Eine junge Litauerin sitzt im September 1991 auf einem umgestürzten Lenin-Denkmal. © Gerard Fouet/AFP/Getty Images

Ein drei Meter hohes Feuer erinnert vor dem litauischen Parlament an den Blutsonntag des 13. Januar 1991. Tausende Litauer singen die Nationalhymne und beschwören ihre Einheit: "In dunklen wie in hellen Zeiten".

Vor 25 Jahren starben in Vilnius 14 friedlich protestierende Litauer. Viele von ihnen wurden von sowjetischen Panzern überrollt. Spezialeinheiten von Armee und KGB hatten zuvor in einer Nacht- und Nebelaktion begonnen, strategisch wichtige Punkte in der Stadt einzunehmen. Sie sollten Litauen zwingen, die Souveränitätserklärung vom März 1990 zurückzunehmen. Die Protestierenden bildeten Menschenketten um den Fernsehturm, das Pressehaus und den Obersten Sowjet – das Parlament, für das 1990 zum ersten mal unabhängige Kandidaten antreten konnten.

"Das ist der einzige wahrhaftige Siegestag in der litauischen Geschichte", erklärt Nerijus Sepetys, Historiker an der Universität Vilnius und Chefredakteur der katholischen Intellektuellenzeitschrift Naujasis Zidinys die Bedeutung des 13. Januar: "Das ist der Tag des Verrats und der Treue, der Tapferkeit und des Sieges, der Unmenschlichkeit und der Brüderlichkeit." Damals konnten Sepetys zufolge alle im Land selbst am Freiheitskampf teilhaben, um zu erfahren, wie allein durch den aufrechten Gang und friedliche Auflehnung, die Geschichte unumkehrbar wurde.

Der Feind mit der Kalaschnikow

Zum Jahrestag des Protests öffnet das Parlament seine Türen für alle Litauer. Chöre in Trachten singen die Lieder der Nationalbewegung Sajudis, der sich Ende der 1980er Jahre Hunderttausende anschlossen. Eine Fotoausstellung erinnert an die im Januar 1991 eilig herbeigeschafften Betonteile der Barrikaden, an die offenen Feuerstellen vor den belagerten Gebäuden, an die Solidarität der Menschen, die Essen brachten, sowie an die offene Gewalt gegen die friedlich Protestierenden. Vor den Türen sorgen Rekruten der Armee für Nachschub für 14 kleinere Feuer – jedes erinnert an einen der Toten. Vytautas Landsbergis, 1991 Anführer des Sajudis und damals eine Art informeller Landesvater, spricht zu den Einwohnern von Vilnius: "Wir haben damals als kleines Land nicht nur unsere eigene Freiheit erkämpft, sondern die Freiheit der anderen Völker in der Sowjetunion." In der Menschenmenge vor ihm schwingt ein Aktivist eine ukrainische Flagge. Landsbergis fügt hinzu: "Die Ukraine wurde nach dem Majdan von Russland dafür bestraft, dass sie in Freiheit, Unabhängigkeit und in Europa leben will."

Wenn heute in Litauen an das Ende der Sowjetunion erinnert wird, dann ist immer auch der ukrainische Majdan vom Frühjahr 2014 präsent. In einer Freiluftausstellung neben dem Parlament wurden Betonelemente, Holzkreuze und andere Artefakten der Blockade von 1991 zusammengetragen. Auch hier hängt eine ukrainische Flagge. Neben den Fotos der litauischen Opfer werden die Porträts der mehr als 100 Toten des Majdans in Kiew ausgestellt.

Aus litauischer Sicht stand der Feind 1991 mit der Kalaschnikow in der Hand vor Fernsehturm und Parlament in Vilnius. 2016 steht der Feind erneut mit der Kalaschnikow in der Hand – nun in Luhansk und Donetsk im Osten der Ukraine. Die Annexion der Krim sowie der folgende von Russland aus befeuerte Krieg im Donbas weckten in den baltischen Gesellschaften die Erinnerung an psychische und physische Wunden, die inzwischen mehr als drei Generationen zurückliegen.

Opfer trotz Gewaltfreiheit

Die Sowjetunion wurde hier bereits nach dem August 1939 als russischer Aggressor wahrgenommen. Mit dem Hitler-Stalin-Pakt war noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs die Teilung Europas zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der Sowjetunion beschlossen worden. Nerijus Sepetys verweist auf die starke Präsenz dieser Vergangenheit in der litauischen Gegenwart: "Hitler und Stalin wirken heute viel realistischer als etwa Gorbatschow."

Nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945 konnte Stalin Litauen, Lettland und Estland, aber auch den Westen von Belarus und der Ukraine sowie Bessarabien, das Gebiet der heutigen Republik Moldau, abermals annektieren. Der Kalte Krieg zementierte die Teilung Europas für vier weitere Jahrzehnte. Bei diesen im Hitler-Stalin-Pakt der sowjetischen Seite zugesprochenen Gebieten handelt es sich um jene Zone, die zum Beginn des 21. Jahrhundert wieder zur geopolitischen Spielwiese für Putins Russland geworden ist.