Eins, zwei … sieben. Es ist das siebte Mal, dass ich den Schwangerschaftstest mache – und, ja, er ist schon wieder positiv.

Dima al-Bitar Kalaji ist eine freie syrische Journalistin, die seit 2013 in Berlin lebt. Sie arbeitet für Radio SouriaLi und schreibt ein Blog über Schwangerschaft für arabische Frauen in Berlin. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

"Egal, wie oft du es noch versuchen wirst: Er bleibt positiv", sagt mein Mann von der anderen Seite der Badezimmertür. "Und ich dachte auch, wir wollten das?"

Ich hätte nie gedacht, dass ich mir je in meinem Leben so tiefgreifende Gedanken auf einem Toilettensitz machen würde: "Will ich das Kind?"

Mein erster Besuch bei der Gynäkologin nach dem ersten positiven Testergebnis war ein Alptraum. Und der danach auch. Jeder Besuch war ein Alptraum. Meine freundliche Berliner Gynäkologin war jedes Mal überrascht über meine Reaktion, wenn sie mir mitteilte, dass meine Schwangerschaft sich gut entwickelte.

Wie kann ich einer Gynäkologin in Berlin auch erklären, dass wir auf jeder Demonstration in Damaskus von der Polizei mit einem Gas beschossen wurden, von dem wir nicht wussten, was es ist? Dieses Gas bringt dich nicht nur dazu, dir die Augen auszuweinen und so stark zu husten, dass es sich anfühlt, als würde es deine Lunge zerfetzen. Es brennt auch so stark auf deiner Haut und zieht sie so sehr zusammen, dass du denkst, es reißt dir den ganzen Körper auf.

Unsere kleine Wohnung in Damaskus war nur zehn Minuten von dem Ort entfernt, den Al-Assads Armeen mit chemischen Waffen angegriffen haben. Ich konnte damals kaum atmen und ich weiß nicht genau, ob das nur an den Nachrichten lag oder ob ich getroffen wurde. Ich habe den brennenden Rauch und den Gestank all dieser Waffen eingeatmet, deren Namen ich nicht kenne. Nun, zwei Jahre später, in einer Stadt, sehr weit entfernt von dort, wo ich herkomme, frage ich mich, ob all dies schädlich für mein Baby sein könnte.

Momentan beschließen viele Syrerinnen und Syrer, besser keine Kinder mehr in diese Welt zu setzen. Ein Freund sagte einmal, dass jedes syrisches Paar, das ein Kind zur Welt brächte, wegen versuchten Mordes angeklagt werden sollte. Das kommt einer Aufforderung zur Sterilität gleich.

Ich muss zugeben, im vergangenen Jahr war ich kurz davor, selbst solche Gedanken zu haben. Aber jetzt, jetzt halte ich ein Ultraschallbild meines Babys in meinen Händen.

Und da ist sie wieder, die Frage: Will ich das?

Welchen Ausweis wird mein Kind haben? Als deutsch wird es definitiv nicht angesehen werden, aber syrische Papiere wird es auch nicht bekommen können.

Wo wird sein Heimatland sein? In Deutschland oder in Syrien?

Wird mein Baby einmal in der Schule und von seinen Freunden als Flüchtling betrachtet werden?

Möchte ich ihm diesen Identitätskonflikt antun?

So viele Fragen, die auf einer Toilette beantwortet werden sollen!

Nach all dem, was ich mich hier frage und all dem, worüber ich hier nachdenke, würde wahrscheinlich kaum jemand vermuten, dass ich dieses Kind behalten möchte. Aber ich will.

Bis zum Ende meines Lebens werde ich mit einer Frage ohne Antwort leben müssen: Was haben wir falsch gemacht, dass wir diesen unglaublich grausamen Krieg verdienen? Ist es zu viel verlangt, von einem Heimatland zu träumen, in dem Menschen sich einfach als Menschen fühlen dürfen und nicht nur als Nummer, von einer törichten Diktatur beherrscht, die mit Angst und Demütigung regiert?

Vielleicht wird mein Baby dort Erfolg haben, wo wir versagten. Ich werde ihm die Geschichte der tapferen Syrerinnen und Syrer erzählen, die das Leben so sehr liebten, dass sie dafür starben. Vielleicht werde ich den Tag, an dem die Syrerinnen und Syrer, das Heimatland bekommen, von dem sie geträumt haben, nicht mehr erleben. Aber mein Kind wird.

Aus dem Englischen von Patricia Bonaudo