In einer Zeit, da Hunderttausende Syrerinnen und Syrer zu Vertriebenen werden und in allen Winkeln der Welt Schutz suchen, während reaktionäre Milizen oder die Verbündeten von Ex-Diktatoren in Ägypten, Libyen, Irak und Syrien die Regimes übernehmen, fällt es schwer, sich an den Funken der Hoffnung zu erinnern, den der Arabische Frühling gesät hat. Doch die Begegnung mit Tawakkol Karman rief ihn mir wieder ins Gedächtnis. Die jemenitische Friedensnobelpreisträgerin von 2011 war vergangene Woche mit Jody Williams, der US-amerikanischen Friedensnobelpreisträgerin von 1997, nach Deutschland gekommen, um im Rahmen der Nobel Women's Initiative Deutschland über die Situation geflüchteter Frauen zu sprechen.

Karman und Williams erreichten nach einer Reise durch Serbien, Kroatien und Slowenien am Donnerstag Berlin. Zusammen mit der iranischen Friedensnobelpreisträgerin von 2003, Shirin Ebadi, hatten sie eine Expertengruppe begleitet, die sich die Situation der Vertriebenen aus der Nähe angesehen hat. Die Delegation hat die Regierungen der Türkei, der Balkanstaaten und Deutschlands dazu aufgerufen, die Grenzen zu öffnen und die Vertrieben aufzunehmen – vor allem die vielen Frauen und Kinder, die heute den Großteil der Flüchtlinge ausmachen und die während der gefährlichen Reise am verwundbarsten sind.

Wer es sich zur Mission macht, die Vertriebenen willkommen zu heißen und ungeachtet ihrer Herkunft ihr Leid zu lindern, braucht einen starken Glauben an die Menschlichkeit, viel Kraft und nicht zuletzt Hoffnung. Und genau das haben die Mitglieder der Nobel Women's Initiative, allen voran Tawakkol Karman. Die Quelle ihrer Hoffnung und Stärke ist die Welle von Revolutionen, die Anfang 2011 verschiedene arabische Staaten erreichte. Nicht nur für Karman, sondern für viele Frauen im Jemen markierte dieser Moment einen Neuanfang, nach dem eine Rückkehr in die Vergangenheit nicht mehr vorstellbar ist.

Adania Shibli ist eine palästinensische Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin. Sie lebt zwischen Berlin und Jerusalem und ist Gastautorin bei "10nach8". © privat

Die jemenitische Gesellschaft wirkt heute auf viele sehr konservativ und der Tradition verhaftet, insbesondere was die Position der Frau angeht. Aber ein Blick auf die Anfänge der friedlichen Proteste gegen das autoritäre Regime genügt, um diese reduktionistische Sicht zu widerlegen. Damals waren Frauen nicht nur Teil, sondern Initiatorinnen der Demonstrationswelle, deren Folge Veränderungen waren, die wenige Jahre zuvor noch undenkbar gewesen wären. Vorbild für diesen Wandel war laut Karman jedoch keine westliche Vision der Rolle der Frau oder der Geschlechtergleichheit. Es war die Geschichte des Jemens selbst, der unter der Herrschaft von zwei Königinnen seine größten Blütezeiten erlebte, Königin Arwa as-Saiyida im elften Jahrhundert und natürlich Bilqis, der Königin von Saba.

Karman, die als Journalistin anfing, hatte schon 2007 gegen die autoritäre jemenitische Regierung protestiert, namentlich gegen die Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Im Januar 2011 zog sie mit anderen Demonstranten auf die Straße, um ihre Unterstützung für die tunesische Revolution zu zeigen und den jemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Salih dazu aufzufordern, dem Weg des tunesischen Präsidenten Zineddine Ben Ali zu folgen. Wenig später war Karman eine der Leitfiguren der Massendemonstrationen, für die sich Hunderttausende Frauen und Männer auf Jemens Straßen begaben. Für Karman war der Moment, als die Frauen die Häuser verließen, auf die sie jahrzehntelang beschränkt waren, um sich an den Demonstrationen zu beteiligen, an sich eine Revolution, oder wie sie es ausdrückt, "die Rückbesinnung auf die historische Führungsrolle der Frauen im Jemen".

Glücklicherweise ist im Jemen, anders als in Ägypten, nie sexuelle Gewalt als Waffe eingesetzt worden, um Demonstrantinnen einzuschüchtern, sie von Protesten fernzuhalten und dadurch zu schwächen. Die jemenitische Revolution agierte an drei parallelen Fronten: gegen den politischen Autoritarismus, den ein diktatorisches Regime repräsentiert; gegen den gesellschaftlichen Autoritarismus in Form von erzwungenen Traditionen und Gewohnheiten, darunter die fest zementierten Rollen für Männer und Frauen; und schließlich gegen die konservative Interpretation von Religion, vor allem im Hinblick auf Verbote, insbesondere auf die Verhaltensregeln für Frauen.