Jedes Jahr kommt Christo nach Berlin und verhüllt die Stadt mit Schnee. Es gibt da offenbar eine Seilschaft mit den Himmelsebenen. Jedes Jahr entsteht dieselbe Diskussion: Wie viel Schnee ist gewollt, wie viel ist zu viel? Ist Schnee nur genehmigt, wenn er idealweiß bleibt? Gerade Schnee stimmt uns empfindlich.

Sabine Bergk lebt als Schriftstellerin in Berlin. 2012 Prosadebüt erschien ihr "Gilsbrod" im Dittrich Verlag, 2014 "Ichi oder der Traum vom Roman". Sie arbeitet zusammen mit Deutschlandradio Kultur und dem WDR und ist Gastautorin von "10 nach 8". © Giorgia Bertazzi

Die Geschichte vom Schnee, jedes Jahr neu erzählt, ist die Geschichte eines Neubeginns, eines zarten Anfangs, in dem ein Zauber liegt, den wir weder erklären können noch wollen. Wir erleben ihn einfach, ohne Zwang. Schnee ist sanft. Eine ganze Stadt hält mit einem Mal den Atem an. Millionen Menschen lassen sich die Flocken auf den Kopf fallen. Schneeverrückte, Kinder, Schlittenfahrer, mitten hinein in den Jahresanfang. Der Schnee durchwirbelt die Welt und wir wirbeln mit.

Dicke Schneemänner stehen wie Buddhas in den Parks, von Kinderhand gekugelt. Die Hundestupsnasen sind weiß. Die Nachmittage jubeln im Rhythmus der Kufen. Haben Sie Schneeschnupfen? Werden Sie mir Ihr Schneeherz schenken?

Euphorisch fällt die erste Reaktion auf den Schnee in der Hauptstadt aus. Smartphones werden gezückt, Selfies erstellt, Windschutzscheiben mit Liebeserklärungen beschriftet. Unter Null steigt der Puls.

Schnee verbindet und belebt. Aus massenhafter Abwesenheit wird lachende Anwesenheit, aus aggressiven Jägern werden Tänzer. Auf der frostigen Nasenspitze sammelt sich ein Stück Glück. Nichts zu verkaufen, viel zu verschenken. Ein Wunderwerk, dieser Schnee. Dabei handelt es sich bloß um etwas atmosphärischen Dreck, um den sich gefrorenes Wasser sammelt und der sich schließlich wieder in Dreck verwandelt, als hätte er zwischen Himmel und Erde zeitweise bloß sein Kleid getauscht.

Utopien schmelzen schnell. Besonders in Berlin werden nicht nur tragende Bauvorhaben schnell zu tragischem Matsch, ebenso ergeht es dem Schnee. Spätestens im Februar wird er jedem lästig. Die Stimmung kippt. Umsonst, die Euphorie? Die Stadt mutiert zur Matschlandschaft, die längst vergessen hat, wie beglückt sie anfangs den Flockenfall begrüßt hat. Jedes Jahr dasselbe Spiel, die Gefühlslagen, wie im Quintenzirkel, einmal durchdekliniert. Und wir tapsen wieder in die Falle zwischen Idealweiß und Matsch.

Etwas verlangsamt sich durch den Schnee. Etwas wird besser. Die vielen Stunden des Jahres fallen auf den Asphalt. Leichtigkeit hebt den Blick. Die Kälte versetzt das Gehirn in punktuelle Gedankenspannung. Mit einem Mal sind wir sehr wach. Der Kopf ist klar wie ein wohltemperiertes Klavier. War da was?

Als Verhüllungskünstler enthüllt der Schnee unsere Wahrnehmung. Gegensätze bestehen gleichzeitig. Und gerät nicht gerade das Gegensätzliche mit dem Schnee ins Schweben?

"Im Gleichgewicht (...) stehn Ding und Mensch." In Descartes und der Schnee tariert Durs Grünbein Traum- und Wachtraumwelten, Zahlen und Zeiten aus und bündelt sie im Brennpunkt des Gedichts. Er beschreibt Descartes, der in Neuburg an der Donau im Jahrhundertwinter 1619/20 feststeckt, als "Zweifler, reich beschenkt im Schlaf". Im Winter findet Descartes Existenzbestätigung, während die Welt, in Stücke zerrissen, kriegerisch durcheinanderwirbelt.

Schnee schweigt, schwebt, belebt und vergeht. Ein Stück Welt, das die Kälte tänzerisch in die Tasche steckt. Und wenn nichts mehr geht, liegt immerhin beruhigender Schnee. Eine Gleichung, die immer aufgeht: Rien ne va pluscogito ergo sum.

Schnee belebt nicht nur die Ratio, er erhellt auch das Herz. Am Gefrierpunkt geben die Wasserkristalle Wärme ab. Das Verdeckte wird offensichtlich, das Unbewegliche beweglich. Auch Descartes war der Winter nicht immer finster: "Er lachte gern. Und oft schlief er im Sitzen ein." Der Winter ist die wärmste Zeit.