Nicht für Zuhörer war dieses Lied gedacht, sondern "für Mittäter, Mitkämpfer". Das hat Stefan Zweig in seiner brillanten Miniatur Genie einer Nacht über die Entstehungsstunden der Marseillaise geschrieben, über das Lied, das heute die Nationalhymne der Franzosen ist. "Mittäter" trifft es gut, denn der aufrauschende, fordernde Takt (wieder Zweig) trägt Worte, die blutrünstiger und kampfeslustiger kaum sein könnten: "Zu den Waffen, Bürger! Schließt die Reihen, vorwärts, marschieren wir! Das unreine Blut tränke unserer Äcker Furchen!"

Bevor am Dienstagabend im Wembley-Stadion die englischen Fans die Marseillaise mitsingen wollten, hatten mehrere englische Zeitungen den Text auf Französisch abgedruckt. Man möchte gerne wissen, ob mit allen sieben Strophen, wie sie in der französischen Nationalversammlung hinterlegt sind, oder nur die erste Strophe plus Refrain, wie sie dann am Abend im Stadion gesungen wurde? Und wie viele Menschen kennen die Übersetzung? "Was! Ausländisches Gesindel würde über unsere Heime gebieten! Was! Diese Söldnerscharen würden unsere stolzen Krieger niedermachen!"

Viele haben geschrieben, dass ihnen beim Hören dieser von 70.000 Menschen geschmetterten Hymne eine Gänsehaut über den Rücken gelaufen sei.

Erinnern wir uns kurz: Das Lied entstand 1792, als die dem Kampf entgegenfiebernden und wohl auch den Tod fürchtenden Soldaten Frankreichs für die blutjungen Ideale der Französischen Revolution gegen die alten Monarchien Europas in den Krieg zogen, namentlich gegen Österreich und Preußen. Wenn in der Marseillaise vom "unreinen Blut" der Feinde gesprochen wird, ist damit also das der Monarchisten gemeint, genauer: der Blaublütigen, denen man in Frankreich bald per Guillotine die Hälse abschneiden würde.

Das ist es also, was wir derzeit singen, um unsere Solidarität mit Frankreich zu bekunden, um unserem Gefühl Ausdruck zu verleihen, dass wir an seiner Seite stehen: "Eher ihren Sarg teilen als sie überleben wollend, werden wir mit erhabenem Stolz sie rächen oder ihnen folgen." Das kann man durchaus gruselig finden. Das Lied ist ja auch mehr als 220 Jahre alt.

Wirklich gruselig aber ist, wie der Offizier und Dichter der Marseillaise, Claude Joseph Rouget, damals die Feinde beschrieben hat: "Hört ihr im Land das Brüllen der grausamen Krieger? Sie rücken uns auf den Leib, eure Söhne, eure Frauen zu köpfen!" Die Schrecken von Krieg und Terror.