Neulich erhielt ich die Einladung zu einer Frauenparty, die sich ausschließlich an "lesbische und bisexuelle Frauen (einschließlich Transfrauen)" richtete; an Menschen also – so lautete der Zusatz –, "die sich grundsätzlich mit dem Pronomen 'sie' richtig beschrieben fühlen". Das war, auch wenn es erst einmal harmlos klingt, ein kleines Politikum. Denn die sozialen und biologischen Geschlechtszuweisungen sind unübersichtlich geworden, die Zeichen der Zeit stehen auf diversity und Inklusion. "Wenn du ... dich als 'genderfluid' siehst, ist diese Party nicht für dich. Sie ist ebenfalls nicht für Transmänner, Transvestiten, Crossdresser und Männer", hieß es weiter im Einladungstext. Das klingt nicht gerade nach gender bender.

Andrea Roedig, geboren in Düsseldorf, lebt als freie Publizistin in Wien und ist Mit-Herausgeberin der Literatur- und Essayzeitschrift "Wespennest". Von 2001 bis 2006 leitete sie in Berlin die Kulturredaktion der Wochenzeitung "Freitag". 2015 erschien ihr Buch "Bestandsaufnahme Kopfarbeit" (zusammen mit Sandra Lehmann) im Klever-Verlag. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8. © Alexandra Grill

Die Veranstalterinnen wollten offenbar ein etwas aus der Mode gekommenes Modell exklusiver "Frauenräume" wiederbeleben und sie reagierten damit auf ein Phänomen, das in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren zunehmend virulent geworden ist: Etliche der Frauen, die früher einfach butch gewesen wären, also sich männlich gebärdende lesbische Frauen, sind oder werden heute Transmänner. Sie unterziehen sich einer hormonellen und teilweise auch chirurgischen Behandlung, wechseln also das biologische, aber auch das soziale Geschlecht. Da viele von ihnen aber aus der lesbischen Szene kommen, in ihr zu Hause sind und sich hier weiter zugehörig fühlen, sieht man auf den entsprechenden Partys nun immer mehr Männer, Transmänner eben, die teils zart, teils massiv mit behaarter Brust, Bierbauch und rüden Manieren als Kerle auftreten. Queer ist das natürlich. Man fragt sich aber schon, ob man jetzt noch auf einer Frauenparty ist.

Nimm doch Testo

Der Trend geht zu Trans, und auch erstaunlich viele der berühmten sexual-politics-Aktivistinnen haben mehr oder weniger eindeutig ihr Geschlecht verändert. Leslie Feinberg, die Autorin von Stone Butch Blues, unterzog sich einer Behandlung; Judith Halberstam (Female Masculinity) nennt sich Jack Halberstam; Pat Califia, die den Lesbensex-Klassiker Sapphistry schrieb, ist heute Patrick. Umgekehrt lebt der Begründer der Männerforschung, Robert Connell, heute als Raewyn Connell. Auch manche nicht ganz so berühmte Lesbe aus der Szene trifft man plötzlich als waschechten Typen wieder. Die Medizin macht’s möglich.

Dennoch bleibt Transsexualität für klassisch sozialisierte Homos eine zwiespältige Sache, denn sie hat zwar viel mit Homoerotik zu tun, treibt dieses Begehren aber eigentlich zu weit, sozusagen bis in den dialektischen Umschlag hinein. Der Haken ist ja, dass Ex-Lesben oder Ex-Schwule als Transmenschen wieder ins heterosexuelle Paradigma passen, falls sie unterwegs nicht auch ihre sexuelle Orientierung wechseln. In der Lesbenszene sprechen jedenfalls manche jetzt vom "Verschwinden der Butches". Sie fühlen sich verraten, allein gelassen. Eine meiner Bekannten bezeichnete die Trans-Mode gar als einen "Dolchstoß in den Rücken der Butches". Wer heute noch als "Mannweib" rumläuft, so scheint es, ist selber schuld und hört mitunter auch den freundlich gemeinten Ratschlag: "Nimm doch Testo."

Erotische Trauer

Die Butch ist keine einfache Figur, denn im Alltag verstößt sie gegen eine soziale und daher auch gegen eine ästhetische Norm. Egal wie frei unsere Mode angeblich sein soll: Eine Frau mit zu vielen männlichen Attributen irritiert und gilt als hässlich. Von einer Butch hörte ich, dass es "wie Urlaub war", als sie sich die Haare einmal länger wachsen ließ. Eine andere – sie ist groß, schlank und macht wirklich etwas her – erzählt, dass ehedem maulfaule Kolleg_innen plötzlich mit ihr reden, seit sie ihre Locken nicht mehr ganz so kurz geschnitten trägt. Wieder eine andere, ältere Butch sagt, dass sie sicher Testosteron genommen hätte, wenn es diese Möglichkeit in ihrer Jugend schon gegeben hätte. Ein Transmann gesteht, dass er jetzt, als Mann, tatsächlich berufliche Vorteile hat und besser verdient.

Keine Frage: Weil Ästhetik sich immer an Angemessenheit, also auch an Geschlechtskonformität orientiert, sehen Butches als Männer vielleicht nicht besser, aber oft adäquater aus. Und sie fühlen sich auch so. Bei den Lesben aber, zumindest bei denen einer bestimmten, mehr feministisch als queer geprägten Generation, löst der Trend zu Trans eine erotische Trauer aus und eine feministische Wut. Sie mögen nun mal Frauen, und jeder Transmann ist eine verlorene Butch. Die medizinisch-pharmakologisch unterstützte Vereindeutigung des Geschlechts bedeutet eine Reduzierung der Vielfalt spezifisch weiblicher Begehrensmuster. Und sie befördert eine Maskulinisierung, eine Aufwertung der Virilität gegenüber dem Weiblichen. Der Umgang der Transmänner untereinander erinnert jedenfalls eher an die offensivere schwule Subkultur als an die lesbische. Es ist demnach nicht ganz so unverständlich, dass manche den Geschlechtswandel der Transmänner als sexuelles Renegatentum deuten und sich ihre Frauenräume zurückwünschen.