Was macht eigentlich das E-Book so, fragte man sich im vergangenen Jahr des Öfteren, kauft und liest das überhaupt jemand? Natürlich, was für Fragen, elektronische Bücher werden viel gelesen. Aber eben nicht so viel, nicht in dem Maß, dass sie das gute alte gedruckte Buch zu einem Nischenprodukt gemacht haben. Von Stagnation auf dem E-Book-Markt war 2015 häufig die Rede, seine Anteile am Gesamtbuchmarkt liegen in den USA und England zwischen 25 und 30 Prozent, Tendenz eher rückläufig, und in Deutschland, das der elektronischen Entwicklung auf dem Buchmarkt seit Jahren hinterherhinkt, liegt er im niedrigen einstelligen Bereich, noch unter 5 Prozent.

Die Digitalisierung hat die Branche trotzdem im Griff. Doch die ganze Aufregung hat sich gelegt. Das zeigten die beiden Buchmessen in Leipzig und Frankfurt, wo insbesondere auf Verlagsseite kein großes und schon gar kein hysterisches Gewese mehr wegen der digitalen Umwälzungen gemacht wurde. Man experimentiert, gerade auch mit Veröffentlichungen, die es nur elektronisch gibt; man verlegt und verkauft Neuerscheinungen parallel analog und digital, fast routiniert. Und man probiert wiederum dort, nämlich auf Printseite, mit neuen Formaten. Unterschiedlich groß waren Bücher schon immer, doch es scheint, als würden die Verlage zunehmend auf Neuerscheinungen im Pocket-Format setzen, auf gebundene Bücher, nicht Taschenbücher, die extrem handlich sind und sich bequem in der Hosentasche verstauen lassen. Der Trend geht zum Mini-Buch.

Das Taschenbuch der alten Schule

Der Suhrkamp Verlag etwa landete mit so einem Buch 2014 und 2015 einen Bestseller, Wilhelm Schmids Gelassenheit, einem Traktat über die Kunst des Älterwerdens. Der Verlag schob im selben Format nicht nur ein weiteres Schmid-Buch hinterher, Sexout, sondern auch eins von Hans Magnus Enzensberger, Kilroy was here, einen Kalender mit Zeichnungen von Kat Menschik. Im kommenden Frühjahr veröffentlicht Suhrkamp nun einen Klassiker der katalanischen Literatur, Mercè Rodoredas Roman Auf der Plaça del Diamant, sowie einen Band mit Aufsätzen von Niklas Luhmann, eine Ethnografie der höheren Etagen aus den frühen sechziger Jahren, Der neue Chef.

Auch Rowohlt veröffentlichte zum Jahresende ein Mini-Buch: die letzten Texte des im Sommer verstorbenen Schriftstellers und Neurologen Oliver Sacks, Dankbarkeit betitelt. Gerade an diesem Buch lässt sich der Sinn solcher Veröffentlichungen gut erkennen: Es sollte schnell gehen, für ein großes Sacks-Buch war die Stoffmenge zu gering, und es nur als E-Book herauszubringen, wäre der großen Oliver-Sacks-Gemeinde vielleicht nur schwer zu vermitteln gewesen, inklusive der Probleme, sie überhaupt werbend davon in Kenntnis zu setzen. Diese Pocket-Bücher haben dann auch was von Singles, die eigentlich eine Domäne der E-Book-Kultur sind – man denke da nur an die Hanser Box mit ihren regelmäßigen Veröffentlichungen – und sie sind vielleicht eine Antwort darauf, dass gerade der Taschenbuchmarkt die Auswirkungen der Digitalisierung am stärksten zu spüren bekommt. Wenn gedruckte Bücher jemals ein Auslaufmodell werden sollten, dürften das am ehesten die Taschenbücher sein, die der alten Schule gewissermaßen.

Aus Liebe zum Buch

Geradezu programmatisch wirkt da die Printbuch-Single, die der zu Hoffmann und Campe gehörende Atlantik Verlag Mitte Januar veröffentlicht: eine kurze, so gar nicht fiktive Erzählung der US-Schriftstellerin Ann Patchett, Aus Liebe zum Buch. Patchett schildert darin, wie sie in ihrer Heimatstadt Nashville einen Buchladen gründete, nachdem dort auch die letzten beiden übrig gebliebenen Buchhandlungen geschlossen worden waren.

Diese Buchladengründung ist natürlich eine einzige Erfolgsgeschichte, und Patchett schreibt haufenweise Sätze, die Balsam für die von Amazon geschundenen Buchhändler- und Leserseelen sind: "Die Menschen lieben Bücher noch immer, das kann ich mit unseren Zahlen belegen." Oder: "Nicht Amazon trifft die Entscheidungen, sondern die Menschen können sie dadurch treffen, wie und wo sie ihr Geld ausgeben." Ach, das gute alte Buch, die gute alte Buchhandlung, unverwüstlich. Und, auch das macht Patchett deutlich: E-Books kann man auch woanders kaufen als bei Amazon.