Unlängst beim Tatort-Schauen: Wieder einmal saust der Stuttgarter Kriminalhauptkommissar (Richy Müller) mit seinem alten, bronzefarbenen Porsche 911 durch die Stadt. Für eine Verbrecherjagd nicht unbedingt das diskreteste Verfolgungsfahrzeug. Aber geschenkt. Der Kerl ist tiefgründig, cool, beim Produktionssender SWR wird er mit dem Prädikat "streetwise" beworben. Gönnen wir ihm also diese kleine Fahrzeugmarotte. Auch sein Sidekick, der zweite Hauptkommissar (Felix Klare), hat die Nase voll vom Leben. Seit Kurzem lebt er getrennt, ist jetzt natürlich ein besonders lässiger Vater. Die Teenager-Tochter, ein bisschen rebellisch, aber vor allem wahnsinnig süß — so hat man das gern im deutschsprachigen Fernsehen.

Was man dort noch gern hat: Junge, hübsche Kommissarinnen-Babes, die sich als totale Eigensicherungs-Streberinnen erweisen ("Du musst zuerst auf deine Eigensicherung achten!"). Kolleginnen und weibliche Bürokräfte, die immer um einen Tick fleißiger, vernünftiger und verständnisvoller als die Herren Ermittler sind. "Wie fühlen Sie sich?", fragen sie und knien dabei wie Krankenschwestern vor angeschossenen Verdächtigen. Dahinter stehen ein bis zwei Kommissare, und sehen – je nachdem – unbeteiligt, gelangweilt oder angewidert ins Ungefähre. 

Das Wort "korrekt" müsste für diese Frauen noch einmal neu erfunden werden: Ständig weisen sie alle in ihrem Umfeld auf Fehlverhalten hin, wissen wann welches Formular auszufüllen ist. Jedes Gesetz können sie auswendig aufsagen. "Herr Bootz, Sie sind befangen!", schreit die Stuttgarter Staatsanwältin (Carolina Vera) und kassiert die Dienstwaffe des zweiten Hauptkommissars ein.

Bis zur Nervigkeit ambitioniert

Die älteren Damen sind auch schon mal ein wenig korpulent, dafür sehr weise und prinzipienstark. Die Jüngeren hingegen: bis zur absoluten Nervigkeit ambitioniert, mit dieser strengen Körpersprache, die signalisiert "Hey, ich kann auch Karate, also pass mal lieber verdammt auf." Die neuen Männer im Amt sind jetzt gefühlvoller — machen es den Alles-Checkerinnen dadurch aber natürlich auch nicht recht. Herablassend sagt etwa Nora Tschirner (Kripo Weimar) zu Christian Ulmen: "Wenn Ihnen das alles zu schnell geht, kein Problem. Dann kommen Sie erst mal an."

Ela Angerer lebt als Schriftstellerin und freie Autorin in Wien. Sie ist Herausgeberin der Buchreihe "Moderne Nerven" (Czernin). Im Herbst 2014 erschien ihr erster Roman "Bis ich 21 war" im Deuticke Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Heribert Corn

Erfrischende Ausnahme: Meret Becker als vielschichtige, unprätentiöse Ermittlerin in Berlin. Nina Rubin, so ihr Serienname, ist zwar in einer festen Beziehung, darf sich aber hinter einem Club von einem No-Name durchvögeln lassen (weil Berlin?) und darf auch eine ziemlich schlechte Mutter sein. Leider ließ man Becker innerhalb von drei Jahren erst zwei Mal ran.

Wolke der Angst

Die Co-Ermittlerin im Österreich-Tatort, Adele Neuhauser, ist sicherlich eine Bereicherung für dieses Format. Aber wie sich ihre Figur, weil ehemalige Alkoholikerin, klein machen muss dafür; wie sie sich laut Drehbuch besonders bewähren muss aufgrund ihrer Fehler, das finde ich, pardon, richtig zum Kotzen. Kein Kerl müsste je so sehr für seine Drinks büßen.

Wenn ich richtig mitgezählt habe, ermitteln derzeit 27 Männer und 19 Frauen in diversen Tatort-Städten. Gendergerecht wurde hier in den letzten Jahren aufgerüstet. Trotzdem oder gerade deshalb fragt man sich bei fast jeder Folge: Haben die Drehbuchautoren eigentlich je richtige Frauen kennen gelernt? Wo bleiben die Ermittlungsfehler, die fettigen Haare, die vergessenen Zahlscheine, die Brandlöcher im Anorak? Man weiß ja, dass die Drehbücher fast ausschließlich von Männern geschrieben werden. Da drängt sich der Verdacht auf: Übervorsichtige FernsehredakteurInnen und Sendungsverantwortliche zwingen diese Autoren dazu, Klone, die sie für emanzipierte Frauen halten, in ihre Geschichten hineinzuschreiben. Es scheint nämlich — trotz bester Regiearbeit, großartigen Kameraeinstellungen und hervorragenden Darstellern — über allem eine große, hysterische Wolke der Angst zu schweben, eine Wolke, die sagt: "Wenn du nicht in jeder Sekunde dieses Formates politisch korrekt bist, fährt Blitz und Donner auf dich herab und du setzt nie wieder einen Fuß in eine Rundfunkanstalt."

Wer Leute kennt, die im deutschen Sprachraum fürs Fernsehen arbeiten, hört hinter vorgehaltener Hand von der Art und Weise, wie in Redaktionskonferenzen Entscheidungen über Plots und Charaktere gefällt werden:
"Wir dürfen die Frauenfigur nicht beschädigen, sonst ist sie politisch nicht korrekt."
"Die Frau darf keine Lust während des Verkehrs zeigen, sonst eignet sich der Film nicht fürs Hauptabendprogramm."
"Die Frau darf beim Sex nicht das Gesicht verziehen, sonst eignet sie sich nicht als Projektionsfläche."
Und jetzt das allerschlimmste: "Sie ist kein Opfer. Und wenn sie kein Opfer ist, dann wird sie von den Zuschauern nicht gemocht."
Hallo, liebe Verantwortliche, habt ihr euch eigentlich mal angeschaut, was fernsehtechnisch in den USA oder in den skandinavischen Ländern abgeht?