In den vergangenen Jahren haben Meldungen über die niedrige Geburtenrate eine Debatte darüber angestoßen, warum die Deutschen so wenige Kinder bekommen. Die Gründe scheinen vielfältig: Kinder als Karrierehindernis. Die Vereinbarkeitslüge. Der deutsche Mutterkult. Wirtschaftliche Unsicherheit. Soziale Unsicherheit. Die Jammer-Frauen. Die feigen Männer. Doch nach dem bunten Reigen an Pro- und Contra-Beiträgen waren wir auch nicht klüger: Warum bekommen die Deutschen nun immer weniger Kinder? 


Jetzt scheint sich das Blatt zu wenden: Nachdem die Geburtenrate 2012 erstmals wieder über 1,4 lag, ist sie 2014 auf 1,47 Kinder pro Frau im gebärfähigen Alter zwischen 15 und 49 Jahren gestiegen. Obwohl die Medien feierten, dass dies der höchste Wert seit der Wiedervereinigung ist, und das Familienministerium darin erwartungsgemäß die Bestätigung seiner Politik sieht, bleibt unklar, ob dies nun bedeutet, dass sich der Trend umkehrt und die Deutschen auf lange Sicht wieder mehr Kinder bekommen werden. Denn zum Teil lässt sich die Steigerung darauf zurückführen, dass der Anteil der geburtenstarken 26-36-Jährigen gegenwärtig besonders groß ist, aber ab 2020 voraussichtlich deutlich sinken wird. Zudem kann die Statistik nicht darüber aufklären, was die Gründe für die veränderten Zahlen sind.

Hella Dietz ist Soziologin. Sie arbeitet an der Georg-August-Universität Göttingen. Ihr Buch über die Solidarność erscheint im Oktober bei Campus. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10nach8". © Katrin Penschke


Ein Großteil der Debattenbeiträge (wie auch der sozialwissenschaftlichen Forschung zum Thema) geht davon aus, dass die Entscheidung für oder gegen Kinder eine individuell-rationale Entscheidung ist, bei der Kosten und Nutzen von Kindern gegeneinander abgewogen werden. Für Kinder entscheidet sich, wer den Nutzen höher bewertet als die Kosten. Gegen Kinder entscheidet sich, wem die Kosten zu hoch erscheinen.

Idee vom guten Leben

Ich habe keine Kosten-Nutzen-Abwägung vorgenommen, bevor ich Kinder bekam. Aber das ist für Anhänger der Theorie der rationalen Wahl kein Gegenargument. Denn die Tatsache, dass ich nicht bewusst abwäge, bedeutet per se noch nicht, dass diese Entscheidung nicht als Ergebnis einer rationalen Abwägung umformuliert werden kann. Die Entscheidung für oder gegen Kinder ist allerdings auch für Anhänger von Theorien rationaler Wahl mit besonderen Schwierigkeiten verbunden. Denn niemand weiß vorher, wie es für ihn oder sie selbst sein wird, Kinder zu haben. Zum einen, weil niemand vorher weiß, ob die eigenen Kinder lebhafte oder phlegmatische, verschlafene oder vielschreiende Kinder sein werden. Zum anderen, weil sich nicht vorhersagen lässt, wie stark man sich selbst durch die Geburt verändern wird: Werden sich die Präferenzen verändern? Werden die Kosten noch so wichtig oder unwichtig erscheinen wie zuvor? Ob dieser fundamentalen Unsicherheit kann ein Nutzenmaximierer im Grunde gar keine rationale Wahl für oder gegen Kinder treffen.

Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ein noch recht diffuser Kinderwunsch irgendwann da war. Aber ich weiß noch genau, was mich motiviert hat, diesen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen: Die Lust auf das Wagnis. Die Lust, schwanger zu sein, zu sehen, wie sich mein Körper verändert. Die Lust darauf, mich auf ein Kind (und später auf ein zweites) einzulassen. Die Lust darauf auszuprobieren, wie aus einer Zweierbeziehung eine Familie wird.

Langer Kinderwunschweg

Dahinter steckt vermutlich eine ganz bestimmte Vorstellung vom guten Leben: Entwicklung als Lebensziel. Kinder regen ihre Eltern immer an, zwingen sie fast, sich weiterzuentwickeln: als Babys und Kleinkinder, weil sie die eingespielten Beziehungen verändern und ererbte Vorstellungen von Familie und Erziehung auf den Prüfstand stellen. Als Jugendliche, weil sie ihre Eltern anregen, die Welt auch dann mit den Augen der jüngeren Generation anzuschauen, wenn es unbequem ist. 

Ich vermute, dass bei den meisten Menschen einfach irgendwann der Zeitpunkt kommt, an dem sich "die Kinderfrage" ins Bewusstsein schleicht – sei es, weil die Beziehung so schön ist, sei es, weil der Job gerade langweilig scheint. Sei es, weil im Freundeskreis immer mehr Kinder geboren werden. Sei es, weil sich die Nachfragen häufen und die Chancen statistisch gesehen stetig sinken. Aber auch wenn "im Prinzip" alles passt, muss man es noch tun, es "darauf ankommen lassen". Gerade das scheint vielen schwer zu fallen: In einer neuen Umfrage der Zeitschrift Eltern zeigt sich, dass mehr als 80 Prozent der unter 30-Jährigen im Prinzip Kinder wollen – nur bitte noch nicht jetzt sofort. Für etliche von ihnen wird der richtige Zeitpunkt vermutlich nie kommen.

Manchmal wird aus dem mehr oder weniger spontanen Einverständnis, ein Kind zeugen zu wollen, ein langer Kinderwunschweg, in dessen Verlauf sich tatsächlich Kosten-Nutzen-Fragen stellen: Wie weit gehen wir für ein Kind?