Als meine Großmutter starb, war sie 93. Es war ein langsames Wegdämmern, es dauerte mehrere Monate. Zum Ende hin wurde sie sehr passiv, ließ das Sterben mit sich geschehen. Bäumte sich nicht mehr gegen Schmerzen oder Unwürdigkeiten auf. Trotzdem fand ich es schwer anzusehen. Ein bisschen überrascht war ich über die Passivität. Denn meine Großmutter war über viele Jahre, ja Jahrzehnte, Mitglied von Exit, wie rund 100.000 andere Schweizer auch. Sie hatte klare, wohl formulierte und überlegte Vorstellungen davon, was sie alles nicht erleben wollte. An ihrem Lebensende aber schienen diese offenbar nicht mehr relevant zu sein. Die Frage nach einem selbstbestimmten Sterben, die sie viele Jahre lang beschäftigt hatte, stellte sich in diesem Moment nicht. Sie starb eines natürlichen Todes.

Catherine Newmark lebt in Berlin und arbeitet als Kulturjournalistin mit Schwerpunkt Film, Philosophie und Geisteswissenschaften. Sie ist Autorin und Redakteurin bei Deutschlandradio Kultur und beim "Philosophie Magazin" sowie Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © ZEIT ONLINE

Die Exit-Mitgliedschaft war trotzdem nicht sinnlos. Vielmehr bot sie meiner Großmutter über Jahre hinweg eine innere Sicherheit, die sie dem Alter leicht, beherzt und angstfrei entgegengehen ließ: die Gewissheit, dass sie zuletzt, in extremis, wenn es so weit käme, nicht qualvoll sterben müsste, dass ihr ein anderer Ausweg zur Verfügung stand. Möglich, ja wahrscheinlich, dass dies vor allem eine psychologische Stütze, ein Trick der Fantasie war, denn die aktive Entscheidung, zu sterben, ist ohne Zweifel schwer, und wenige haben die Kraft, sie zu fällen. Zumal wenn sie im Alter sanft und unmerklich die Dämmerung ihres Lebens übermannt. Es ist kein Zufall, dass es um ein Vielfaches mehr Mitglieder in Sterbehilfeorganisationen gibt als tatsächliche Sterbebegleitungen.

Dass die Entscheidung, sein Leben selbst zu beenden, aber eine legitime und dem Menschen zustehende ist, steht für mich außer Frage. Nun bin ich Schweizerin und als solche nicht nur mit dem nach innen gewandten Blick der Alpenvölker aufgewachsen, sondern auch mit einer wohltuend liberalen Vorstellung vom Menschen als eigenverantwortlichem Individuum. Der Idee also, dass es einen subjektiven Willen gibt, der sich zwar ins Vernehmen mit Gesetzen und gesellschaftlichen Konventionen zu setzen, aber sich in persönlichen Belangen nicht einer objektiv formulierten Moral zu unterwerfen hat. Diese Idee hat eine lange Tradition. Für Philosophen war die Fähigkeit des Menschen, selbst zu denken, immer ein zentraler, sich sozusagen aus der Natur ihrer eigenen Profession ergebender Punkt. Und spätestens seit dem Rationalismus und der Frühaufklärung in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde die Vorstellung der individuellen Autonomie nicht mehr nur elitär für die Denker unter uns diskutiert, sondern Menschen als politischen Subjekten allgemein zugestanden. 

Irritiert von der deutschen Debatte

Gewiss, ein solcher liberaler Menschenbegriff bringt auch viele Probleme, er macht oft blind für gesellschaftliche Bedingtheiten und Einschränkungen – wir sind eben nicht nur autonome Rationalisten, und wir kriegen bei Weitem nicht alles aus eigener Kraft hin. Auch die spezifisch schweizerische freiheitliche Tradition ist nicht über alle Zweifel erhaben. Sie ist immer in unguter Weise kompatibel gewesen mit einer zutiefst patriarchalen Gesellschaft – das politische Subjekt war lange und ist in mancher Hinsicht noch immer ein männliches, der Familienvater, der für sich und sein ganzes Haus, mithin auch für seine Ehefrau entscheidet. Und die direkte Demokratie, mittels derer diese autonomen Subjekte ihre Politik bestimmen, führt manchmal zu abstrusen Ergebnissen – man erinnere sich an die Männer des Kantons Appenzell-Innerrhoden, die sich bis 1990 in immer neuen Wahlgängen beharrlich weigerten, ihr Wahlrecht mit Frauen zu teilen, und zuletzt vom Bundesgericht dazu gezwungen werden mussten. Oder, in jüngerer Zeit, an die peinliche Minarett-Abstimmung.

Je länger ich aber in Deutschland lebe, desto mehr irritiert mich die Art, wie ethische und gesellschaftliche Debatten hierzulande geführt werden. Ich habe in den vergangenen Monaten mit vielen Freundinnen und Bekannten über Sterbehilfe, Freitod, Suizidbeihilfe diskutiert. Und während mein Ausgangspunkt immer derjenige des Individuums war, das, wie es der tödlich erkrankte Schriftsteller Wolfgang Herrndorf formulierte, "Herr im eigenen Haus" bleiben will und soll, begegnete mir fast immer ein grundlegend anderer Zugang: der mild bis hart paternalistische Blick auf die "Gesellschaft",  die – selbst in persönlichen Belangen – offensichtlich sehr klare Regeln braucht. Ganz zu schweigen von dem – auch in der Politik so nachdrücklich heraufbeschworenen – Schreckgespenst einer umfassenden Suizidbeihilfe, die quasi automatisch zu einer umfassenden "Euthanasie" aller nicht mehr vollkommen fitten Mitglieder dieser Gesellschaft führen würde. Wegen wirtschaftlichen Drucks. Wegen ungenügender Unterstützung durch den Staat.