Die gute Nachricht zuerst: Deutsche und Polen waren sich selten näher als im Jahr 2016. Kein Krankenhaus in Brandenburg würde mehr ohne polnische Ärzte funktionieren. In Berlin-Prenzlauer Berg kauft man Bettwäsche mit Strohaufdruck im Designgeschäft "No Wodka". Und in Görlitz steht jeden Morgen ein Fliesenleger um 5 Uhr auf, um zur Arbeit in Richtung des polnischen Breslau zu fahren. Der Simple-Express-Bus zwischen Berlin und Warschau ist stets gut gefüllt mit jungen Polen, die es genießen, an der Spree zu studieren, zu feiern und zu arbeiten.

Aber auch Warschau zieht immer mehr junge Deutsche an, die hier ihr Glück als Studierende, Juristen oder Manager versuchen. Gerade wurde das Logo für das Festjahr zu 25 Jahren deutsch-polnischem Nachbarschaftsvertrag in Berlin vorstellt: ein Knäuel aus deutschen und polnischen Flaggen. Auch die gegenseitige Wahrnehmung beider Gesellschaften ist intensiver geworden, seit die Bundesregierung im August 2015 den vorläufig unbegrenzten Zuzug von Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan und Irak beschlossen hat und im Oktober 2015 in Polen eine neue Regierung von der polnischen Bevölkerung mit einer soliden Zwei-Drittel-Mehrheit ausgestattet wurde.

Und nun die schlechte Nachricht: Viele Journalisten warnen derzeit vor einem Weltenende im jeweils anderen Land, als gäbe es nicht im eigenen Land schon genügend Probleme. Die Folge ist eine gesellschaftliche Projektion der inneren Krise auf das jeweilige Nachbarland. Als ich kürzlich bei Begegnungen in Berlin erzählte, dass ich beruflich aus Litauen nach Polen wechseln werde, reagierten alle, aber wirklich alle deutschen Gesprächspartner bestürzt: "Das ist aber ein schlechter Zeitpunkt!" "In Warschau herrschen ja schlimme Zustände!" und "Wollt ihr da wirklich hinziehen?" Hätten sie auf die Nachricht "Ich kehre zurück nach Deutschland" auch bestürzt reagiert und mich darauf hingewiesen, dass hier eine der größten innenpolitischem Krisen seit 1990 im Gange ist, deren Ausweg sich noch nicht abzeichnet? Die zugespitzte deutsche Berichterstattung mit Schlagzeilen über die neue polnische Regierung wie jüngst in der taz, wo von "Die PiS und der Blitzkrieg" die Rede war und die Forderung einer "Intervention von außen" formuliert wurde, bleiben nicht ohne Folgen. 

Europäische Union - Medien in Polen unter Staatskontrolle Polens konservativer Präsident Andrzej Duda hat ein umstrittenes Mediengesetz unterzeichnet. Künftig entscheidet ein Minister über die Direktoren in öffentlich-rechtlichen Medien.

Verschwörungstheorien

Östlich der Oder passiert derzeit mit Blick auf Deutschland etwas ganz Ähnliches. Da wird die deutsche Politik zur Lösung der Flüchtlingskrise lebhaft und kritisch überspitzt wahrgenommen. Polnische und andere ostmitteleuropäische Zeitungen greifen gern in die Mottenkiste der guten, alten Stereotypen. Der Zweite Weltkrieg scheint gerade erst gestern zu Ende gegangen zu sein. Während einer Zahnoperation in Vilnius musste ich mir kürzlich von der Schwester anhören, wie toll Deutschland doch sei, aber was das werde mit den vielen Einwanderern. Hier ist die Nachricht, dass Deutschland bereits eine Migrationsgesellschaft ist und dass deutsche Großstädte ohne Einwanderer sofort kollabieren würden, nicht angekommen, weil diese alltäglichen Einsichten durch das mediale Säbelgerassel über die Flüchtlinge und ihre Sozialleistungen überlagert werden. 

Sowohl in Deutschland als auch in Polen werden die innenpolitischen Krisen des Nachbarlands, die 2015 ausgebrochen sind und sich 2016 zuspitzen, mit Vehemenz diskutiert. Bald wird das Wort "entfreunden" im Duden landen, weil die Diskussionen in den Sozialen Medien heißlaufen und sich so viele Menschen uneins sind über die Wege aus der Krise.

Europäische Union - Medien in Polen unter Staatskontrolle Polens konservativer Präsident Andrzej Duda hat ein umstrittenes Mediengesetz unterzeichnet. Künftig entscheidet ein Minister über die Direktoren in öffentlich-rechtlichen Medien.

Deutschland ist wieder politisiert

Ebenso ist Polen ein zutiefst gespaltenes Land, in dem Politik zwar öffentlich diskutiert wird, aber die Gräben zwischen den unterschiedlichen Lagern so tief gezogen sind, dass die Auseinandersetzungen an einen Stellungskrieg erinnern. Die einzige scharfe Trennlinie ist, wie in Deutschland, der Glaube an Verschwörungstheorien: In Polen glaubt ein guter Teil der Gesellschaft, dass der Flugzeugabsturz von Smolensk im April 2010 Folge eines Anschlags war, und in Deutschland glaubt inzwischen ein guter Teil der Gesellschaft, in der Flüchtlingsfrage von Medien und Politik systematisch hintergangen worden zu sein. Die Folgen sind paradox, aber durchaus ähnlich: einerseits eine Entpolitisierung von großen Teilen der Bevölkerung, die glauben, "im System" nichts ausrichten zu können. Und andererseits eine Radikalisierung der offen geführten politischen Auseinandersetzung.

Dabei sind die länger zurückliegenden Ursachen der aktuellen Eskalation der politischen Debatten in beiden Ländern ganz ähnlich: Die langfristige Sozialdemokratisierung der CDU hat zu einer strukturellen Krise der SPD und nun auch der CDU geführt, die noch lange währen wird. Die große Koalition unter der Führung von Angela Merkel war vor der Flüchtlingskrise ein Hochleistungsraketentriebwerk für die Entpolitisierung der deutschen Gesellschaft. Positiv formuliert: Dank der Flüchtlingsströme und der Fragen, die sie über die Zukunft des Zusammenlebens in diesem Land aufwerfen, ist etwas politisches Leben in Deutschland eingekehrt. Das heißt nicht automatisch, dass alles gut wird, aber es wird zumindest wieder für mehr Menschen sichtbar, warum Politik nicht allein Sache "der Anderen" oder "des Systems" ist.