Der russische Terrorist und Schriftsteller Boris Sawinkow, 1917 © Hulton Archive/Getty Images

Zum Fürchten

Jakob Nolte: "ALFF", Matthes & Seitz
Wer zu wenig Albträume hat oder zu gut über seine Nachbarn denkt, kein Problem: Einfach ALFF von Jakob Nolte lesen, und man hat keinerlei Zweifel mehr an den perversen Abgründigkeiten seiner Zeitgenossen. Mütter werden von Töchtern im Keller angekettet und Mitschüler von unscheinbaren Nerds fein säuberlich an College-Zäunen festgenäht. Den Debütroman des 1988 geborenen Nolte sollte man vielleicht nicht unbedingt unmittelbar vor dem Essen lesen. Wiebke Porombka


Boris Sawinkow: "Das fahle Pferd", Galiani
Es braucht in diesem Roman nur wenige Seiten, bis sich hier eine ganze brutale Gedankenwelt erschließt. Boris Sawinkows Das fahle Pferd ist das Tagebuch des sozialrevolutionären Terroristen George, ein kalter, zynischer Geist, gewissermaßen ein Mörder aus Berufung im Russland des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Mitstreiter mögen Ideale haben, er liebt bloß das Töten. In einer von jeglicher Empfindung befreiten, kunstvoll knappen Sprache ließ Sawinkow, tatsächlich einst selbst Terrorist, seine Figur sprechen und sinnieren, dass es einen zuweilen erschaudern lässt. Ein Roman, der den Leser an die Grenzen der Moral führt und zugleich eine hohe Aktualität in sich trägt. David Hugendick


Birgit Kelle: "GenderGaga", adeo
Man sollte Bücher von Menschen nicht ernst nehmen, die sich mit ihrem Thema nicht auskennen. Aber GenderGaga von Birgit Kelle ist unheimlich. Die Autorin jammert, der Gesellschaft werde eine "absurde Ideologie" aufgezwungen, und tut genau dasselbe: Mädchen schminken sich, Jungs spielen Fußball. Mehr gibt es nicht. Bei Kelle ist alles ganz einfach, einfacher als die Realität. Auch die Gleichstellung: "Früher haben wir Frauen die Türen geöffnet. Jetzt tragen wir sie hindurch", sagt sie in Interviews. Wirklich zum Fürchten. Eva Steinlein


"Dustwun", Serial Season 2, "New York Times"
Dass es das Format Podcast überhaupt noch gibt, ist ein kleines Wunder, und wahrscheinlich hat es seine Rettung dem erfolgreichen Serial Podcast This American Life von 2014 zu verdanken. In diesem ging Sarah Koenig einem mehr als zehn Jahre zurückliegenden Mordfall nach und fand Erstaunliches heraus. Nun gibt es die zweite Staffel, in Dustwun geht es um den ehemaligen US-Soldaten Bowe Bergdahl, der seinen Posten in Afghanistan verließ, von Taliban gefangen genommen wurde und nach fünf Jahren in Geiselhaft gegen fünf Guantanamo-Gefangene ausgetauscht wurde. Aufwendig recherchiert, tolles Format, wahnsinnige Story – nicht nur für Homeland-Fans. Nach Veröffentlichung der ersten Episode des Podcasts wurde eine Anklage gegen Bergdahl vor dem Militärgericht zugelassen. Silke Janovsky