Bis vor ein paar Monaten bin ich noch nie bewusst einem Menschen mit schwerem Trauma begegnet. Seither habe ich einen Syrer mit Kopfschuss getroffen, der aufgrund einer bürokratischen Verordnung von seiner Frau getrennt werden sollte, eine transsexuelle Teenagerin, die sich nur mit vier freiwilligen Bodyguards in die Registrierungsschlange vor dem Berliner Lageso gewagt hat, und eine schwangere Irakerin mit zweijährigem Sohn, die vor dem IS geflohen und von der griechischen Küstenwache aus dem Mittelmeer gerettet worden sind.

Ich höre mich momentan selbst regelmäßig Sätze denken wie "Die Frau kommt mir trotz allem nicht traumatisiert vor" oder "Der Mann scheint mir schwer traumatisiert". Mir kommen meine eigenen Gedanken übergriffig vor, auch weil in vielen Debatten der Hinweis auf die Traumatisierung dieser Menschen ins Feld geführt wird, um sie pauschal zu pathologisieren. Aber ich weiß auch nicht, ob es besser ist, über die Versehrtheit dieser Menschen gar nicht nachzudenken.

Das Thema der traumatisierten Geflohenen und der unzureichenden Hilfe für sie ist in Deutschland derzeit in aller Munde. In nahezu jeder Debatte fällt der Begriff der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). So sagte der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, Dietrich Munz, kürzlich, mindestens die Hälfte der Flüchtlinge in Deutschland sei psychisch krank. Sie litten meist an einer Posttraumatischen Belastungsstörung oder an einer Depression, oft käme beides zusammen. Jedes fünfte Kind sei an einer PTBS erkrankt.

Spezieller historischer Zusammenhang

Bis vor Kurzem habe ich nicht darüber nachgedacht, ob PTBS das richtige Konzept in diesem Zusammenhang ist. Ich dachte nur, dass Menschen, die Krieg, große Armut und Flucht erlebt haben, Hilfe brauchen.

Nun saß ich auf einer Autofahrt durch Ghana neben einer Menschenrechtsaktivistin, die für eine afrikanische NGO in der Traumaforschung arbeitet. Sie fragte mich nach der Situation in Deutschland und erklärte mir, dass es problematisch ist, wenn – unabhängig vom kulturellen und sozialen Kontext – von Posttraumatischen Belastungsstörungen gesprochen wird. Dieser Diagnose liege ein Verständnis von Trauma zugrunde, das in einem ganz bestimmten historischen Zusammenhang entstanden und nicht unhinterfragt übertragbar sei.

Das Konzept der PTBS ist im Zuge der Behandlung von Kriegsheimkehrern in die USA entwickelt worden und somit auf Männer zugeschnitten, die ein stabiles Leben geführt haben, in das explosionsartig traumatische Ereignisse hereingebrochen sind. Die PTBS-Therapie geht davon aus, dass diese Männer an einem sicheren Ort behandelt werden können, nach ihrer Rückkehr in die USA. Trauma wird in diesem Konzept kurz gesagt als emotionale Reaktion auf ein schreckliches Ereignis verstanden; als eine Reaktion, die mit Symptomen wie Flashbacks, Vermeidungsverhalten, Angstzuständen und Depressionen einhergeht.

Annika Reich, 1973 geboren, ist Schriftstellerin und Essayistin. Außerdem Mitarbeiterin der Malerin Katharina Grosse und Gastdozentin an der Kunstakademie Düsseldorf. Ihr Roman "Die Nächte auf ihrer Seite" erschien 2015 im C. Hanser Verlag. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Ekko von Schwichow

Man muss keine Expertin sein, um sich vorstellen zu können, dass ein solcher Therapieansatz für Menschen unzureichend ist, die in Situationen anhaltender Konflikte leben. Er passt auch nicht auf Menschen, die einen Krieg erfahren und das Grauen einer Flucht erlebt haben, um danach in einem Land anzukommen, in dem sie weder die Sprache sprechen noch an einem sicheren Ort sind. Ein sicherer Ort wäre einer, an dem sie verlässlich zur Ruhe kommen können, und an dem sie wissen, wie es weitergeht. Wer einmal am Lageso oder in einer der großen Notunterkunftshallen war, weiß, dass hier weder Ruhe noch Gewissheit zu finden sind.

Überlebende, nicht Opfer

Die Situation ist in sehr vielen Fällen eine andere: nicht nur für die afrikanischen Frauen, von denen meine Sitznachbarin mir berichtete, die andauernder sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind, sondern auch für geflohene Syrer, die nicht wissen, ob sie ihre Familie je wiedersehen, oder für Roma, die trotz Dauerdiskriminierung und anhaltenden Übergriffen nun in den Westbalkan zurückgeschickt werden.

Die afrikanischen Aktivistinnen stellen dem Modell des traumatisierten westlichen Soldaten, der einen psychiatrischen Fragebogen ausfüllt, ein holistisches Modell entgegen, das sich aus einer feministischen Perspektive speist. Dieses Modell denkt Traumatisierte als Überlebende, nicht als Opfer. Ihnen wird also eine aktive Rolle im Prozess der Verarbeitung ihrer Erlebnisse zugestanden. Während im Rahmen einer PTBS-Diagnose anhand einer Checkliste über die Menschen befunden wird, bestimmen im holistischen Ansatz die Traumatisierten Themen und Tempo der Therapie selbst. Da hier davon ausgegangen wird, dass weder der Inhalt der Fragen noch die Form des Fragens universell anwendbar sind, kann es keine standardisierte Diagnostik und keine universell gültige Therapieform geben. Den Ansatz der PTBS global zu verallgemeinern, ist also nicht nur ein Akt intellektueller Kolonialisierung, sondern hat auch weitreichenden Folgen für die Menschen, die Hilfe brauchen.

Der holistische Ansatz deckt sich mit einigen Ansätzen aus der gegenwärtigen Traumaforschung in Deutschland. So warnt das Behandlungszentrum für Folteropfer (bzfo) vor den ungeschützten und standardisierten Befragungen der neu angekommenen Menschen im Alter von null bis 24 Jahren, die im Rahmen der Berlin Health Survey auf dem Gelände des Lageso stattfinden. Die Gefahr einer Reaktualisierung von Traumata sei in einem solchen Verfahren hoch.

Eine verengte Anwendung der Diagnostik und Therapieform von PTBS hat also mindestens zwei Probleme: Erstens können die Verfahren Schaden anrichten, und zweitens behandeln sie die Menschen ausschließlich auf ihre individualisierten psychologischen bzw. psychiatrischen Symptome hin. In manchen kulturellen Kontexten orientiert sich das eigene Weltbild jedoch nicht so sehr am Individuum und seiner Psyche, sondern an der Gemeinschaft. Für Menschen, die so sozialisiert sind, könnte die Situation vor allem dadurch verbessert werden, dass sie sich wieder einer Gemeinschaft zugehörig fühlen. In diesen Fällen wäre also der Zugang zu Arbeit, Bildung und Teilhabe ein wesentlicher Bestandteil einer Traumatherapie.

So verstehe ich den Hinweis auf die vielen Traumatisierten auch nicht mehr als alleinige Aufforderung an unser Gesundheitssystem, mehr Therapeuten zu stellen, sondern genauso sehr als Aufforderung an die Politik, die Verantwortung nicht mehr an medizinische Dienste abzutreten, sondern Voraussetzungen dafür zu schaffen, diese Menschen an unserer Gesellschaft teilhaben zu lassen. Auf Augenhöhe und auf Dauer.