Eine ganze Weile war sie von der öffentlichen Bildfläche verschwunden. Bis Montag. Da tauchte die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder in der Politdiskussionsrunde Hart aber Fair auf. Und erzählte, was sie immer erzählte. Nämlich, dass der Moslem einer männerdominierten Gesellschaft entstammt und sein Leitbild aggressiv und antifeministisch ist. Dies nicht zu erwähnen, sei blanke Frauenverachtung.

Es wird dieser Tage viel diskutiert über die Frauenverachtung. Ganz besonders laut ist bei diesem Thema die Rechte. Gerade nationalkonservative Kreise setzen sich für den feministischen Kampf immer dann ein, wenn es darum geht, Frauenrechte im Kampf gegen Minderheitenrechte auszuspielen. Es geht dabei immer darum, "die Frau" vor "dem Ausländer, Moslem, Schwarzen oder Araber" zu beschützen. Im Kampf um die Frau vor dem eigenen Mitbürger oder Ehepartner macht die Rechte dann nicht mehr so eifrig mit.

Diese Strategie ist weltweit erfolgreich. Auch in Gesellschaften, die mehrheitlich dem Islam angehören. Dort ist man ebenfalls nur dann Feminist, wenn es nützt den politischen Gegner zu diskreditieren. Das Ganze beruht auf dem Prinzip einen Ismus mit einem anderem Ismus zu bekämpfen. Die Methode, auf Sexismus mit Rassismus zu antworten, wird derzeit angewendet von christlichen Fundamentalisten, Anhängern der Tea Party, von französischen Republikanern genauso wie vom Front National, der AFD und so weiter. Zuvor muss man den Sexismus aber beim politischen Gegner parken und ihn alleinig dafür verantwortlich machen.

Kristina Schröders Ansichten zu Frauenrechten und Muslimen mögen stimmen oder nicht, darum soll es hier ausnahmsweise einmal nicht gehen. Sondern darum, dass ihre gesellschaftspolitischen Ansichten seltsamerweise nie unter dem Aspekt ihrer Glaubensgemeinschaft diskutiert werden. Man stelle sich vor, dass ein gläubiges, muslimisches Mitglied des Deutschen Bundestages in einer Talkshow sitzt und ausufernd über Frauenrechte reden darf, aber nie Auskunft darüber geben muss, dass es zeitgleich Mitglied einer fundamentalistischen Kirche ist.

Kristina Schröders Mitgliedschaft in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) scheint für die öffentliche Wahrnehmung ihres Mandates völlig unerheblich zu sein. Die SELK ist aber eine rechte, antifeministische, evangelikale Vereinigung. Das Verbot, Frauen das Pfarramt führen zu lassen, wird damit begründet, dass man "zeitgenössische Wandlungen" wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau ignorieren müsse, da im neuen Testament die Kirche den Männern zugeordnet werde. Mit so einem Grundsatz könnte man ja noch leben. In der Politik nennt man so etwas Konservatismus. Aber davon will die SELK nichts wissen. Sie versteht sich als "biblisch begründete Gegengesellschaft und heilsame Alternative". Darauf erstmal einen Messwein.

Ein Backlash vom Feinsten

Die SELK schmettert noch den Paulus Brief an die Korinther hinterher, wo es heißt, dass  Frauen zu schweigen und sich unterzuordnen haben. Und wer was lernen will, soll zuhause den Gatten fragen. Aus imagetechnischen Gründen hätte die SELK es dabei eigentlich belassen sollen, aber es folgt die ultimative Knock-Out-Stelle:

"Ein Weib lerne in der Stille mit aller Untertänigkeit. Einem Weibe aber gestatte ich nicht, daß sie lehre, auch nicht, daß sie des Mannes Herr sei, sondern stille sei."

Das ist ein Backlash vom Feinsten. Die Rücksicht an die Bindung zur Heiligen Schrift nennt man übrigens Fundamentalismus. Und was die "biblisch begründete" und "heilsame Alternative" als Gegengesellschaft betrifft, hat sich in den letzten Jahren ein Begriff im öffentlichen Diskurs über die sogenannten Neuköllner Verhältnisse durchgesetzt: religiös begründete Parallelgesellschaften. Eine ihrer heftigsten und lautesten Gegnerinnen lautet übrigens: Kristina Schröder. Also, was Neukölln betrifft.

Natürlich ist in so einer christlich-fundamentalen Gesellschaft der Frau alles Mögliche verboten. Die Anweisungen werden wie in einer Fatwa präzise und unmissverständlich formuliert. "Es kann auf keinen Fall gehen, dass kirchlicherseits der 'Abtreibungspille' Mifepriston RU 486 die Zustimmung erteilt wird", sagt der emeritierte Bischof Dr. Diethard Roth in einem der Informationsblätter der SELK. Man muss übrigens lange kramen, suchen und recherchieren. An die große Kirchenglocke werden die Regeln und Weisungen gerade nicht gehängt.

Und was sagt Jesus?

Nun könnte man denken, dass besonders die extreme christliche Rechte Allianzen mit anderen Gläubigen führen könnte. Insofern war es folgerichtig, dass Kristina Schröder, damals noch Köhler, in der Islamkonferenz einen wichtigen Posten innehatte. Immerhin saß sie dort als Staatssekretärin und war zuständig für eine Annäherung zwischen moderaten Muslimen und der Bundesrepublik Deutschland. Denn so lautete der Auftrag der Bundesregierung: Dialog.

Aber auch hier gibt die SELK in den Wegweiser vor, dass sich die Muslime den Dialog mit den Christen vom Barte des Propheten wischen können: "Die christliche Liebe respektiert die Religion des muslimischen Nachbarn oder Arbeitskollegen als einen Teil seiner Identität. Der christliche Glaube aber sieht im Islam seinen Konkurrenten und Herausforderer, mit dem keine Kompromisse möglich sind."

Ein Mitglied einer Glaubensgemeinschaft, die den muslimischen Nachbarn als Konkurrenten und Herausforderer betrachtet, mit dem es keinerlei Kompromisse zu machen gäbe, sitzt also jahrelang in allen möglichen Institutionen und Veranstaltungen und redet über die Möglichkeit von friedlichem Zusammenleben? Und was genau könnte ein Kompromiss sein, den es unbedingt abzulehnen gilt? Vielleicht die Religionsfreiheit, die jedem Gläubigen ermöglicht, seinen Glauben ausleben zu dürfen? Die SELK problematisiert auch hier geltendes Recht:

"Muslimen in Europa steht das in der Allgemeinen Menschenrechtserklärung der UNO gewährte Recht auf Religionsfreiheit zu und wird von ihnen genutzt. Dieses Recht muss mit allen Folgerungen den Christen aller Länder in gleicher Weise zugestanden werden. Das den Islam bestimmende Streben, die öffentliche Lebensgestaltung in allen Bereichen zu prägen, schränkt jedoch die Religionsfreiheit der Christen erheblich ein, verbietet, an das Heil in Jesus Christus zu glauben, und schafft bedrängende Leidens- und Konfliktsituationen."

Bibeltreue Reaktionäre

Wenn Muslime Christen daran hindern, an Jesus Christus zu glauben, bedeutet das doch folgerichtig, dass man den Muslimen ihre Religionsfreiheit kompromisslos verbieten müsste? Oder wie ist das Wort "jedoch" zu verstehen?

An Glaubensgrundsätzen wie diesen zeigt sich der Widerspruch zwischen fundamentalistischem und demokratischem Denken. Ganz gleich, was die SELK über das Zusammenleben mitteilt, es steht immer im Widerspruch zu einer aufgeklärten, emanzipierten Gesellschaft, in der das Zusammenleben von Mann und Frau, Muslimen und Christen einem gleichberechtigten Konzept folgt. Die SELK weist ja selbst darauf hin, dass sie sich im Widerspruch zu "zeitgenössischen Wandlungen" sieht. Und das in Zeiten, da deutsche, gläubige Muslime nicht müde werden, zu betonen, dass sie den Widerspruch zwischen Texttreue und Demokratie zu erkennen und bereit sind, den Vorzug dem Grundgesetz zu geben.

Jede Äußerung, die Kristina Schröder im Hinblick auf Muslime und Frauenrechte macht, liest sich natürlich völlig anders, wenn man die Heimstatt kennt, der Schröder angehört. Wer Frauenrechte im Islam, aber nicht in der eigenen evangelikalen Kirchenzugehörigkeit bedroht sieht, ist entweder schizophren oder handelt dezidiert im Namen seines Glaubens.

Was tun, wenn man weiß, dass eine Politikerin einen Glauben lebt, der die Rückbesinnung auf die Bibel als Fundament für das Zusammenleben von Mann und Frau lehrt? Einen Glauben, der als Gesellschaftsordnung für Gläubige, Nichtgläubige und Andersgläubige ein reaktionäres, antifeministisches und antimuslimisches Modell anstrebt? Ganz einfach: Man muss diesen Umstand wenigstens einmal öffentlich erwähnen, bevor man Kristina Schröder und andere prominente Bibeltreue wie Erika Steinbach, die ebenfalls Mitglied der SELK ist, über Politik reden und handeln lässt.