Ein sonniger Nachmittag im Südwesten von Soweto. Albert Ibokwe Khoza steht sehr dicht vor mir, und er ist nackt. Nackt und offensichtlich wütend. Eben noch hat er ein paar getrocknete Blätter abgebrannt und sie durch den improvisierten Performance-Raum geschwenkt. Jetzt starrt er mich und die anderen Zuschauer in der ersten Reihe mit funkelnden Augen an. Er baut sich vor uns auf und stampft laut mit seinen großen Füßen. Albert ist traditioneller Heiler, ein Sangoma, vielleicht also was Rituelles, denke ich. Doch dann nimmt er seinen 1,50 Meter langen Zopf in die Hand und peitscht ihn über den Beton. Er sei einfach nur genervt, sagt er. Schon während der Tanzausbildung hätte man ihn immer so komisch angesehen. Dann lacht er und macht ein paar Tendus.

Elisabeth Wellershaus, 1974 geboren, lebt in Berlin. Sie ist Journalistin und arbeitet unter anderem als Redakteurin für das Kunstmagazin "Comtemporary And". Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © ZEIT ONLINE

Albert ist eine Erscheinung, und er weiß natürlich, dass er mit geschätzten 130 Kilo in keiner Ballettkompanie des Landes Chancen gehabt hätte. Er weiß auch, dass das Leben als schwuler, übergewichtiger, schwarzer Tänzer und Heiler zwangsläufig kompliziert ist. Es deprimiert ihn trotzdem, nie ganz ins Bild zu passen – in Südafrika wie in Europa. Am Abend steht der 27-Jährige vor einem Theater im Stadtzentrum von Johannesburg. Er hält sich an einer Bierflasche fest und busselt mit aufgebretzelten Konzertbesuchern. Zwischen uns, den Gästen eines Goethe-Kulturfestivals, und dem jungen, hippen Konzertpublikum bewegt Albert sich so natürlich wie zwischen Heilpflanzen und Ritualen. Und doch merkt man es ihm an – die Anstrengung im Ringen um seinen Platz. Ein Mann, der seine Homosexualität offen lebt, passt nicht in die konservative Sangoma-Gemeinschaft von Soweto. Ein übergewichtiger Tänzer bestenfalls in experimentelle Bühnenshows. Und vor allem auf europäischen Bühnen wird ein Performer wie Albert zunächst mal eines bleiben: der Exot.

Die westliche Festivalwelt interessiert sich bereits für ihn. Und ich ahne, wie erfolgreich er in Europa sein wird. Schließlich bricht er die Exotik, nach der wir hier heimlich lechzen, gar so hübsch, außerdem lebt sein Agent in Berlin. Doch dort wird Albert sich im streng abgesteckten Rahmen einer eurozentrischen Kunstwelt bewegen. Er wird von Identität und seinem Kampf um Akzeptanz sprechen. Er wird singen, stampfen und alle bezaubern. Und vermutlich wird er doch nur in Ansätzen vermitteln können, was für ein mühsames Geschäft der Umgang mit der eigenen Identität ist.

Radikaler Austausch

Persönliche Verortung gehört zum Alltagsgeschäft vieler afrikanischstämmiger Künstler. Von differenzierten Afrika-Bildern können sie höchstens träumen, die Ignoranz ist noch immer groß im Westen. Noch immer ist hier nicht wirklich angekommen, dass Menschen zwischen Yoruba- oder Xhosa-Traditionen und dem urbanen Chaos von Städten wie Lagos, London oder Johannesburg pendeln können. Menschen, die sich mehr oder weniger geschmeidig zwischen Ländern, Kulturen und Kontinenten bewegen und dabei doch eines gemein haben: sich im Westen an Afrika-Klischees und auf dem Kontinent an gesellschaftlichen Konventionen abzuarbeiten.

Am Morgen vor Alberts Performance steht die Künstlerin Thenjiwe Niki Nkosi auf der Bühne des Goethe-Instituts. Das aktuelle Festivalthema ist Afrikas Zukunft, und sie erzählt von ihrem Frauenkollektiv. Warum sie sich mit anderen schwarzen Künstlerinnen zusammengetan hat? "Weil wir einander schlicht  brauchen", sagt sie. "Allein hätten wir im weißen patriarchalen Kunstumfeld unseres Landes wenig Chancen. So werden wir wenigstens mal wahrgenommen." Ganz langsam erkämpfen sie und die Kolleginnen sich ihren Platz an einschlägigen Kulturorten in Südafrika. Sie nennen sich "Multiplier", um den Mehrwert ihrer Arbeit zu unterstreichen. Das gemeinsame Aufbegehren gegen Vereinnahmungen durch traditionelle Denkmuster. "Für uns ist das nicht einfach nur Rhetorik", sagt Nkosi. "Wir müssen die alten Strukturen aufbrechen, wenn wir arbeiten wollen." Die Auseinandersetzung mit der eigenen Stereotypisierung ist Überlebensstrategie. Unter anderem mit Projekten wie einer mobilen Buchhandlung, wo Geschichten über race, class und gender nicht in Büchern stehen, sondern von Menschen erzählt werden.

Auch ihre Pop-up-Galerie in Soweto setzt auf Nähe. Albert lässt seinen dicken Bauch dort an diesem Nachmittag nicht zufällig vor meiner Nase kreisen. Gerade Touristen und weiße Johannesburger sollen in den wenigen Kunsträumen von Soweto mit der für sie fremden Realität konfrontiert werden. "Vor allem Letztere müssen wir regelrecht herlocken", sagt die Kuratorin Zanele Matsumi. "Sie trauen sich immer noch nicht selbstverständlich in die Townships." Matsumi glaubt, dass Berührungsängste sich durch radikalen Austausch abbauen können, nein sogar müssen. Denn sonst ändere sich nichts an den noch immer großen Spannungen in ihrer Stadt.