Es gibt viele schöne Gesprächsthemen – und es gibt Rassismus. Niemand redet gern darüber. Auch ich nicht. Doch manchmal muss ich eine Entscheidung treffen: Innerhalb von Sekunden überlegen, was besser ist – runterschlucken, lächeln und danach Wutstau mit Magengeschwür? Oder durchatmen, Blickkontakt, Mund aufmachen und sagen: "Das geht so nicht. Das ist rassistisch."

In den vergangenen Jahren entscheide ich mich zunehmend für Variante zwei. Ich halte sie für die gesündere – für mich und die Gesellschaft. Viele Menschen, die von Rassismus nicht direkt betroffen sind, sind noch nicht an diesem Punkt angekommen. Neulich sprach ich nach langer Zeit wieder mit einem alten Freund. Er wollte nicht mehr so viel über Hautfarben reden. Er fand es schöner, wenn man das einfach nicht erwähnt und beieinander sein kann.

In der Theorie finde ich das auch viel schöner. Ich höre und lese viele solcher Aussagen: "Ich sehe keine Farben", heißt es dann. Oder: "Für mich sind alle gleich." Wenn ich Menschen so etwas sagen höre, sehe ich sie vor meinem inneren Auge die Finger in die Ohren stecken, die Augenlider zukneifen und laut "La la la la la" rufen.

Simone Dede Ayivi hat Kulturwissenschaften studiert. Heute lebt sie in Berlin, schreibt Texte und macht Theater. In ihrem Stück "Performing Back" befasst sie sich mit den Spuren der deutschen Kolonialgeschichte. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Leider reicht es nicht, kein Rassist sein zu wollen, um nicht rassistisch zu handeln. Und leider reicht es erst recht nicht, Rassismus zu ignorieren, um ihn verschwinden zu lassen. Wir haben ein Problem. Und welches Problem lässt sich schon lösen, indem man sich nicht damit beschäftigt.

Besonders in diesen Wochen, den Wochen zwischen "Asylkritik" und "Willkommenskultur", zwischen Brandanschlägen und Helfer-Paternalismus, sprang uns das Thema ins Gesicht. Das Wort "Rassismus" aber fiel relativ selten. Stattdessen bestimmte eine Zeit lang der Begriff "Empathielosigkeit" die Diskussion. Auch "Fremdenfeindlichkeit" lag im Trend. Bevor wir von "rechtem Terror" sprachen, mussten zu viele Brände gelöscht werden.

Rassismus sitzt in der Mitte

Das war ein wichtiger Schritt: Terrorismus als Terrorismus zu benennen, ist vor allem nötig, um die Opfergruppe der Terrorisierten sichtbar zu machen. In Deutschland sind das seit Jahrzehnten Menschen of Color. Geflüchtete genauso wie Menschen, die hier geboren wurden und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Dies ist ein Grund, warum "Fremdenfeindlichkeit" nicht die richtige Beschreibung für diese Übergriffe ist. Der Antrieb dieser Terroristen ist Rassismus. Und Rassismus ist eben nicht allein ein Problem des rechten Rands, sondern sitzt gemütlich in der Mitte der Gesellschaft. Dort spricht man aber nicht über Rassismus, sondern grenzt sich höchstens von ihm ab. Man grenzt sich ab von Terroristen, die Häuser anzünden, und vom "Pack", das rassistische Parolen brüllt. Meldungen von brennenden Unterkünften werden durch Fernsehbilder von kuscheltierverteilenden Deutschen mit Willkommensschildern verdrängt.

Nicht, dass es zurzeit nirgendwo mehr brannte. Ich möchte die Arbeit der vielen freiwilligen Helferinnen und Helfer nicht kleinreden. Sie versorgen Menschen in Not mit dem Nötigsten. Das ist eine wunderbare Sache. Sie hat aber nichts mit antirassistischer Arbeit zu tun. Nothilfe und Antirassismus sind zwei verschiedene Themen, die hier vermengt werden. Und da liegt das Problem: Wir alle haben rassistische Ansichten und Denkweisen verinnerlicht. Wir sind schließlich unser Leben lang mit rassistischen Bildern konfrontiert.

Hilfsbereitschaft schafft es leider nicht, unsere Köpfe von exotisierenden Bildern vom "Orient", Vorurteilen über "die Araber" und Ängsten vor "dem Islam" zu befreien. Kuscheltiere zu überreichen und im Chor Ärzte-Lieder zu singen ist kein besseres Austreibungsritual als eine Lichterkette.

Wie hat eine Deutsche auszusehen?

Auf ihrem Blog Shehadistan beschreibt Nadia Shehadeh sehr anschaulich die kleineren und größeren Momente von Exotismus und Paternalismus, die die Begegnungen zwischen Helfenden und Geflüchteten begleiten: Die einen scheinen ganz genau zu wissen, was die anderen brauchen. Sind überrascht, dass Geflüchtete "ganz normal" reden und antworten. Oder wollen sie erst einmal Schulungen zu Ordnung und Sauberkeit unterziehen. Mein Newsfeed bei Facebook bestand im August hauptsächlich aus Berichten von Deutschen of Color, die von weißen Deutschen für Geflüchtete gehalten wurden – Menschen, denen man sagte: "Du darfst nicht helfen. Wir helfen!", "Man sagt Danke für den Teddy" und "Ich schenke dir meine Bild".

Die meisten nehmen es mit Humor. Nach drei Generationen endlich in Deutschland Willkommen geheißen zu werden – das hat schon auch komisches Potenzial. Wenige dieser Erlebnisse wirkten in ihrer Beschreibung so verstörend und bedrohlich wie die der Journalistin Candan Six-Sasmaz, die von ihren Landsleuten fast in eine Flüchtlingsunterkunft gebracht worden wäre, weil sie nicht aussieht, wie man sich anscheinend noch immer vorstellt, wie eine Deutsche auszusehen hat.  

Was hilft in all der Verwirrung – wo man doch helfen und alles richtig machen will und dabei feststellt, dass sich eine Ideologie in uns hineingefressen hat, die man so leicht nicht los wird? Man sollte Experten konsultieren:

Seit vielen Jahren arbeiten migrantische Organisationen und Verbände gegen rassistische Diskriminierung und Verbrechen an. Es fehlt weder an persönlichen Berichten noch an wissenschaftlichen Analysen. Das Wissen und das Engagement sind da. Es geht darum, zuzuhören, zu fragen und zu unterstützen. Es geht darum, ein Problem beim Namen zu nennen und es anzugehen, anstatt die Augen davor zu verschließen. Rassismus hat viele Gesichter. Brennende Häuser gehören zu seinen hässlichsten. Meine These, warum Menschen so etwas tun, ist nicht, dass sie "neidisch", "dumm" und eben "Pack" sind. Sondern dass sie, nur 100 Jahre nach dem Ende des deutschen Kolonialismus und nur zwei Generationen nach dem Nationalsozialismus, in einer Gesellschaft leben, in der Menschen of Color und deren Bedürfnisse so viel weniger zählen als die Bedürfnisse weißer Menschen – und dass darüber noch nicht einmal offen gesprochen wird.

Das Beharren auf die Verwendung des N-Worts, Racial Profiling, Blackfacing, der Ruf nach einem Kopftuchverbot, Stacheldraht um Europa, Angst vor Islamisierung und der Reflex, schnell die Handtasche in Sicherheit zu bringen, wenn ein schwarzer Mann den Raum betritt, entstammen ein und demselben Gedanken: Rassismus.

Es ist wichtig, direkt und unkompliziert zu helfen, wenn Menschen Hilfe brauchen. Egal, ob wir das, was uns zum Helfen bringt, Empathie, Nächstenliebe oder Solidarität nennen. So lindern wir Not und stellen uns im Kleinen einer großen Ungerechtigkeit. Wenn wir Menschen, die neu nach Deutschland kommen, langfristig helfen wollen, müssen wir an unserem Rassismusproblem arbeiten. Ein Leben ermöglichen, das durch Rassismus weder bedroht noch beschränkt wird. Mit dem Finger auf Andere zeigen hilft nicht.