Redakteurin des "Missy Magazine". Sie lebt in Berlin und ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Urban Zintel

Diese Episode kam mir in den Sinn, als ich in der aktuellen ZEIT Hans-Werner Sinns Lösungsvorschlag zur Integration der Geflüchteten las: den Mindestlohn abschaffen bzw. ihn mit Ausnahmen für Geflüchtete aufweichen. Davon profitierten die oberen Schichten, für die sich die Putzkräfte verbilligten, sagt Herr Sinn. Vielleicht überlegt er ja schon, was er mit dem bei der Putzkraft eingesparten Geld im Jahr alles so anstellen kann.

Der Volkswirt Hans-Werner Sinn stellt durchaus wichtige Fragen zum weiteren Umgang in Deutschland mit den aus ihren Heimatländern Vertriebenen: Wer soll das bezahlen und was sollen die Menschen den lieben langen Tag machen? Eine Erwerbstätigkeit ist da keine schlechte Idee, denn in unserer Gesellschaft ist eigenes Geld Voraussetzung für Selbstbestimmung und gesellschaftliche Anerkennung. Eine Erwerbsarbeit bietet darüber hinaus ein soziales Umfeld – das man nicht immer mögen muss –, Kontakte und die Möglichkeiten, Sprache zu lernen. Erwerbstätigkeit ist eine durchaus notwendige Voraussetzung für Integration. Aber eben keine hinreichende.

Schlechte Jobs sind keine Lösung

Sinns Vorschlag, den Mindestlohn zu reduzieren, macht deutlich, dass ein Volkswirt nur ein Volkswirt ist – und kein Politiker. Ein Politiker müsste wissen, dass Integration nicht dadurch erreicht wird, dass wir Menschengruppen, die sich von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden, zuhauf in schlecht bezahlte und wenig angesehene Jobs stecken. Denn dies führt zu weiterer Stigmatisierung und immer weiterer Ausgrenzung, wie sich zum Beispiel an der Geschichte der Roma über die Jahrhunderte nachvollziehen lässt. Doch soweit zurück in die Vergangenheit müssen wir nicht blicken: Das hatten wir auch mit den Gastarbeitern und deren Kindern und Enkeln, die heute immer noch rassistischen Vorurteilen ausgesetzt sind. Bei gleichem Lebenslauf wird Mohammed seltener zum Bewerbungsgespräch geladen als Alexander, zeigen Umfragen.

Aufnahmegesellschaften wie die USA leben davon, dass sie gesellschaftliche Mobilität ermöglichen, nicht nur räumlich, sondern auch vertikal, zwischen Klassen und Schichten. Das Märchen vom Tellerwäscher, der zum Millionär wird, ist kein deutsches Märchen und das liegt nicht daran, dass unser Schul- und Qualifikationssystem insgesamt schlecht wäre, sondern daran, dass Menschen nach Status, Aussehen und Namen so vorsortiert werden, dass am Ende fast immer nur Akademikerkinder Akademiker_innen werden. Solange das so ist, helfen auch Deutschkurse wenig.