Bisweilen kann die Viertelstunde Tagesschau zu einem traumatischen Erlebnis werden: Messerattacke auf eine Oberbürgermeister-Kandidatin, Bombardierung eines Krankenhauses in Afghanistan, Klimawandel. Medienkonsumenten werden von schrecklichen Ereignissen geradezu erdrückt. 

Medienwissenschaftler der Universität Southampton haben jetzt eine Studie veröffentlicht, der zufolge die Nachrichten nicht die gesellschaftlichen Zustände ändern, sondern lediglich die Gemütszustände der Rezipienten: Eine Übergewichtung negativer Nachrichten durch den Absender lasse den Empfänger mit Gefühlen wie Hoffnungslosigkeit ("Ich kann ja eh nix ändern."), Hilflosigkeit ("Was soll ich denn machen.") oder Stress zurück ("Das ist alles zu viel für mich."). Je mehr die Nachrichten allerdings dazu führten, dass sich die Menschen traurig, ängstlich oder deprimiert fühlen, desto unwahrscheinlicher werde es, dass sie bereit sind zu spenden, sich umweltfreundlicher zu verhalten oder mit anderen über ihre Ansichten zu sprechen.

An dieser Stelle möchte nun eine Variante der Berichterstattung ansetzen, die sich "konstruktiver Journalismus" nennt: Statt nur zu informieren und zu unterhalten, wollen Angebote wie Perspective Daily in Deutschland oder positiveNews in Großbritannien die Realität nicht nur beschreiben, sondern gleichzeitig Lösungsmöglichkeiten für die großen Probleme unserer Zeit aufzeigen. Das Motto für diese Art von Journalismus könnte in Anlehnung an Angela Merkels Satz zur Flüchtlingskrise lauten: Wir schaffen das, wenn …

Sprung in eine bessere Zukunft

Der konstruktive oder lösungsorientierte Journalismus dreht das Spiel mit den Emotionen einfach um. Ähnlich wie in der Werbung sollen dabei die Journalismus-Nutzer durch positive Emotionen ihren Gemütszustand in Richtung Zuversicht ändern und im besten Fall zu einer Handlung veranlasst werden. Journalismus soll damit zur Startrampe für den Absprung in eine bessere Welt werden.

Eine Studie des Solutions Journalism Network hat etwa gezeigt, dass unterschiedliche Darstellungen identischer Nachrichten unterschiedlich wirken: Die Forscher haben eine Gruppe von 755 Erwachsenen mit Artikeln zu einem Problemthema konfrontiert, von denen einige einen Lösungsansatz enthielten und andere nicht. Ergebnis: Die Leser des lösungsorientierten Ansatzes informierten sich in der Folge eher weiter über das Thema, redeten mit Freunden darüber, spendeten manchmal sogar Geld oder arbeiteten aktiv mit.

Auf Basis dessen versuchen nun neue journalistische Projekte, ihre Haltung bei der Themenauswahl und -gewichtung anders zu kalibrieren: Das britische Angebot positiveNews zum Beispiel, das diesen Ansatz bereits seit 1993 als Nischenangebot verfolgt, bereitet gerade einen Neustart vor. Obwohl der Name es vermuten lassen könnte, berichtet positiveNews nicht ausschließlich von einer heilen Welt und dem Guten und Schönen. Stattdessen geht es um die Beschreibung von Veränderungsprozessen, etwa in der Geschichte über die Gründerin Milena Bottero, die mit ihrem Projekt Room for Tea jungen Menschen bei der Wohnungssuche hilft, die im teuren London ein un- oder unterbezahltes Praktikum absolvieren. Chefredakteur Sean Dagan Wood glaubt, dass Medien eine Art Katalysator für die Kreativität und den Gestaltungswillen der Menschen sein könnten.

Im Juli hat positiveNews Genossenschaftsanteile ausgegeben und liegt nun komplett in der Hand von 1.525 Unterstützern, die als voll stimmberechtigte Eigentümer fungieren. Anfang 2016 ist eine erneute Crowdfundingkampagne, ein neues Magazin und ein Relaunch der Website geplant.