Auch die ARD macht sich Gedanken darüber, was man den Flüchtlingen medial bieten muss. Die syrischen Gäste von heute könnten schließlich die GEZ-Beitragszahler von morgen sein. In einem Online-Dossier wurde auf Englisch oder Arabisch zusammengetragen, wovon die Redakteure der unterschiedlichen Sender ausgehen, was man als frisch Geflohener in Deutschland für einen schönen und reibungslosen Start in ein sicheres Leben gebrauchen kann. In dem Dossier liest man Themen wie First Steps: "Schulpflicht sounds like an obligation but it’s a chance", erklärt ein junger Mann in einem Video.

Wenn man Flüchtlinge fragt, weshalb sie mit ihren Kindern geflohen sind, dann antworten sie, dass sie für eine besserere Zukunft ihrer Kinder die Flucht angetreten sind. Ihre Kinder auf eine Schule schicken zu dürfen, empfinden die meisten Flüchtlinge als Gnade. Leider ist das nicht in allen Bundesländern so ohne weitere möglich. Ein anderes Themenpaket heißt Helpful Information, unter anderem heißt es da: "Handeln Sie die Preise im Supermarkt nicht herunter". Nirgendwo im Orient handeln Menschen im Supermarkt Preise herunter. Dafür sind die Märkte da. Vielleicht müsste man ein Dossier für Deutsche machen, das ihnen die Lebensumstände und Sitten und Gebräuche der Länder vorstellt, aus denen die Flüchtlinge kommen?

Der Bayerische Rundfunk beteiligt sich an der Aktion Wegweiser für Flüchtlinge mit bebilderten Schautafeln, die den Flüchtlingen uns Deutsche erklären sollen. Schaut man sich die Tafeln an, schleicht sich der Verdacht des image tunings ein. Wir kommen totally friendly, tolerant and peaceful rüber.

Tafel 1:Männer und Frauen (auch untereinander) geben sich zur Begrüßung und zum Abschied die Hand.

Sollte ein Syrer oder Afghane jemals dieses Dossier lesen, kommt er aus dem Staunen sicher nicht heraus. Mit Handschlag? Echt? Wie genau? Handaußenflächen aneinander? Innenflächen reiben? How? Why?

(Lange überlegt, wann mir das letzte Mal die Hand gegeben wurde.)

Tafel 2:Schauen Sie der Person, mit der Sie sprechen, immer in die Augen.

Einfach mal am DB-Schalter ausprobieren. Erst anfangen zu reden, wenn man mit Handschlag begrüßt und angeschaut wurde. Klappt auch auf der Ausländerbehörde! Nämlich nie.

Tafel 5:Wenn Sie etwas nicht verstanden haben, können Sie jederzeit nachfragen. Das ist nicht unhöflich.

(Überlege immer noch, wann mir das letzte Mal jemand die Hand gab und wie auf Schaubild 1, 2, 3, und 4 strahlte.)

Tafel 6:Frauen gehören respektiert, unabhängig davon, welche Kleidung sie tragen. Gilt auch für Männer.

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Gesundheit - anderer Kontext aber gleiches Thema: "Nach der repräsentativen Untersuchung - Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland - von 2004 haben insgesamt 58,2 Prozent aller befragten Frauen Situationen sexueller Belästigung erlebt, sei es in der Öffentlichkeit, im Kontext von Arbeit und Ausbildung oder im sozialen Nahraum. Zu einem vergleichbaren Ergebnis für Deutschland kommt auch die im März 2014 veröffentlichte repräsentative Studie der Europäischen Grundrechteagentur zum Ausmaß von Gewalt gegen Frauen in Europa."

Tafel 7: In Deutschland ist es Homosexuellen erlaubt ihre sexuellen Präferenzen zu zeigen.

Erlaubt ja. Aber auch anerkannt? Einfach mal einen Fußballspieler fragen. Außerdem. Händchen halten ja, Adoptionsrecht nein.

Tafel 8: Auch ältere Menschen dürfen freundlich und ruhig um Hilfe gebeten werden.

Ja. Aber nicht empfehlenswert. Jedenfalls nicht überall in Deutschland. Montags abends in Dresden ist es eher ungünstig aufgebrachte sächsische Rentner um Hilfe zu bitten, wenn diese sich gerade auf einer Pegida Demo befinden. (Himmel noch einmal, wann wurde ich denn das letzte Mal mit Handschlag begrüßt?)

Tafel 9:In Deutschland dürfen Konflikte nicht mit Gewalt gelöst werden.

Gilt wirklich absolut nur für Deutschland. Hätte man dazu schreiben sollen.

Tafel 10: ... sonst kommt man ins Gefängnis.

Ausnahme: rechtsradikale Bürger, die Asylbewerberheime anzünden.

Tafel 11: ... oder bekommt Nachteile im Asylbeantragungsprozess.

Ja, aber bis man endlich einen Asylantrag in Deutschland stellen darf, ist die Schlägerei vielleicht schon verjährt.

Tafel 12: Konflikte werden durch Reden gelöst oder durch Hilfe Dritter (Ältere Menschen, Assistenten, Wärter).

Das wäre schön, aber Täter, die Gewalt gegen Flüchtlinge ausüben, wenden sich leider nicht an ältere Menschen, Assistenten oder Wärter. Siehe Statistik Gewalt gegen Flüchtlinge.

Tafel 13: Das Schlagen von eigenen oder fremden Kindern ist nicht erlaubt.

Ach, würden die deutschen Eltern doch bloß darauf hören! Vergangenes Jahr wurden 104 Kinder durch Gewalt getötet und 4.204 Kinder misshandelt. Die Dunkelziffer liegt weit höher, weil Kinder darauf angewiesen sind, dass die Fälle entdeckt und gemeldet werden.

Tafel 14:Wer Gewalt oder Ungerechtigkeit erlebt, kann eine Anzeige erstatten.

Welche Polizeibehörde ist denn zuständig für einen Flüchtling, der sich noch im Asylbewerberstatus befindet und Gewalt durch Grenzpolizisten, Militär, Lagerkommandeure oder Sicherheitsdienste in Griechenland, Mazedonien oder anderswo auf der Reiseroute erlebt hat? Oder vor dem Lageso in der Warteschlange? Bekommt er einen Pflichtverteidiger vom Staat, wenn er sich keinen Anwalt leisten kann?