Szene aus Pantelis Voulgaris' Film "Little England" © Hellas Filmbox

Anfang der Woche kam die Nachricht, dass der Hafen von Piräus an den chinesischen Reedereikonzern Cosco verkauft worden ist. Was es für die Griechen bedeutet, dass der größte Personenhafen und neuntgrößte Containerhafen Europas in fremder Hand ist, kann in Deutschland wohl niemand wirklich ermessen.

Ein Beitrag, um das Griechenland der Gegenwart besser zu verstehen, ist das deutsch-griechische Filmfestival Hellas Filmbox Berlin, das am Donnerstag eröffnet wurde noch bis Sonntag im Filmtheater Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz läuft.

Annett Gröschner lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin. Sie schreibt Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke, Radiofeatures und Reportagen. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © privat

Schon in den ersten Minuten des Eröffnungsfilms Klein England von Pantelis Voulgaris ist von Piräus die Rede. Ein Schiff steuert den dortigen Hafen an. Es geht um Seefahrer und Kapitänswitwen auf der Insel Andros, die in den dreißiger Jahren wegen ihres Wohlstands Little England genannt wurde, es geht um den Handel der Mütter um die besten Partien für die Töchter, die daran zugrunde gehen. Es geht um Männer, die vom Meer verschlungen werden oder so selten zu Hause sind, dass ein Kind, zur falschen Zeit geboren, Misstrauen weckt. Die Matratze ist in allen Schlafzimmern nur an einer Seite durchgelegen. "Ich bin seit dreißig Jahren verheiratet und nur ein einziges Laken ist zerschlissen", sagt eine der Witwen, die ihren Mann an das Meer verloren glaubt, bis er eines Tages wieder auftaucht und stört, weil man sich längst ohne ihn arrangiert hat.

Das ist großes Erzählkino mit überzeugenden Schauspielern, ein bisschen wehmütig, mit Meer und Mädchen am Ufer und sinkenden Schiffen. Ein bisschen "Ich bin ein Mädchen von Piräus und liebe den Hafen, die Schiffe und das Meer", interpretiert von Melina Mercouri und nicht von Lale Andersen oder Andrea Berg, und bestimmt hat es auch Vicky Leandros mal angestimmt. Sie hat bei der Eröffnungsveranstaltung des Festivals sogar einen Auftritt, alterslos, als wäre sie aus einer Aufzeichnung der Hitparade entstiegen. Ein weiterer Lieblingsgrieche der Deutschen, Kostas Papanastasiou, der Wirt aus der Lindenstraße und Weggefährte von Mikis Theodorakis, interpretiert die Vertonung eines Gedichts von Jannis Ritsos: "Die Hirsche …, die Eisenketten zerhauen sie." Auch wenn beide seit Jahrzehnten in Deutschland leben, sind sie doch mit ihrem Heimatland immer noch eng verbunden. Vicky Leandros war vor einigen Jahren sogar für zwei Jahre Vizebürgermeisterin von Piräus.


"Sie werden in vier Tagen mehr Griechenland sehen als in Griechenland", sagte die Vizedirektorin Sandra von Ruffin, Leandros' Tochter, bei der Eröffnung. Eine Antwort auf fünf Jahre Griechenland-Bashing in deutschen Medien, das war der Antrieb, als sich vor einem Jahr Deutsche und in Berlin lebende Griechen zur Deutsch-Griechischen Kulturassoziation zusammenschlossen, um die Beziehungen durch kulturelle Veranstaltungen zu verbessern. Das erste Projekt war gleich ein großes: mit griechischen Filmen ein anderes Griechenlandbild erzeugen.

Als im vergangenen Sommer in den griechisch-deutschen Beziehungen fast alles Porzellan zerschlagen war, kamen sie auf die Idee, den griechischen Außenminister Nikos Kotzias zu fragen, ob er bereit wäre, das Hellas-Filmbox-Festival in Berlin zu unterstützen. Kotzias lud die Organisatoren zu einer Pressekonferenz in sein Ministerium und bekannte sich als Kenner des jüngeren deutschen Films. Er hat Wort gehalten und wird am Samstag auf dem Festival mit der Journalistin Ulrike Herrmann über Griechenland in Europa sprechen. Auch deutsche Institutionen wie die Bundeszentrale für politische Bildung und das Goethe-Institut unterstützen das Festival.

Hellas Filmbox Berlin sieht sich als Plattform des neuen griechischen Films. Es ginge darum, sagt der Mitbegründer der Deutsch-Griechischen Kulturassoziation und Festivaldirektor Asteris Kutulas, "an den emotionalen und politischen Bruchstellen zwischen Griechenland und Deutschland anzusetzen, um konstruktive Reaktionen auf den aktuellen Konflikt zwischen den beiden Ländern" zu finden. Und wo ginge das besser als im Streit um Filme.

Die Resonanz auf den Aufruf war stärker als erwartet. Aus den 35 geplanten Filmen mit Griechenlandbezug wurden 71, darunter 14 Spielfilme und 16 Dokumentarfilme. Sie kommen aus Griechenland, Deutschland, Zypern, den USA, Großbritannien, Frankreich und Italien. Es gibt mehrere Sektionen, darunter auch eine der innovativen, gattungsübergreifenden Formen, New Vision, einen offiziellen Wettbewerb mit einer Jury unter der Leitung von Hans W. Geißendörfer an der Spitze und sogar drei queere Filme, was das Festival zu einer kleinen griechischen Berlinale kurz vor der eigentlichen Berlinale macht.