Ich bin es leid, dass jede öffentliche Diskussion über sexualisierte Gewalt – falls überhaupt mal eine geführt wird – so schnell vor den Karren unzähliger anderer politischen Agenden gespannt wird, dass sie eigentlich schon keine Diskussion über sexualisierte Gewalt mehr ist. Hat diese Gewalt mit Lust oder nur mit Macht zu tun, sind die Zahlen in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen oder gesunken, verändern sie sich in Korrelation mit anderen Statistiken des Geschlechterverhältnisses, sind die Täter Wiederholungstäter oder agieren sie aus der Situation heraus, welchen Einfluss spielen Schule, Prostitution, Hollywood und Peergroup? Keine Ahnung! Aber es interessiert ja auch keinen. Was interessiert, ist immer nur die Frage, was sexualisierte Gewalt für ein anderes Thema bedeutet, in diesem Fall also für die Aufnahme von Flüchtlingen und für Schengen.

Bevor wir überhaupt genau wissen, was passiert ist, bevor wir wissen, was die richtige Bezeichnung dafür ist, bevor wir darüber nachdenken konnten, ob das, was an Silvester in Köln geschehen ist, verwandt oder nicht verwandt ist mit dem, was wir andernorts an sexualisierter Gewalt erleben, sind aus allen Löchern Deuter und Kommentatoren gekrochen. Sonst schreiben sie nie über sexuelle Gewalt, aber zu solchen Anlässen leitartikeln sie und schnellschießen sie, und sie pressen Thesen heraus, die in ihr übriges Weltbild passen und uns Frauen zwingen, wiederum über unsere übrigen politischen Loyalitäten nachzudenken, bevor wir über die Sache selbst nachdenken können.

Diese Deuter wissen nämlich sofort, dass es eine Art muslimischer Terror ist, oder typisch Nordafrika, oder "Siehst du Merkel, das hast du davon!". Die Polizei hat noch nicht einmal erfasst, wie viele Portemonnaies zeitgleich entwendet wurden, aber dieselben Kommentatoren, die noch vor drei Jahren fanden, die junge Dame solle sich doch bitte nicht so anstellen, wenn der FDP-Opi was Nettes über ihren Busen sagt, wissen auf einmal ganz viel über die Sexualnot von Flüchtlingen und ziehen kühne kulturelle Bögen von Köln bis Kairo und Kabul.

Ich bin es leid, dass wir Frauen infolgedessen so sehr von anderen gesellschaftspolitischen Zielen umzingelt sind, dass wir unsere Einschätzung der aktuellen Vergehen davon abhängig machen müssen, wie wir jene anderen Themen verstanden wissen wollen. Was für politische Folgen könnte es haben, wenn ich dies sage, was würden andere daraus machen, wenn sie wüssten, dass ich jenes denke...? Wir Frauen, unsere Körper, unsere sexuelle Selbstbestimmung, unsere Sicherheit werden instrumentalisiert, und wir selbst werden von diesem Diskurs sogar noch gezwungen, unsere eigene Meinung im Dienst anderer Themen zu instrumentalisieren.

Ich bin es auch leid, dass jedes Jahr ein paar mehr Deuter dazukommen, die ihre Ad-hoc-Gesellschaftsdiagnosen mit "Man wird doch wohl noch sagen dürfen..." einleiten. – Ja, mein Gott, wenn Ihr das wirklich denkt, dann sagt es halt, aber bitte versucht diesen Blödsinn, den die Bild-Zeitung seit Jahren in Großdruck unters Volk bringt, doch nicht durch solche Einleitungsfloskeln zu adeln. Es ist übrigens dasselbe "Man wird doch wohl noch sagen dürfen", das Ihr auch in Anschlag gebracht habt, als es um besagten FDP-Opi ging, "man wird doch einem schönen Busen noch mal was Nettes sagen dürfen". Als ob es immer nur um Eure Meinungsfreiheit ginge, von der ja kein Fitzelchen bedroht ist! Während es tatsächlich um die Sicherheit und Bewegungsfreiheit von aktuell Dutzenden, insgesamt natürlich Millionen Frauen jeden Tag, auch in Deutschland, geht.

Und genau darüber wird man und frau ja wohl noch mal in Ruhe, und ohne dass daraus gleich wieder irgendein anderer politischer Strick gedreht wird, diskutieren dürfen.