Einer der Pegida-Demonstranten vor zwei Wochen in Erfurt, ein alter Mann, assoziierte zu den syrischen Kriegsflüchtlingen, die um ihr nacktes Leben rennen: "Warum fliehen die? Die sollen zu Hause bleiben, sollen ihr Land wieder aufbauen. Wir haben auch Krieg gehabt, sind wir weggelaufen?" Der Mann hatte vergessen, dass nach dem Krieg zwölf Millionen Deutsche auf der Flucht waren, aber er hatte insofern recht, als sie damals Deutschland nicht entkommen konnten. Was aber war Deutschland? Eine Notgemeinschaft, die nach dem kompletten moralischen Zusammenbruch im Nationalsozialismus jede positive Bestimmung verloren hatte. Zusammengehalten nur noch durch den Hunger, die Niederlage, die Demütigung und die kollektive Verdrängung. "Wir wissen nicht, wer wir sind. Das ist die deutsche Frage. Es gibt nahezu nichts, kein Ziel, keine Form des gemeinsamen Lebens, die hier mit ganzem Herzen ergriffen werden könnte", schrieb der Politikwissenschaftler Dolf Sternberger 1949. Wenn heute die Angstbesessenen von Deutschland reden, erscheint mir dieses Deutschland als Wiedergänger jener ziel- und richtungslosen Staatsnation, die 1945 nicht untergehen durfte und die immer noch nichts zu geben bereit ist, weil Angst und Geiz sich nicht durch die Anhäufung von Wohlstand auflösen.

Gleichzeitig zeigen die Millionen von Helfern und Gutwilligen, dass wir über die Staatsnation längst hinausgewachsen sind und zu einer StaatsBÜRGERnation gefunden haben, die positive Ziele hat und nicht von Angst beherrscht wird. Die meisten von uns wissen inzwischen ziemlich genau, wer wir sind, und interessieren sich einen Dreck für "deutsche Fragen". Wir wollen Europa, wir wollen Demokratie, wir wollen Pluralismus, wir wollen supra- und transnationale Lösungen für eine bessere Zukunft, keine Abschottung und keine nationalen Egoismen. Wir sind nicht "das Volk", wir sind die Zivilgesellschaft. Wir haben Verbündete überall auf der Welt. Und wir schaffen es, wir könnten es schaffen. Nicht aus Not, sondern aus freiem Willen. Wenn es überhaupt noch eine "deutsche Frage" gibt, dann nur die, ob deutsche Regierungen uns dabei helfen oder daran hindern.