Vor einer Woche kritisierte ich an dieser Stelle, dass die Kommentare zu den Kölner Vorfällen bereits standen, bevor die Tinte auf den Strafanzeigen getrocknet war. Schnell geriet das Geschehen in den Sog der Flüchtlingsdiskussion und Frauen, die nicht zur Ausländerhetze beitragen wollten, fühlten sich wie paralysiert.

Heute wissen wir mehr über die mutmaßlichen Täter. Mehr, aber nicht alles. Die Verbrechen wurden im Dunkeln und aus einer Menschenmenge heraus begangen; die angegriffenen Frauen können sich an einzelne Gesichter nicht erinnern. 561 Strafanzeigen stehen 23 namentlich bekannten Tatverdächtigen gegenüber – es ist unwahrscheinlich, dass diese 23 für alle Vergehen verantwortlich sind. Wir müssen also im Hinterkopf behalten, dass möglicherweise der Ausschnitt der Tätermenge, der ans Licht gekommen ist, ein verzerrtes Bild abgibt.

Doch selbst wenn: Ja, es waren wohl tatsächlich etliche Flüchtlinge unter den Tätern. Worst case! Genau dieses Ergebnis haben viele Menschen eine Woche lang befürchtet; solche Meldungen könnten Pegida & Co. Futter geben. Mehrere der Tatverdächtigen sind zudem erst seit Kurzem in Deutschland, es handelt sich also nicht um ein hausgemachtes Problem, das man einer verfehlten Bildungs- oder Integrationspolitik zur Last werfen könnte. Nein, anscheinend ist dieses taharrush gamea, wie es inzwischen in deutschen Medien genannt wird, ein "importiertes" Verbrechen.

Die männliche Herrschaft

Und was nun? Was folgt daraus? Hat der Nordafrikaner/Araber also doch die Saat des Bösen nach Deutschland gebracht? Hier empfehle ich die Lektüre von Pierre Bourdieus Buch Die männliche Herrschaft. Zu anderen Zeiten lesen die wenigsten Menschen hierzulande Bücher mit derartigen Titeln, männliche Herrschaft kommt ihnen entweder weit hergeholt vor oder ist ihnen egal. Aber vielleicht lassen sich doch einige zur Lektüre bewegen, wenn ich daran erinnere: Als Ethnologe erforschte Bourdieu Bevölkerungen Nordafrikas.

Allerdings belegt er nicht nur die dortigen, sondern auch unsere mitteleuropäischen Gesellschaften mit dem Begriff der "mediterranen Gesellschaften", deren Erbe seit der Antike wir alle sind. Und unsere mediterrane Geschlechterordnung ist binär und hierarchisch. Eines ihrer Merkmale ist, dass Frauen zum Beispiel als "Dekorationsartikel" eingesetzt werden oder als reine Körper fungieren, die Lust erregen und bieten. Ein gutes Beispiel für Ersteres sind die von Bourdieu erwähnten Hostessen und Empfangsdamen, die auf jedem beliebigen Kongress Säfte, Wein und Häppchen reichen; ein Beispiel für die Sexualisierung und Objektivierung von Frauen sind Plakate, auf denen sich nackte Frauen räkeln, um Smartphoneverträge zu verkaufen.

All das gehört zum Komplex männlicher Herrschaft, oder wie wir heute meist sagen würden: Sexismus, zu dessen unangenehmsten Gesichtern die sexuelle Gewalt zählt. Das Sich-Zusammenschließen einer Menge, um sexuelle Belästigung zu praktizieren und zu schützen, mag eine in Deutschland bisher unbekannte Praktik sein. Eine widerwärtige Praktik, eine Praktik, die zum Fürchten ist und die unterbunden werden muss, wo es nur geht. Aber es ist eben doch – leider – nur eine Praktik, neben vielen anderen Praktiken und Kontexten sexueller Gewalt, die wir schon kennen und die zumeist nicht weniger widerwärtig sind.

Nicht alle Katholiken, Bayern und Feuerwehrmänner

Siehe Regensburger Domspatzen: Es scheint in katholischen Lehrinstitutionen eine sich hartnäckig haltende Praktik des Missbrauchs, des Wegsehens und Verschweigens zu geben. Das Oktoberfest wird oft als ein weiterer Kontext genannt. Ich selbst wurde im vergangenen Jahr zwei Mal begrapscht – im Rahmen der Freiwilligen Feuerwehr. Unsere Ortswehr wirbt offen um weibliche Mitglieder, aber andernorts kann man auf Traditionalisten treffen, die einem ins Gesicht sagen: "Das ist nun mal ein Männerverein, daran musst du dich gewöhnen." – Was ich übrigens nicht vorhabe.

Doch Achtung, bitte: Dies bedeutet nicht, alle katholischen Lehrer betrieben Missbrauch; oder alle bayerischen Biertrinker; oder alle Feuerwehrkameraden. Genauso wenig gilt das für alle Flüchtlinge aus arabischen Ländern. Wir "Linken" oder "Kosmopoliten" oder "Multikulturalisten" wurden so oft des "Gutmenschentums" und der Naivität gescholten, dass wir schon seit Monaten ständig Angst haben, es könnte sich herausstellen: Die, deren Menschenrechte wir proklamieren, sind keine Engel.

Doch wir brauchen keine Angst zu haben. Denn natürlich sind sie keine Engel! Deswegen heißt es ja Menschenrechte und nicht Rechte für Engel. Viele Hunderttausende Menschen sind kürzlich neu nach Deutschland gekommen. Neue Menschen bringen Gutes mit und bringen Schlechtes. Und inmitten aller menschlichen Makel bescheren sie uns doch manchmal engelsgleiche Momente. Viele Freiwillige der Geflüchtetenhilfe berichten, mit wie viel Dankbarkeit und Herzlichkeit sie noch Wochen später von Menschen, denen sie beim Ankommen halfen, bekocht und beschenkt wurden.

Vor Syrern habe ich am wenigsten Angst

Das zählt zum Guten. Gutes erlebe auch ich, die ich seit sechs Wochen am Bahnhof Uelzen mit Dutzenden weiterer Freiwilliger Geflüchtete versorge, die mit den letzten Zügen ankommen und den Rest der eisigen Nacht am geschlossenen Bahnhof verbringen müssen, bis der erste Morgenzug sie mitnimmt. Wir führen sie in warme Räume, bieten ihnen Nachtlager mit Decken, Suppe, Kleider, Dusche. Es kommen Familien mit fiebrigen Babys, es kam eine Gruppe syrischer Transgender, es kam eine Syrerin allein mit sieben Kindern; doch die meisten sind junge Männer. Und weil in der Flüchtlingshilfe Männer stark unterrepräsentiert sind, waren wir nachts schon oft eine Crew aus lauter Frauen.

Auch das Folgende wird nicht, kann nicht für alle Geflüchteten gelten, schließlich beherbergten wir bisher nur 350 Menschen, darunter etwa 250 Männer. Aber fast alle 250 waren die höflichsten, zurückhaltendsten Zeitgenossen, die man sich denken kann. Das sind die Männer, vor denen ich am wenigsten Angst habe, wenn ich nach Mitternacht die Uelzener Bahnsteige patrouilliere. Meines Wissens nur ein einziges Mal kam es dazu, dass ein Flüchtling eine junge Helferin anmachte; seitdem er Syrien verlassen hatte, sagte er, übte er Deutsch mit einer App. Und die ließ er an jenem Abend in Richtung der jungen Frau übersetzen: "Ich habe Gefühle für dich." Wir erstarrten. Er fragte: "Ist das gut?" "Nein", sagte ich, "das ist gar nicht gut". Er wusste unsere Mienen recht zu deuten und ließ es dabei bewenden.

Schräge Auffassung von Frauensolidarität

Aber was sollen wir nun mit jenen anderen Flüchtlingen tun, die sich an Silvester zum Frauenangrapschen treffen? Politiker*innen diverser Parteien suchen sich derzeit mit Härteparolen zu übertrumpfen. Bereits jetzt können straffällige Asylbewerber nicht nur in Deutschland inhaftiert, sondern, je nach Delikt, ausgewiesen werden. Was gibt es Drastischeres als eine Abschiebung? Die Todesstrafe etwa oder einen Flug zum Mond?

Doch schon zum Thema Abschiebung möchte ich all die spontanen oder auch dauerhaften Feminist*innen, die dieser Tage eine noch härtere Abschreckungspolitik fordern, einmal fragen: Wollt Ihr solche Männer, die versuchen, sexuelle Gewalt sogar gegen einen soliden westlichen Rechtsstaat durchzusetzen, etwa wieder zurück zu "ihren" Frauen schicken? Falls tatsächlich auch Syrer unter den Grapschern und Vergewaltigern wären: Ist das wirklich Euer Verständnis von Frauensolidarität, solche Männer in ein Bürgerkriegsgebiet zurückzusenden, wo wir doch wissen, dass alle Formen von Kriegen, Bürgerkriegen und Aufständen sexuelle Gewalt noch um ein Vielfaches anwachsen lassen? Ist das wirklich eine feministische Position – oder hat das nicht eher das politische Niveau vieler Bürgerinitiativen mit dem Prinzip Nicht-vor-meiner-Haustür? Also zum Beispiel: Grillen und Klopse zum Abwinken, aber keinen Schweinestall vor meiner Haustür!

Deutschland täuscht Gleichbehandlung nur vor

Was also sollte nach "Köln" an der Asylpolitik geändert werden? Gar nichts. Jetzt schon steht das Credo, dass Frauen in Deutschland Gleichbehandlung erführen, in allen möglichen Infos für Asylsuchende. "Deutsches Leitungswasser können Sie trinken. Deutsche Frauen werden respektvoll behandelt." Das kommt so überzeugend rüber wie nur sonst was.

Als Schriftstellerin glaube ich daran, dass ein Leser es merkt, ob etwas phrasenhaft und aufgesetzt ist – oder ob der Sprecher/Schreiber es ernst meint. Ein Flüchtling merkt spätestens dann, dass wir es nicht ernst meinen, wenn er an dem Pappaufsteller im Supermarkt vorbeikommt, wo auf einem nackten Frauenkörper verschiedene Würste drapiert sind. Er merkt es an der Werbung für den Schwarzwald mit liegender Frauensilhouette: "Steile Hügel, feuchte Täler." Oder an dem Plakat der Jungen Union, das nur einen weiblichen Unterkörper, einen schwarzen Slip und eine Hand zeigt, die sich in selbigen schiebt. Wenigstens den Slogan dazu kann der Flüchtling zunächst nicht verstehen: "Wir gehen tiefer."

All diese Bilder und ja, auch Herrenwitze à la Brüderle, und ja, auch dieses Weglachen – "war doch nicht so gemeint", "Darf man nicht so eng sehen!" – all das sind Praktiken in unserer Gesellschaft, die dazu verleiten, Frauen verdinglicht und respektlos zu behandeln. Sie zeigen, dass wir es eben doch nicht ernst meinen mit dem Sprüchlein: Frauen werden respektvoll behandelt. Das heißt nicht, die Schuldfrage zu verschieben, denn Schuld am Begrapschen haben natürlich die Täter. Wenn wir Neuankommenden aber wirklich signalisieren wollen, dass Frauen in Deutschland nicht nur Trägerinnen von Brüsten und beliebig "nutzbaren" Geschlechtsteilen sind, muss sich das in unseren Bildern widerspiegeln. Wir müssen sexistische Werbung abschaffen und Gameshows ändern, in denen Frauen nur Preise durch die Gegend tragen. Wir müssen uns in jedem gesellschaftlichen Bereich fragen, welche Botschaften wir einstellen oder aussenden müssen, um neue und alte Praktiken sexueller Gewalt nicht zu ermutigen, sondern im Keim zu ersticken.