Ein Werbeplakat in Berlin, von Unbekannten nachbearbeitet © Wolfram Steinberg/dpa

Vor einer Woche kritisierte ich an dieser Stelle, dass die Kommentare zu den Kölner Vorfällen bereits standen, bevor die Tinte auf den Strafanzeigen getrocknet war. Schnell geriet das Geschehen in den Sog der Flüchtlingsdiskussion und Frauen, die nicht zur Ausländerhetze beitragen wollten, fühlten sich wie paralysiert.

Heute wissen wir mehr über die mutmaßlichen Täter. Mehr, aber nicht alles. Die Verbrechen wurden im Dunkeln und aus einer Menschenmenge heraus begangen; die angegriffenen Frauen können sich an einzelne Gesichter nicht erinnern. 561 Strafanzeigen stehen 23 namentlich bekannten Tatverdächtigen gegenüber – es ist unwahrscheinlich, dass diese 23 für alle Vergehen verantwortlich sind. Wir müssen also im Hinterkopf behalten, dass möglicherweise der Ausschnitt der Tätermenge, der ans Licht gekommen ist, ein verzerrtes Bild abgibt.

Doch selbst wenn: Ja, es waren wohl tatsächlich etliche Flüchtlinge unter den Tätern. Worst case! Genau dieses Ergebnis haben viele Menschen eine Woche lang befürchtet; solche Meldungen könnten Pegida & Co. Futter geben. Mehrere der Tatverdächtigen sind zudem erst seit Kurzem in Deutschland, es handelt sich also nicht um ein hausgemachtes Problem, das man einer verfehlten Bildungs- oder Integrationspolitik zur Last werfen könnte. Nein, anscheinend ist dieses taharrush gamea, wie es inzwischen in deutschen Medien genannt wird, ein "importiertes" Verbrechen.

Die männliche Herrschaft

Und was nun? Was folgt daraus? Hat der Nordafrikaner/Araber also doch die Saat des Bösen nach Deutschland gebracht? Hier empfehle ich die Lektüre von Pierre Bourdieus Buch Die männliche Herrschaft. Zu anderen Zeiten lesen die wenigsten Menschen hierzulande Bücher mit derartigen Titeln, männliche Herrschaft kommt ihnen entweder weit hergeholt vor oder ist ihnen egal. Aber vielleicht lassen sich doch einige zur Lektüre bewegen, wenn ich daran erinnere: Als Ethnologe erforschte Bourdieu Bevölkerungen Nordafrikas.

Allerdings belegt er nicht nur die dortigen, sondern auch unsere mitteleuropäischen Gesellschaften mit dem Begriff der "mediterranen Gesellschaften", deren Erbe seit der Antike wir alle sind. Und unsere mediterrane Geschlechterordnung ist binär und hierarchisch. Eines ihrer Merkmale ist, dass Frauen zum Beispiel als "Dekorationsartikel" eingesetzt werden oder als reine Körper fungieren, die Lust erregen und bieten. Ein gutes Beispiel für Ersteres sind die von Bourdieu erwähnten Hostessen und Empfangsdamen, die auf jedem beliebigen Kongress Säfte, Wein und Häppchen reichen; ein Beispiel für die Sexualisierung und Objektivierung von Frauen sind Plakate, auf denen sich nackte Frauen räkeln, um Smartphoneverträge zu verkaufen.

All das gehört zum Komplex männlicher Herrschaft, oder wie wir heute meist sagen würden: Sexismus, zu dessen unangenehmsten Gesichtern die sexuelle Gewalt zählt. Das Sich-Zusammenschließen einer Menge, um sexuelle Belästigung zu praktizieren und zu schützen, mag eine in Deutschland bisher unbekannte Praktik sein. Eine widerwärtige Praktik, eine Praktik, die zum Fürchten ist und die unterbunden werden muss, wo es nur geht. Aber es ist eben doch – leider – nur eine Praktik, neben vielen anderen Praktiken und Kontexten sexueller Gewalt, die wir schon kennen und die zumeist nicht weniger widerwärtig sind.

Nicht alle Katholiken, Bayern und Feuerwehrmänner

Siehe Regensburger Domspatzen: Es scheint in katholischen Lehrinstitutionen eine sich hartnäckig haltende Praktik des Missbrauchs, des Wegsehens und Verschweigens zu geben. Das Oktoberfest wird oft als ein weiterer Kontext genannt. Ich selbst wurde im vergangenen Jahr zwei Mal begrapscht – im Rahmen der Freiwilligen Feuerwehr. Unsere Ortswehr wirbt offen um weibliche Mitglieder, aber andernorts kann man auf Traditionalisten treffen, die einem ins Gesicht sagen: "Das ist nun mal ein Männerverein, daran musst du dich gewöhnen." – Was ich übrigens nicht vorhabe.

Doch Achtung, bitte: Dies bedeutet nicht, alle katholischen Lehrer betrieben Missbrauch; oder alle bayerischen Biertrinker; oder alle Feuerwehrkameraden. Genauso wenig gilt das für alle Flüchtlinge aus arabischen Ländern. Wir "Linken" oder "Kosmopoliten" oder "Multikulturalisten" wurden so oft des "Gutmenschentums" und der Naivität gescholten, dass wir schon seit Monaten ständig Angst haben, es könnte sich herausstellen: Die, deren Menschenrechte wir proklamieren, sind keine Engel.

Doch wir brauchen keine Angst zu haben. Denn natürlich sind sie keine Engel! Deswegen heißt es ja Menschenrechte und nicht Rechte für Engel. Viele Hunderttausende Menschen sind kürzlich neu nach Deutschland gekommen. Neue Menschen bringen Gutes mit und bringen Schlechtes. Und inmitten aller menschlichen Makel bescheren sie uns doch manchmal engelsgleiche Momente. Viele Freiwillige der Geflüchtetenhilfe berichten, mit wie viel Dankbarkeit und Herzlichkeit sie noch Wochen später von Menschen, denen sie beim Ankommen halfen, bekocht und beschenkt wurden.