Eine Junggesellinnenabschiedsparty sieht fröhlich aus, ist aber nur der Anfang vom Ende des Glücks. © Mat Hayward/Getty Images

Als Kim Gordon und Thurston Moore 2011 das Ende ihrer Ehe und damit auch das von Sonic Youth bekanntgaben, zerklirrten Tausende Herzen, erwachsene Menschen brachen in Tränen aus. 30 Jahre lang hatte es die Band gegeben, 27 davon waren die beiden das Traumpaar des Indierocks gewesen. Einer ganzen Generation galten sie als Beweis dafür, dass es gehen kann, inmitten des Irrwitzes dieser Welt: sich verlieben, gemeinsam Kunst machen, heiraten, ein Kind aufziehen, cool bleiben.

Das Ende der Geschichte geht so: Mann in der Midlife-Crisis nimmt sich eine Geliebte und führt so lange ein Doppelleben, bis alles auffliegt. Schnüffeleien, verzweifelte Versuche, die Affäre zu beenden, Ultimaten, Lügen, Scheidung. Szenen eines ganz banalen Ehe-Endes, sogar die Rollen waren klischeegerecht verteilt. In ihrer Autobiographie schreibt Kim Gordon, sie und Moore seien eben auch nicht anders gewesen als all die anderen Paare. "Und was passiert war, war vermutlich die normalste Sache der Welt."

Die Scheidungsraten in dieser Welt hätten, angewendet auf die kommerzielle Luftfahrt, schon lange zur Abschaffung derselben geführt. In unserem Intimleben dagegen gilt ein solches vermeintlich individuelles Scheitern als menschliches Versagen. Und als ganz normale Sache, wegen der nichtsdestotrotz nicht wenige die furchtbarsten Schmerzen erleiden.

Das Begehren wird eingehegt

Es war Arthur Miller, der sagte, dass eine Ära als beendet gelten kann, wenn sich ihre grundlegenden Illusionen als gescheitert erweisen. Die Erkenntnis aber, dass etwas mit unserem Beziehungsstandardmodell nicht stimmen kann, scheint sich erstaunlich langsam durchzusetzen. Zu sehr scheint uns diese verliebt-verlobt-verheiratet-Geschichte eingepflanzt. Die Vorstellung von einer einzigen, lebenslang monogamen Beziehung allerdings wurde bekanntlich längst durch die von der (in vielen Fällen lediglich scheinbaren) seriellen Monogamie ersetzt. Und da stehen wir jetzt.

Der traurigste Anblick, den ich kenne, ist der von verkleidet und sichtlich besoffen durch Innenstädte eiernden Frauen- oder Männergruppen beim JungesellInnenabschied. Sauber nach Geschlechtern getrennt genießt man die letzte Nacht in Freiheit, gern auch mit Strippern oder im Puff, bevor man am angeblich schönsten Tag seines Lebens allen Ausschweifungen ein für alle Mal abschwört. Die Franzosen übrigens nennen diese Veranstaltung "enterrement de la vie de jeune fille" bzw. "de jeune homme". "Enterrement" heißt Begräbnis.

Das Begehren soll endlich eingehegt und in die Schranken verwiesen werden. Auf dass es sich ab dann hoffentlich ausschließlich auf diese eine Person fokussiert, denn andernfalls stünde alles auf dem Spiel: die Beziehung, die Familie, das mühsam aufgebaute Glück. Die eigene Freiheit endet genau wie die des geliebten Anderen an der Tür zum Standesamt.

Schlichtweg grausam

Doch nichts gegen die Ehe. Ein paar der Männer, für die ich die größte Liebe hege, sind verheiratet.

Anne Waak, 1982 in Dresden geboren, ist Journalistin. Sie gehört zu den Gründern von Waahr.de, einem Online-Archiv für Kulturjournalismus, und arbeitet derzeit an einem Buch über Todessehnsucht. Sie lebt in Berlin. Anne Waak ist Gastautorin bei "10nach8". © Trevor Good

Das eigentliche Problem ist ja auch nicht die Institution selbst, sondern die Idee, die ihr zugrunde liegt: Monogamie, bis dass der Tod uns scheidet. Sexuelle Treue, bis dass wir uns wirklich nicht mehr sehen können. Wir – nur wir zwei – unsere Kinder und unser Erbe, das auf sie übergeht – sollte es nicht vorher durch einen langwierigen Scheidungskrieg aufgezehrt worden sein.

Alles wird von dieser Einheit erwartet: Dass sie diese zwei Menschen mit Liebe, Sex und Leidenschaft versorgt, heute und für immer, mit Freundschaft und Gesellschaft bis ins hohe Alter. In ihrem Buch Unsagbare Dinge nennt Laurie Penny das: Liebe®. Die sauber verpackte eine Liebe, "die Vorstellung, dass jeder Mensch eine verwandte Seele hat, die in alle Ewigkeit zu lieben ihm bestimmt ist, und dass das Leben erst vollständig sein kann, wenn man mit dieser Person Tisch und Bett teilt", nennt sie nicht nur unglaubwürdig, sondern schlichtweg grausam. Weil es impliziere, dass alle versagt haben, die das nicht schaffen – und die das gar nicht schaffen wollen.