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Vor Kurzem musste ich zum vierten Mal mein deutsches Visum erneuern. Dabei inspizierte eine Beamtin meine Kontobewegungen, Krankenversicherungsdaten, Steuerunterlagen, nahezu alles außer meiner Hosengröße. Ich lebe zwar schon seit fünf Jahren in Berlin, aber dies war mein erstes Gespräch in der Ausländerbehörde, das ich ausschließlich auf Deutsch geführt habe. In den vergangenen Jahren kam dieses Gespräch jedes Mal an einen Punkt, an dem ich anfing zu stammeln (wahrscheinlich genau in dem Moment, in dem die Beamtin fragte, wie viel Geld ich verdiente) und ins Englische wechselte. Irgendetwas an der Tatsache, eine Autoritätsperson davon überzeugen zu müssen, dass ich wirklich hierher gehöre, bringt mich zu sehr durcheinander, als dass ich mich noch an meine Partizipien erinnern könnte.

Elvia Wilk ist eine US-amerikanische Autorin in Berlin. Sie ist freie Redakteurin für die Online-Magazine "uncube" und "Rhizome" sowie zurzeit für die transmediale. Darüber hinaus schreibt sie Poesie und Belletristik. Elvia Wilk ist Gastautorin von "10 nach 8". © Clemens Jahn

Nach dem Termin triumphierte ich zunächst, mit dem Visum in der Hand, doch als ich auf dem Heimweg von Moabit in der U-Bahn saß, konnte ich nicht damit aufhören, das Gespräch immer wieder in meinem Kopf durchzuspielen. Mir wurde klar, dass ich nahezu jeden Satz vermasselt hatte. Das Konto. Die Anmeldung. Scheiße. Mein Stolz verwandelte sich in Scham.

Seit ich in Berlin lebe, ist Scham ein Gefühl, das ich nahezu jedes Mal empfinde, wenn ich meinen Mund öffne und versuche, einen Umlaut auszusprechen. Und ich bin nicht die Erste, die damit hadert – Deutsch ist berühmt-berüchtigt als eine schwer zu bewältigende Sprache. 1880 verfasste Mark Twain eine vernichtende Kritik in seinem Aufsatz Die schreckliche deutsche Sprache. "Es gibt ganz gewiss keine andere Sprache, die so unordentlich und systemlos daherkommt und dermaßen jedem Zugriff entschlüpft", schrieb Twain. "Aufs Hilfloseste wird man in ihr hin und her geschwemmt, und wenn man glaubt, man habe endlich eine Regel zu fassen bekommen, die im tosenden Aufruhr der zehn Wortarten festen Boden zum Verschnaufen verspricht, blättert man um und liest: 'Der Lernende merke sich die folgenden Ausnahmen.' Man überfliegt die Liste und stellt fest, dass es mehr Ausnahmen als Beispiele für diese Regel gibt. Also springt man abermals über Bord, um nach einem neuen Ararat zu suchen, und was man findet, ist neuer Treibsand."

Ich muss Ihnen gegenüber, meinen lieben deutschen Lesern, vermutlich nicht wiederholen, wie schwierig es ist, Verben zu memorieren, die sich halbieren und ans entgegengesetzte Ende eines Satzes fliehen; Wortzusammensetzungen zu entwirren, die aneinander klumpen, als wäre ihnen kalt und als suchten sie verzweifelt nach der Körperwärme eines anderen; Geschlechter zu dekodieren, die wechseln und wanken und sich gegenseitig aufheben, je nachdem was mit ihnen geschieht. Diese Sprache ist felsiges Gelände. Ich habe mich durch einige andere Sprachen durchgebissen, einschließlich zahlreicher peinlicher Momente, aber bis ich nach Deutschland zog, habe ich nie eine derart heftige sprachliche Scham empfunden. Diese Scham geht weit über mein Ringen mit den technischen Aspekten der Sprache hinaus. Diese Scham hat damit zu tun, was passiert, wenn ich in realen Lebenssituationen versuche, Deutsch zu sprechen.

Ich erlaube mir nun, einige der Spiele zu beschreiben, die ich tagtäglich mit deutschen Muttersprachlerinnen spielen darf. (Die folgenden Szenen haben sich exakt so zugetragen.)

1. Das Ich-verstehe-Sie-nicht-Spiel

Ich betrete die Haushaltswarenabteilung von Karstadt auf der Suche nach einem Holzlöffel. Ich finde die Löffel nicht sofort, suche einen Verkäufer und frage: "Haben Sie Holzlöffel?"

Der Verkäufer sieht mich mit leerem Blick an: "Was?"

"Holzlöffel", sage ich und beginne, an meinen Worten zu zweifeln, noch während sie meinen Mund verlassen. "Um zu kochen. Kochlöffel."

"Sprechen Sie Deutsch?"

"Ja", sage ich sehr langsam. "Ich spreche Deutsch. Ich suche Löffel? Kochlöffel? Holzlöffel?"

Er schüttelt seinen Kopf, tut so, als verstünde er kein Wort von dem, was ich gerade gesagt habe, und sagt: "Haben wir nicht." Als er weggeht, sehe ich, dass er genau vor dem Regal mit den Löffeln stand.

2. Die Kehrtwende

Ich bin zu einem großen Abendessen bei einem deutschen Bekannten eingeladen. Alle sprechen Deutsch.

Ich sage zum Gastgeber: "Die Kartoffeln sind sehr lecker."

"Thanks", antwortet er in schlechtem Englisch. "They have much butter."

"Oh", sage ich und tue es ihm gleich und wechsle ins Englische. "Butter is always a good idea."

Er dreht sich zur restlichen Gesellschaft am Tisch und sagt laut: "Keiner von diesen Amerikanern versucht auch nur, Deutsch zu lernen. Wir sprechen alle Englisch mit ihnen, um es ihnen leicht zu machen, und sie versuchen es noch nicht einmal."

3. Das Komplimente-Spiel

Ich unterhalte mich mit zwei Freunden auf einer Vernissage. Sie sprechen Deutsch, und ich bin zu schüchtern, um mich am Gespräch aktiv zu beteiligen, nehme aber all meinen Mut zusammen und werfe einen Kommentar dazwischen. Anstatt auf den Inhalt meiner Aussage einzugehen, sagt einer der beiden: "Dein Deutsch ist ziemlich gut geworden!"

Ich bedanke mich und versuche, das Gespräch fortzusetzen, aber der andere Freund versperrt mir den Weg: "Ja, dein Deutsch hat sich sehr verbessert!"

Die Tatsache, dass ich mich am Gespräch nicht beteiligen kann, ohne dass die beiden auf den Umstand aufmerksam machen, dass ich tatsächlich Deutsch spreche, lässt mich unmittelbar jedes deutsche Wort vergessen, das ich je gelernt habe, und in Schweigen zurücksinken. Als ich einen der beiden das nächste Mal sehe, sagt er: "Wow, dein Deutsch ist viel besser als letztes Mal!" und widerlegt damit seine Aussage, dass es beim letzten Mal tatsächlich gut gewesen sei. Ich wusste es.

Diese Spiele erschienen mir zunächst als kulturelle Eigenheiten – nichts, was einem den Schlaf rauben sollte. Im letzten Spiel gehe ich beispielsweise davon aus, dass die Absicht eine gute ist, nämlich die, mein Selbstvertrauen zu stärken, das Ergebnis nur leider negativ ausfällt. Doch je länger ich hier lebe und beharrlich daran arbeite, meinen Akzent glatt zu bügeln und meine Präpositionen in den Griff zu bekommen, und je länger diese Spiele weitergehen, desto mehr verhärtet sich mein Verdacht, dass hier noch mehr im Argen liegt. Ich möchte das mit einer weiteren Anekdote illustrieren, der Geschichte von einem Abend, an dem das Spiele-Spielen etwas düsterer wurde, weniger wie Scrabble, eher wie eine linguistische Version von Hunger Games.

Zu wenig Platz für Deutsche?

Ich bin kurz davor, Berlin für zwei Monate zu verlassen, und lade zu einem Abschiedsumtrunk in einer Neuköllner Bar ein. Die Bar ist relativ neu und gehört einem entfernten Bekannten von mir, einem jungen Deutschen, der mir zwar als begeisterter Spieler der Spiele 1, 2 und 3 bekannt ist, den ich aber generell als eher ungefährlich eingestuft habe.

Nach etwa einer Stunde betritt der Besitzer die Bar, sieht meine Gruppe von 10 bis 15 Freunden und bittet mich, mit ihm unter vier Augen zu sprechen.

"Denkst du, du kannst einfach den kompletten Laden besetzen?", fragt er auf Englisch.

"Es stört dich, wenn deine Bar voll ist?"

"Nein! Du vertreibst mir aber meine ganzen deutschen Stammkunden. Ihr seid zu laut."

"Was meinst du mit 'deutschen' Kunden? Die Hälfte meiner Freunde hier sind Deutsche."

"Es brüllen alle auf Englisch herum. Das verdirbt die ganze Atmosphäre."

Ich sehe zu meinen Freunden, die sich auf vier Tische verteilt haben. Sie sind zwar nicht leise, aber es ist keineswegs am Ausufern. Ich blicke zu den Tischen mit seinen "deutschen Stammkunden" und sehe eine Gruppe von Hipster-Jungs, die sich gegenseitig mit Bier bespritzen.

"Ich kann sie bitten, leise zu sein", sage ich, "falls die Lautstärke ein Problem ist."

"Sorry, ihr müsst jetzt gehen. Es gibt nicht genug Platz für meine Stammkunden, wenn ihr alle hier bleibt."

Schließlich droht er mit der Polizei und wir ziehen in die Kneipe gegenüber um.

Es ist mir vollkommen klar, und ich bin diesbezüglich über die Maßen selbstkritisch, dass die Gefahr besteht, wie eine laute amerikanische Touristin im Ausland zu wirken. Ich kenne dieses Klischee und versuche, es wie die Pest zu vermeiden. Aber in diesem Fall traf das Klischee nicht zu. In diesem Fall wurde das Klischee dazu missbraucht, um eine tiefsitzende Fremdenfeindlichkeit zu rechtfertigen. Dazu kommt die Scheinheiligkeit eines jungen weißen Mannes, der gerade eine szenige Bar in Neukölln eröffnet hat und implizit einer englischsprechenden Gruppe unterstellt, sie gentrifiziere die Nachbarschaft – und ich erlaube mir an dieser Stelle zu spekulieren: Der gleichen Logik zufolge hätte er uns herausgeworfen, wenn wir Arabisch gesprochen hätten? (Oder hätte er uns überhaupt hineingelassen?)

Natürlich haben wir nicht Arabisch gesprochen, sondern Englisch, die Sprache des kulturellen Imperialismus, die Lingua Franca der wohlhabenden Welt. Und ich bin weiß, sodass sich in meinem Fall die vergleichsweise milden Formen der Fremdenfeindlichkeit, die ich flüchtig in der Sprache erkenne, nicht mit Rassismus überschneiden. Dennoch sind es eben solche Erlebnisse, durch die ich immer deutlicher erkenne, wie die Feinheiten von Fremdenfeindlichkeit funktionieren und wie viel Macht Sprache als Mittel zur Ausgrenzung besitzt. Insbesondere eine Sprache mit derart zahlreichen grammatikalischen Feinheiten. Auch wenn es so etwas wie eine "an sich" fremdenfeindliche Sprache nicht gibt (sicherlich hat auch das Englische ausgrenzende Eigenschaften), bildet die Komplexität der deutschen Sprache eine fantastische Grundlage dafür, diejenigen auszugrenzen, die sie nicht beherrschen.

Wie sollen die Helfer helfen?

Vor dem Hintergrund der Privilegien, die ich genieße, ist es mir unvorstellbar, wie es wäre, hier als Geflüchtete anzukommen, ohne jegliche Kenntnisse der deutschen oder englischen Sprache, und zu versuchen, mich durch die Bürokratie zu navigieren. Vor Kurzem habe ich begonnen, in der Notunterkunft für Geflüchtete im Flughafen Tempelhof auszuhelfen, wo ich eine Sprachbarriere beobachten konnte, die eher wie ein Stacheldrahtzaun mit tollwütigen knurrenden Hunden daherkommt. Die Übersetzer können mit der großen Nachfrage kaum mithalten, was auch an der Vielzahl von Sprachen und Dialekten liegt, mit der sie konfrontiert werden; und ohne eine gemeinsame Sprache kann es wie ein Ding der Unmöglichkeit erscheinen, die grundlegenden Bedürfnisse einer Person festzustellen.

Ich verbrachte mehr als 20 Minuten damit, herauszubekommen, welches Kleidungsstück eine Urdu sprechende Frau für ihr Kind benötigte. Immer wieder sah ich Helfer, die keine Mittel besaßen, um mit denjenigen zu kommunizieren, denen sie zu helfen versuchten, die Leute in die falsche Richtung schickten, ihnen Dinge gaben, die sie nicht gebrauchen konnten, mit Vehemenz immer wieder auf ein Wörterbuch zeigten oder aus Frustration damit anfingen, mit lauter Stimme in irgendwelchen Sprachen Anweisungen zu geben.

Während ich dieses Gebärdenspiel der Kommunikation beobachtete, fragte ich mich, wie es der Frau, die soeben hier angekommen war, in fünf Jahren ergehen wird. Ich fragte mich, ob sie es jemals schaffen wird, perfekt den Dativ zu beherrschen. Und falls ja, ob jemals irgendjemand dem, was sie sagt, Gehör schenken wird. Oder ob das Wort fremd das einzige sein wird, was die Leute hören werden, wenn sie den Mund öffnet.

Übersetzung ins Deutsche von Clemens Jahn. Mein Dank geht an Theresia Enzensberger, Imri Kahn und Clemens Jahn für die zahlreichen Gespräche zu diesem Thema.