Wollte man eine Parole finden, die alle unterschreiben und gegen die keiner etwas haben kann, wäre diese ganz vorne dabei: Mach dein Ding. Das heißt so viel wie: Geh deinen Weg, bleib dir treu, sei authentisch.

Zum diesen Thema gibt es nicht nur Regalmeter von Ratgebern, etwa Mach Dein Ding! – Der Weg zu Glück und Erfolg im Job (2010), Selbstvertrauen – Die Kunst, dein Ding zu machen (2014), Scheiß auf die anderen – Sich nicht verbiegen lassen und mehr vom Leben haben (2015), sondern derlei Kalenderweisheiten finden sich auch quer durch alle Musikrichtungen.

Vor ein paar Jahren röhrte Udo Lindenberg: "Ja du machst dein Ding / Egal was die andern sagen / Du gehst deinen Weg / Ob geradeaus, ob schräg / Das is doch egal / Du machst dein Ding / Egal, was die andern labern". Für Liebhaber des lobotomierten Party-Rap grölten Die Atzen: "Mach dein Ding / Und lass dich nicht verarschen / Mach dein Ding / Wir lassen uns nichts sagen". Und für Fans des schunkelnden Pop-Schlagers trällerten schließlich die Domstürmer: "Mach dein Ding, dingeling dingeling / und du bist mitten drin / Dingeling dingeling, / mitten drin im Leben / und dir geht's einfach gut."

Sein Ding zu machen, kein bloßer Menschendarsteller zu sein, klingt natürlich dufte. Nach jemandem, der trotz aller Widerstände seinen Traum verfolgt. Man denkt an einen ambitionierten Jungschriftsteller, der gegen alle wirtschaftlichen Wahrscheinlichkeiten an seinem Romanprojekt festhält; an eine frustrierte Finanzbeamtin, die zur Bergführerin umschult oder an ein verliebtes Pärchen, das in Darth-Vader-Kostümen heiratet. An Menschen, die an sich glauben. Menschen, die damit, bewusst oder unbewusst, auch dem Formatierungsdruck des Kapitalismus widerstehen, gegen kleinkarierte Konventionen angehen und sich nicht dem Imperativ eindimensionaler Selbstoptimierung unterwerfen.

Kurzum: Menschen, die biografischen Widerstand leisten.

Aber die Tatsache, dass die Rhetorik authentischer Selbstverwirklichung nicht nur Lebensratgeber und Schunkelhits füllt, sondern inzwischen auch die Buzzwords für Finanz- und Werbeindustrie liefert, darf Zweifel wecken, ob es mit dem Mach-dein-Ding-Diskurs nicht doch etwas anders liegt. Es gibt die Raiffeisenbank, die jeden Weg frei macht, für alle, die "etwas antreibt". Die Kosmetikfirma Lancôme lässt Julia Roberts rhetorisch fragen, ob es "in einer Welt voller Zwänge und Konventionen" nicht auch "einen anderen Weg" gäbe – viele Unternehmen haben längst die ökonomische Potenz von Selbstverwirklichungsversprechen entdeckt. Es ist heute vor allem das Kapital, das einem als Erstes unter die Arme greift, wenn man mal richtig sein Ding durchziehen will.

Der Ur-Mythos des Kapitalismus

Das ist, zugegeben, erst einmal nicht besonders meldepflichtig. Der Kapitalismus vermag alles Mögliche zu inkorporieren, indem er rebellische Codes kidnappt und sie ins eigene Verwertungssystem integriert. Vom Ché Guevara-T-Shirt bis zur Karl-Marx-Sparkassenkarte, um nur zwei der plakativsten Beispiele zu nennen, ließe sich etwa eine ganze Ahnengalerie revolutionärer Posterboys entwerfen, mit denen mittlerweile viel Geld verdient wird. Oder allgemeiner gesagt: Systemkritik verkauft sich gut.

Der Mach-dein-Ding-Diskurs hat aber nicht ausschließlich mit einer Vereinnahmungsdynamik zu tun. Er zeigt sich als ambivalente Angelegenheit. Einerseits schwingt in ihm stets etwas vermeintlich Widerständiges mit, andererseits erkennt man in ihm aber auch einen alten Bekannten. Bis zu einem gewissen Grad offenbaren sich heutige Selbstverwirklichungserzählungen als Wiedergänger des kapitalistischen Ur-Mythos, des American Dream: Wer nur wirklich an sich glaubt, der wird's schon schaffen. Sei es vom Tellerwäscher zum Millionär oder vom Schreibschüler zum Romanautor. Dementsprechend teilen beide Narrative zunächst auch zwei Grundmerkmale.

Zum Ersten besitzen sie jeweils keinen intrinsischen Wert. Genauso wie Geldverdienen freilich keinen Zweck an sich darstellt, da es einen Unterschied macht, ob man seine Brötchen mit belegten Baguettes oder automatischen Maschinengewehren verdient, so ist es auch nicht unerheblich, ob man durch Entwicklungshilfe in Eritrea oder den Weltrekord im Schnitzel-Essen zu sich selbst findet. Sein Ding zu machen, ist also per se keineswegs eine Leistung.

Der Zwangsoptimismus des Karrieristen

Zum Zweiten eint beide Erzählungen die Tatsache, dass sie keine Beschreibungen der Realität liefern, sondern eine narrative Matrix bilden, die in einer Welt zunehmender Exklusion die Möglichkeit totaler Inklusion simuliert. Genauso wie die notorische Anrufung des American Dreams darauf hinweist, dass tatsächlich eben nur die allerwenigsten Millionär werden, bleibt auch persönliche Selbstverwirklichung allzu oft eine Frage von Herkunft, Geld und Beziehungen. Für die individuelle Wahl, eine Karriere oder "sein Ding" zu machen, bedarf es, man denke hierzulande etwa an die Brandt'schen Bildungsreformen, stets einer kollektiven Meta-Wahl. Wer etwa wie Frank Sinatra bekennen kann: "I've lived a life that's full / I traveled each and every highway / And more, much more than this, / I did it my way", der muss dafür auch erst einmal die Chance bekommen. Oder zumindest, wie Sinatra, ein paar Kumpels bei der Mafia haben. 

Im heutigen Mach-dein-Ding-Diskurs zeigt sich mithin eine sonderbare Gleichzeitigkeit ur-kapitalistischer Mythen und inkorporierter Gegenkultur. In vielerlei Hinsicht geht er sogar darüber hinaus. Eines der entscheidenden Merkmale besteht schließlich darin, dass er sich nicht in karrieristischem Zwangsoptimismus erschöpft, sondern eine allseitige Illusion des nicht nachempfundenen Lebens, eines spätkapitalistischen Soseins entwirft. Sein "Ding zu machen" bedeutet nicht nur beruflichen Erfolg, sondern es verspricht auch die Möglichkeit eines autobiografischen Happy Ends. Es meint nämlich: authentisch zu bleiben.

In dieser Vorstellung offenbart sich eine buchstäbliche Form des Selbstbewusstseins, die eine Reihe problematischer Implikationen birgt. An erster Stelle jene, dass die Rede von Authentizität weitgehend zur hohlen Marketingphrase verkommen ist, die, gerne garniert mit weitergehenden Attributen wie "crafted", "handmade" oder "mit Liebe gemacht", lediglich für den Distinktionsgewinn im Mittelschichtsalltag sorgen soll. Von Hipstern, die sich mittels Trucker-Schirmmütze ein bisschen Street-Credibility des White Trash einkaufen, ganz zu schweigen.        

Bloß keine dressierte Menschenmaschine!

Zeigt sich das zeitgenössische Bedürfnis nach Authentizität allzu oft nur in nuancierten Kaufentscheidungen enthusiastischer Verbraucherexistenzen, kommt es meist nicht über die kleinen Unterschiede im Meer massenkonsumistischer Gewöhnlichkeit hinaus. Vor diesem Hintergrund lässt sich dann auch die hübsche Anekdote zur Entstehungsgeschichte von Frank Sinatras My Way lesen. Die Originalvorlage dieser Selbstverwirklichungshymne ist nämlich der von Claude François und Jacques Revau geschriebene Chanson comme d'habitude, auf Deutsch "So wie gewöhnlich", der von einem frustrierten Ehepaar handelt, das sich ob der nervenden Alltagsroutine voneinander entfernt.

Dabei hatte das Bedürfnis, sein Ding zu machen und echtzu sein, lange Zeit eine geradezu sozialrevolutionäre Note. Von der Kritik an barocker Verstellungskunst, die Höflinge zu dressierten Menschmaschinen machte, bis zur schwarzen Bürgerrechtsbewegung entsprang der Hunger nach Realness stets dem Widerstand gegen einen gesellschaftlichen Zwang zur Selbstverleugnung. Als etwa die Soullegende Isaac Hayes Anfang der siebziger Jahre schmetterte: "If you feel like you wanna scream / Cause that's your way of lettin' off steam / Scream on, scream on […] / Cause whatever you do / Oh, you've got to do your thing", war das auch ein Aufschrei gegen grassierenden Rassismus und fortwährende Diskriminierung.

Und natürlich besteht auch heute noch politische Dringlichkeit, jenen, die aufgrund von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, Glaube oder sexueller Orientierung unter repressivem Normalisierungsdruck leiden, die Bedingungen zu ermöglichen, um sich frei entfalten zu können.

Im Kontext des Mainstream-Diskurses sieht die Sache hingegen etwas anders aus. Hier hat der Authentizitätshype nämlich nicht nur zu einer Inflation des entsprechenden Marketingsprechs geführt, sondern auch eine ganz eigentümliche Vorstellung von Selbst-Identität produziert. Hatte bereits Karl Marx im Kommunistischen Manifest postuliert, dass im Kapitalismus "alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige entweiht wird", scheinen die Verhältnisse dieser Tage beschleunigter denn je. Nur besteht die Reaktion nicht mehr im kollektiven Aufruhr, sondern im Versuch individueller Immunisierung.

Rettender Anker in einer verunsicherten Gesellschaft

Das zeigt nicht nur der Erfolg von Lifestyle-Buddhismus und New-Age-Esoterik, die als Mittel gegen den äußeren Weltenbrand eine seelentherapeutische Form der "inneren Mitte" anbieten, sondern auch im allgemeinen Abfeiern biografischer Selbstreferentialität. In Film, Freundeskreis oder auf Facebook, wo täglich Tausende entsprechender Spruchbildchen geteilt und gelikt werden, begegnen einem etwa zuhauf Parolen à la "Ich bin wie ich bin!", "Bleibe wie du bist!" oder "Sei du selbst!"

Wo die Ansprüche der Gegenwart als permanente Überforderung empfunden werden, gerät das Phantasma stabiler Selbst-Identität zum rettenden Anker einer chronisch verunsicherten Gesellschaft. Im Kontrast zum Imperativ marktkonformer Selbstoptimierung wird das eigene Leben somit als eine Art Anti-Bildungsroman gedacht. Das oberste Ziel: zu bleiben, wer man ist. 

Doch ist diese Losung vermutlich eine der traurigsten autobiografischen Entwürfe, die man sich überhaupt vorstellen kann. Und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen ist das, was heute unter Authentizität verbucht wird, nämlich oft genug nur eine popkulturell kostümierte Ideologie von Ichlingen, um die Grundregeln sozialer Kommunikation, also Anstand, Respekt und Distanzgefühl in die Tonne zu treten und den öffentlichen Raum, so die berühmte Wendung des Soziologen Richard Sennett, mit dem "Terror der Intimität" zu belegen. Zum andern mündet bewusstes Authentisch-Sein auch in einer Art dialektischen Sackgasse. Denn sobald das Bedürfnis nach "Echtheit" reflexiv wird, gerät es unfreiwillig selbst zum Rollenspiel, einem für alle Anwesenden meist anstrengenden dazu. Und drittens besteht die eigentliche Tragik des authentizitätsgetriebenen Mach-dein-Ding-Diskurses in der völligen Verabschiedung einer positiven Idee von Selbstoptimierung.  

Naturrecht auf Neugierde

Selbstoptimierung, positiv? Ja! Denn obschon der Begriff in seinem gängigen Gebrauch völlig zu Recht als neoliberaler Code für fortwährende Selbstausbeutung verstanden wird, bestünde die gegenwärtige Aufgabe darin, ihn im Sinne seiner ursprünglich emanzipatorischen Bedeutung zurückzuerobern.

Idealistische Gemüter könnten jetzt einwerfen, dass der Mach-dein-Ding-Diskurs sehr wohl kritisches Potential berge, da er schließlich nichts anderes als der praktische Ausdruck aufklärerischen Bewusstseins sei. Sich nicht verbiegen zu lassen, das war, so könnte man glauben, doch genau das, was Immanuel Kant einst meinte, als er den Mut einforderte, "sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen". Solch ein Einwand würde indes übersehen, dass das Verlassen der Vormundschaft bei Kant keineswegs ein Aufruf zur trotzigen Ich-Archivierung darstellt, sondern ganz im Gegenteil mit der Idee des ewigen Lernens, ja sogar mit der Möglichkeit moralischer Perfektibilität verbunden ist. Kant schrieb in seinem Aufsatz Was ist Aufklärung eben auch: "Ein Zeitalter kann sich nicht verbünden und darauf verschwören, das folgende in einen Zustand zu setzen, darin es ihm unmöglich werden muss, seine [...] Erkenntnisse zu erweitern, von Irrtümern zu reinigen und überhaupt in der Aufklärung weiter zu schreiten."

Kant ging es hier, so formulierte es einmal der Soziologe Oskar Negt, also um das "Naturrecht auf Neugierde", um das Lernen und Korrigieren, ja um die stete Verbesserung im Zeichen der Vernunft. Kurz: um Selbstoptimierung. Eine, die freilich nichts mit jenem Effizienzfetischismus zu tun hat, der heute von Apologeten des entfesselten Markts gepredigt wird. Vielmehr umreißt sie eine Art anthropologisches Ausdauertraining, eine Lerntheorie, die das Individuum in das anlasslose Duell mit sich selbst schickt. Sie meint also eine Haltung, die auch mit jenem Imperativ überschrieben sein könnte, den Peter Sloterdijk für den Titel seines Opus Magnum wählte: Du musst dein Leben ändern.

Und die Liebe?

In seinem 2009 erschienen Buch zeigt der Philosoph nämlich vor allem, dass Selbstoptimierung keine perfide Erfindung des Neoliberalismus ist, sondern von diesem lediglich kolonisiert wurde. Richtig, also nicht-ökonomisch verstanden, offenbart sie indes "eine Lehre von der prozesshaften Einverleibung des Fast-Unmöglichen. Dies hat mit Wirtschaft wenig zu tun, um so mehr mit einem Amalgam aus Künstlertum, Artistik, Trainingswissenschaft, Diätkunde und Asketologie." Was kompliziert klingt, meint praktisch nur jenen athletischen Willen zur Verbesserung, den jeder kennt, der Sport treibt, Tische schreinert oder Rosen züchtet.

Und im Vergleich zum Konservatismus des Mach-dein-Ding-Diskurses birgt dieser Wille immerhin ein buchstäbliches Fortschrittsversprechen: Dass im Ich schon immer ein Anderer wohnt, dass man sich in Zukunft, das nötige Training vorausgesetzt, selbst überlegen sein wird. Während sich die "Ich bleib so wie ich bin"-Fraktion in intellektueller Mumifizierung erschöpft, bildet die Bereitschaft zur steten Selbstverbesserung hingegen nicht nur einen Kontrapunkt zum postmodernen Lifestyle-Fatalismus, sondern sie beinhaltet auch eine politische Dimension. Denn die übende Existenz, so Sloterdijk, "verwandelt alle Schritte in erste Schritte, weil jeder der letzte sein könnte. Es gibt für sie nur eine ethische Handlung: die Überwanderung aller Verhältnisse durch die Eroberung des Unwahrscheinlichen."

Das Andere in sich selbst

Um zu verdeutlichen, wie buchstäblich defizitär die Vorstellung statischer Selbst-Identität ist, muss man aber gar nicht unbedingt in den Bereich der Selbstoptimierung vordringen, nicht die Felder der Politik, des Sports oder der Kunst betreten, sondern es reicht, einen Blick auf den intimsten und schönsten Teil der menschlichen Existenz, die Liebe, zu werfen. Denn insofern man keine ähnlichen Ambitionen wie Grace Gelder hegen sollte, eine englische Fotografin, die sich kürzlich medienwirksam selbst heiratete, offenbart sich im Eros das am Ende vielleicht stärkste Argument gegen den Wunsch, so zu bleiben, wie man ist.

Wie der Philosoph und Mathematiker Alain Badiou in seinem ebenfalls 2009 publiziertem Buch Lob der Liebe sagt, lehrt einen diese nämlich, "dass man die Welt vom Unterschied ausgehend erfahren kann, und nicht nur von der Identität aus". Ein Paar bildet die Teile jenes Liebessubjekts, "das die Entfaltung der Welt durch das Prisma unseres Unterschieds sieht, sodass diese Welt sich ereignet und geboren wird, anstatt nur das zu sein, was meinem persönlichen Blick entspricht". Und damit, so Badiou, unterscheidet diese sich eben auch vom bloßen Sex. "Im Geschlechtlichen treten Sie letztlich in Beziehung zu sich selbst, vermittelt durch den anderen. Der andere dient Ihnen dazu, das Reale des Genießens zu entdecken. In der Liebe hingegen ist die Vermittlung durch den anderen an sich wertvoll."

Die Sehnsucht, sein Ding durchzuziehen und zu bleiben, wer man ist, mag in radikal beschleunigten Zeiten nachvollziehbar sein. Doch impliziert diese eben auch die Verabschiedung der Verbesserungslogik und vollzieht damit die Zementierung des Status quo. Die eigentliche Herausforderung der Gegenwart bestünde deshalb vielleicht nicht in der Beschwörung von Selbst-Identität, sondern vielmehr im Zulassen des Anderen. Sei es der Andere in sich Selbst, den man übend zur Welt bringt, oder der leibhaftig Andere, der einem in der Liebe begegnet. So oder so wäre das lohnenswerte Leben dann nicht das, in dem man sich nicht verbiegen lässt, sondern jenes, in dem man einfach sehr genau darauf achtet, wer einen wann und wie in welche Richtung biegt.