Mein Vater wurde 1944 aus der Kleinstadt Satu-Mare in Transsylvanien nach Auschwitz und von dort ins Konzentrationslager Mauthausen deportiert. Seine Eltern konnten ihren Peinigern keinen wirtschaftlichen Nutzen bringen und wurden deshalb in die Gaskammer geschickt. Sie waren damals jünger, als ich es heute bin.

Meine Mutter überlebte im Krieg als kleines Mädchen die Verfolgung durch das Horthy-Regime im Ghetto von Budapest.

Im Kreis meiner jüdischen Kindheitsfreunde in Wien war ich die einzige, die eine noch lebende, im übrigen heiß geliebte, Oma hatte. Sie erzählte mir unzählige Geschichten über ihren Leidensweg. Diese Berichte sowie ihre Albträume von ihren ermordeten Eltern, dem Ehemann und den Geschwistern waren Gutenachtgeschichten, mit denen ich als kleines Mädchen oft eingeschlafen bin. Dennoch ist die traurige Wahrheit, dass mir die zahlreichen ermordeten Angehörigen – trotz der großmütterlichen Schilderungen – fremd sind. Im Grunde genommen sind sie fast spurlos verschwunden. Ein Freund meiner Eltern merkte einmal über dieses Verschwinden der Vorfahren an: "Wie sollte ich meinen Kindern erklären, dass meine Frau und ich nicht Adam und Eva waren?" Mit den Jahren verstehe ich seine Frage immer besser.

Anita Haviv-Horiner, 1960 in Wien geboren, lebt in Israel und ist freiberufliche Bildungsexpertin mit Schwerpunkt auf dem deutsch-israelischen Dialog. Gegenwärtig arbeitet sie an der Publikation "Grenzen-los? – Deutsche in Israel und IsraelInnen in Deutschland", die 2016 bei der bpb erscheinen wird. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Oskar Goldberger

Die Geschichte meiner Familie bewog mich dazu, Wien zu verlassen und nach Israel einzuwandern. Nur allzu gut waren mir die täglichen Kaffeehausbesuche meines Vaters in Erinnerung, zu denen ich ihn oft, auch auf Kosten des Schulunterrichts, begleitet habe. Dort saß er mit seinen Freunden, die ausnahmslos Holocaustüberlebende waren. Ihre auf Jiddisch geführten Gespräche drehten sich, neben den praktischen Dingen des Lebens, um drei Themen: die Verbrechen der Tätergesellschaften Deutschland und Österreich, den damals (wie auch heute) aktuellen Antisemitismus und – gleichsam als Kontrast dazu – die Liebe zu Israel. Diese Kaffeehausrunden haben mich sehr geprägt. Denn ich hörte Menschen, die sich mit dem Land, in dem sie lebten, keineswegs identifizierten und von einem anderen, das sie durch eine rosarote Brille sahen, träumten. Sie hatten Familien, schöne Wohnungen, aber keine Heimat. Meiner Wahrnehmung nach lebten sie in einem Vakuum, das sie als ganz normal ansahen. Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich nicht auch so leben wollte. Ich verstand, dass ich als Tochter von Holocaustüberlebenden emotional nicht fähig war und es auch nicht wirklich sein wollte, Österreich als meine Heimat anzusehen.

Mein Traum von der Zugehörigkeit zu einer Großfamilie erfüllte sich durch das Leben in der neuen Heimat: Ich heiratete in einen kinderreichen Clan ein. Obwohl ich schon lange Jahre geschieden bin, habe ich an der engen Verbundenheit zu dieser vielköpfigen, lauten, streitfreudigen und vitalen Verwandtschaft festgehalten, nicht nur wegen meiner beiden Kinder. Der Haviv-Stamm war und ist das Kontrastprogramm zum schwarzen Loch der Ermordeten und der traumatisierten Lebenden in meiner Familie. Meinen vor vier Jahren verstorbenen Schwiegervater löcherte ich oft mit Fragen nach der Geschichte seiner Familie in Libyen, der abenteuerlichen Flucht nach Israel und seiner Integration in die neue Heimat. Vielleicht wollte ich seine Stimme hören, weil mein eigener Vater nie über seine Jugend reden wollte. Erst bei unserer letzten Begegnung in Wien vor seinem Tod sagt er mir nebenbei: "Im Viehwaggon nach Auschwitz haben wir unseren eigenen Urin getrunken, um nicht zu verdursten."

Jüdisches Europa in Israel

Seit ich im jüdischen Staat lebe, habe ich sowohl beruflich als auch privat immer die Nähe zu Überlebenden gesucht. Auf Hebräisch nennt man sie auch She'erit ha Plita, die letzten Entronnenen. 600.000 dieser Menschen sind seit der Gründung des Staates Israel 1948 eingewandert, weniger als ein Drittel von ihnen lebt heute noch. Viele von ihnen haben sich in Israel ein Stück jüdisches Europa erschaffen, nur dass vor ihrer Tür eben Palmen und keine Tannen stehen.

Der Dornbusch, der nicht verbrannte, ist der von der biblischen Metapher inspirierte Titel eines 2012 erschienenen Buches, das sich mit Überlebenden der Shoah und ihren Einfluss auf den Staat Israel und das Ethos der Gesellschaft befasst. "Überaus charakteristisch war der brennende Wunsch der Überlebenden, eine Rolle bei dem großen israelischen Drama zu spielen und zwar vorne auf der Bühne und nicht als Statisten", bringt es die Schriftstellerin Nava Semel in ihrem Beitrag auf den Punkt.