"Ich habe noch etwas Kleingeld in meinem Sparschwein", sagt Melanie, unsere Nachbarin aus dem viertem Stock. "Aber das wollte ich für ein Geschenk für meine Kinder aufheben." Melanie holt bei mir zwei Fahrkarten für die U-Bahn ab, um ihre Kinder besuchen zu können. Ihre Töchter darf sie nur einmal in der Woche sehen, nachdem das Jugendamt ihr die beiden an einem Freitagnachmittag weggenommen hat. Fünf Frauen in Begleitung der Polizei kamen, nahmen die Kinder mit und ließen die Mutter allein. Heulend stand sie im Treppenhaus, unter Schock. Wir hatten Angst, dass sie sich umbringt.

Unsere Nachbarschaftsinitiative hat im Sommer diesen großen Raum in Moabit bezogen und wir alle, Geflüchtete und Nachbarn, haben ihn gemeinsam renoviert. Jetzt ist er zum Anlaufpunkt für alle geworden. Jeden Tag geöffnet. Alles ehrenamtlich.

Melanie trinkt ihren Tee, bedankt sich für die Fahrkarten und redet über ihre Kinder. Das macht sie immer. Ich weiß, dass sie darüber sprechen muss, um nicht verrückt zu werden. Lilou sitzt neben uns am Tisch, eine Flüchtlingsfrau und Nachbarin aus einer betreuten Wohnung im Haus nebenan. Lilou ist halb blind. Eigentlich hat sie Betreuer in ihrem Haus, aber die meiste Zeit sitzt sie bei uns. Nachdem wir ihr eine SD-Speicherkarte besorgt haben, lädt sie immer Musik auf ihr Handy, setzt sich auf einen Stuhl, schaukelt mit dem Oberkörper im Takt und singt. Wenn sie etwas braucht, ruft sie laut unsere Namen. Ich soll eine Nummer für sie wählen. Sie reicht mir das Handy.

Fehlende Kostenübernahme

Während ich für Lilou die Nummer eintippe, Melanie zunicke, um zu zeigen, dass ich weiter zuhöre, geht die Tür auf. Sergej kommt rein. Er bringt die Papiere zurück, mit denen er heute früh zum Haus K losmarschiert ist. Haus K ist eine evangelische gemeinnützige Gesellschaft, die im Auftrag des Landesamtes Flüchtlinge bei der Wohnungssuche unterstützt. "Warum zurück? Was stimmt schon wieder nicht?" frage ich Sergej. Sergej ist erst seit Kurzem in Deutschland, seine Minderjährigkeit wurde hier nicht anerkannt, er wurde in einem Hostel mit Bettwanzen und einem Dutzend kräftiger Zimmernachbarn einquartiert. Die Jungs haben in einer Nacht den "Streber" überfallen und verprügelt. Sergej stand auf der Straße, wir haben für ihn ein Zimmer organisiert, er könnte sofort einziehen – allein die Kostenübernahme durch Haus K fehlt.

Wir haben bei Gericht per einstweiliger Anordnung durchsetzen müssen, dass ihm das Landesamt Papiere ausstellt. Wir haben ALLES beisammen, was die Behörde zu brauchen meint, um das Zimmer zu genehmigen. Vertrag, Untermietvertrag, sämtliche Zahlen über das Haus.... Wir machen das nicht zum ersten Mal. Jetzt fehlt angeblich doch noch ein Papier. Die Eigentümerin der Wohnung soll schriftlich bestätigen, dass sie sich selbst genehmigt, die Wohnung an Sergej zu vermieten. Er wird am Montag wieder stundenlang anstehen müssen, um die Papiere erneut "vollständig" abzugeben. Wie lang die Antragsbearbeitung dauern wird, weiß keiner.

Marina Naprushkina ist Künstlerin und Aktivistin. Ihre Arbeiten werden international ausgestellt. Vor zwei Jahren hat sie die Initiative "Neue Nachbarschaft/Moabit" gegründet. Im September dieses Jahres ist ihr Buch "Neue Heimat? Wie Flüchtlinge uns zu besseren Nachbarn machen" im Europa Verlag erschienen. Sie ist Gastautorin bei "10nach8". © Marina Naprushkina

Lilou schaukelt auf ihrem Stuhl und klatscht in die Hände; Melanie sagt, dass sie es nicht aushalten wird, wenn ihre kleine Tochter zu einer fremden Frau "Mama" sagt, Sergej fragt mich, ob Corinna das Zimmer für ihn freihalten wird ... mein Handy klingelt. Salima ist dran: Ob ich heute "bei der Arbeit" bin.

Immer Druck machen

Es ist jetzt über zwei Jahre her, dass ich angefangen habe, in einer Notunterkunft mit Kindern zu malen und zu basteln. Es waren fast hundert Kinder mit ihren Familien in einer ehemaligen Schule, und niemand hat sich um sie gekümmert.

Die Nachbarschaftsinitiative ist nicht mein Beruf. Ich bin Künstlerin. Aber ich habe aufgegeben, es jedem wieder neu zu erklären. "Nein, ich bin heute Abend nicht da." Salima möchte, dass ich für sie einen Termin bei ihrer Anwältin ausmache. Es geht um ihr Asylverfahren. Sie hat seit mehreren Monaten nichts mehr von der Anwältin gehört, zahlt aber brav ihre Raten fürs Honorar. Auch Salimas Schwiegervater braucht einen Termin. Er ist nach der Ankunft in Berlin direkt ins Krankenhaus gebracht worden. Dort liegt er seit drei Monaten, das Amt will ihn in eine kleine Stadt in Brandenburg verlegen. Salima kann ihn dort nicht pflegen. Um die Verlegung zu verhindern, hat sie einen weiteren Anwalt engagiert.

Ich verspreche Salima, die Termine zu besorgen, wünsche Melanie viel Kraft für morgen und Sergej versichere ich, dass es mit dem Zimmer in Ordnung geht. Irgendwann wird es schon klappen, immer dann, wenn wir Druck machen. Sonst bleibt der Antrag wochenlang unterwegs. Helena ruft an. Die Familie von Mohamed wurde vom Jobcenter erneut abgewiesen. Die Mitarbeiterin hat ihm ins Gesicht gesagt: "Du kriegst hier nichts. Du lebst von meinen Steuern." Helena platzt vor Wut.

Lilou fragt, ob sie eine Limonade haben kann. Die Tür geht wieder auf. Zwei junge Männer, sie stellen sich auf Englisch vor. "Wir sind Ärzte aus Syrien." Sie fragen, ob sie sich bei uns zum Sprachkurs anmelden können und schauen sich misstrauisch um. Ich erkläre, dass wir keine Sprachschule sind, aber sie könnten abends zu unserem Deutschstammtisch kommen. "Wir sind keine Lehrer, wir sind einfach Nachbarn. Jeder kann kommen. Papiere und Ausweise brauchen wir nicht von euch." Die beiden lächeln freundlich und bedanken sich. Dann kommt unser Getränkelieferant, Kästen und Fässer werden in den Keller getragen, und meine Tochter ruft an: "Frau Naprushkina?", fragt sie. Ich erkenne ihre Stimme nicht sofort. Sie lacht frech und fragt, ob sie zu ihrer Freundin gehen und ich sie heute Abend abholen kann. Danach wird es etwas ruhiger.

"Die Leute kommen gern zu uns."

Ich rahme Bilder ein, Linoldrucke, die wir mit den Kindern gemacht haben. Jeden Samstag kommen Frauen und Kinder, und wir zeichnen auf Linoleum vor und schneiden dann die Druckstöcke mit scharfen Messern. "Nicht aufgeben" hat ein zehnjähriges Mädchen aus Albanien geschnitten, daneben eine Blume. "Zirkus work hard" schreibt ein vierzehnjährige Mädchen, dessen Schwester sich in der Zirkusschule bewirbt und jeden Tag mehrere Stunden trainiert, bis ihr alles weh tut. "Islam" steht auf einem anderen Blatt. Das ist der Vorname eines neunjährigen Jungen. Dann gleich drei Fußballfelder in grün und blau. Und mein Lieblingsbild. Zwei "Frauenoutfits". Eines ein kurzes Ausgehkleid, hohe Stiefel mit Absätzen und eine Damentasche. "Schön, und jetzt zeichne, was du selbst trägst", sagte ich zu Amina. Sie zeichnet sofort einen langen Rock und ein Kopftuch, das sich wie ein Schneckenhaus windet. "Und Schuhe dazu?" hake ich nach. "Ich trage Sportschuhe. Aber ich kann sie schlecht zeichnen." Ich male vor und Amina zeichnet ab. Amina ist schon volljährig. Sie ist seit ihrer Kindheit schwer krank. Wenn sie das Haus verlässt, dann um ins Krankenhaus zu fahren. Jeden zweiten Tag muss sie dorthin gebracht werden. In ihrem Heimatland würde sie nicht überleben, hier hat sie eine Chance. "Ich würde so gerne Deutsch lernen und dann im Kindergarten arbeiten", sagt sie mir. Trauriger kann es nicht sein. Zum Sprachkurs schafft Amina es nicht, sie ist zu schwach dafür, von einer Ausbildung kann sie nur träumen.

Ich nagle die Rahmen an die Wand. Olga und Anna kommen. Wir gehen in den Keller, den Spendenraum aufräumen. Gestern hat jemand darin so herumgewühlt, dass der Raum zu einem Müllberg wurde. Wir schieben Regale zusammen, sortieren grob die Kleidung, was die Menschen alles so bringen, viel Schrott ist dabei, tragen Kartons hoch und runter und den Müll raus. Der Klassenraum muss auch noch fertig gemacht werden. Es stehen Wasserkrüge und Gläser herum, der Boden ist mit Kreide beschmiert, das Spieleregal haben die Kinder auf dem Boden ausgeräumt. Am Mittwoch waren über 150 Menschen zum Deutschstammtisch hier. Andere Sprachkurse in der Stadt suchen nach Schülern, und wir platzen jeden Abend aus allen Nähten. Die Leute kommen gern zu uns.

Ich schaue auf die Uhr: Ich bin zu spät. Heute ist Eröffnung im Gorki-Theater, ich muss noch die letzten Dinge in der Ausstellung aufbauen und sollte wirklich früher da sein. Ich greife nach meinem Mantel und springe auf die Straße. Ich bin verstaubt und rieche nach Schweiß. Meine Ausgehjacke habe ich zu Hause vergessen. Mist. Ich renne. Der Bus fährt heute nur bis zum Hauptbahnhof. Ich wechsle in die S-Bahn, den Rest gehe ich zu Fuß.

Handeln statt Debattieren

Vor dem Eingang werde ich gefragt, ob ich von der Presse sei. Nein, ich bin von den Künstlern. Lächeln, ich werde reingelassen. Die Halle füllt sich schnell. Ich laufe durch. Ich erkenne ein paar Gesichter. Einigen lächele ich entgegen, den anderen gehe ich aus dem Weg. Sie mir auch. Ich setze mich auf eine samtbezogene Bank. Neben mich möchte sich noch jemand setzen, ich erkenne den Mann und begrüße ihn. Er schaut stumm. Wir waren vor ein paar Wochen in derselben Fernsehsendung und haben uns beim Warten in der Maske ausführlich unterhalten. Ihn interessierte unsere Initiative, besonders, dass wir keine staatlichen Förderungen beantragen, konnte er kaum glauben. Wir machen das aus Prinzip nicht. Er selbst leitet eine große staatliche Stelle und wollte bald mal bei uns vorbeischauen. Jetzt erkennt er mich nicht.

Sekt wird vorbeigebracht. "Danke nein", sagt einer der Kuratoren, "ich habe mir heute vorgenommen, mich nicht zu früh zu betrinken." Ich nehme mir gerade das Gegenteil vor. Das Betrinken muss heute schnell und schmerzfrei gelingen, immerhin habe ich nur gefrühstückt. Ich trinke drei Gläser Sekt nacheinander. Shermin Langhoff hält die Eröffnungsrede. Sie stellt alle Kuratoren namentlich vor und sagt, dass sie keine Kuratoren seien, sondern Organisatoren. Noch so ein Wort, das sich offensichtlich abgenutzt hat. Shermin sagt, dass fast dreißig Künstlerinnen am diesjährigen Herbstsalon teilnehmen, eigentlich sogar mehr, fast fünfzig. Die Namen der Künstlerinnen werden nicht genannt. Dann wird die Sponsorenliste aufgesagt. Zum Schluss hofft die Intendantin, dass die gezeigten Arbeiten nicht nur zu intellektuellen Debatten führen, sondern auch in Handlung übergehen.

Die Menschen strömen in die Hallen. Ich überlege, was ich jetzt machen soll. Mir fällt ein, dass ich die Einladung zum Herbstsalon an niemanden verschickt habe. Ich habe einfach nicht daran gedacht. Ich pflege meinen Verteiler nicht. Ich schaue in die Menschenmenge. Keiner da, mit dem ich den Abend verbringen möchte. Ich gehe in den Raum mit meiner Arbeit. Die Menschen bleiben lange vor der Wandzeichnung stehen und lesen die Texte. "Hast du das tatsächlich alles von Hand geschrieben?" werde ich von einem Kurator gefragt. Jetzt reicht es mir. Ich muss zur Toilette und mein Handy klingelt. Terroranschläge in Paris.