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© Carlos Chavarría für ZEIT ONLINE

Drei Ausfahrten Paradies

Ja, vermutlich sieht er so aus: der schönste Ort der Welt. Die Hügel im Westen erheben sich sanft, als hätte Bob Ross sie da hingetuscht, hier ein paar Bäume, da ein kleines Häuschen, dahinter bald: der Pazifik. In den Broschüren der Zeugen Jehovas findet man manchmal Zeichnungen des Paradieses. Da liegen Menschen mit seligem Gesichtsausdruck im grünsten Gras, andere pflücken Früchte von herrlichsten Bäumen. Tiere halten ihnen die Leiter oder liegen auch herum, jedenfalls sind alle gemeinsam glücklich. Bilder des Friedens und der Erlösung, einer Welt, die nach unserer Welt kommt. Wenn man diesen Ort im Diesseits, also hier und jetzt, suchte, sähe er vermutlich aus wie die kalifornische Stadt Palo Alto. Ein Paradies mit drei Freeway-Abfahrten, die man leicht verpassen könnte, aber da immer Stau ist, von San Francisco bis nach Süden, muss man sich keine Sorgen machen. Palo Alto, das sagen manche, habe nichts mit dem Rest der USA zu tun. Nichts mit New York. Nichts mit Boston oder Chicago. In Palo Alto riecht es nach Kiefern und Blumen. In Palo Alto wohnen etwa 60.000 Menschen, die man als die Glücklicheren auf dieser Welt bezeichnen könnte. In Palo Alto liegt eine der reichsten Postleitzahlen der gesamten USA. Und in Palo Alto liegt das Zentrum des Silicon Valley, von dem manche glauben, hier habe die Zukunft ein Zuhause, die uns früher oder später allen blüht. Manche sagen auch, in Wahrheit sei das alles hier so etwas wie die Hölle. Wenn das stimmt, dann hat sie sich jedenfalls gut verkleidet.

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© Carlos Chavarría für ZEIT ONLINE

Der Weltgeist räuspert sich

Draußen in Palo Alto, vor einem Haus von AOL, schauen junge Männer in die Sommerferiensonne und rauchen im Sicherheitsabstand zum Gebäude, wie das Gesetz es von ihnen verlangt. Drinnen, in der natürlich lichtdurchfluteten Lobby mit den AOL-blauen Wänden, verteilen andere junge Männer Namensschilder, auf die bloß die Vornamen geschrieben werden, bisweilen mit freundlich zugeneigter Anrede: "Hi, I’m Jeff" steht zum Beispiel auf einem, und Jeff, ein schlanker Mann umdievierzig, trägt sich sogleich für die Lotterie ein. Für später.

Gleich beginnt das sogenannte Tech-Breakfast, eine Veranstaltung für angehende Unternehmer, die Startups gründen oder schon eines haben, und wer die 40 Dollar Gebühr bezahlt hat, kann sich auch für die Lotterie anmelden wie Jeff. "Ask a VC", lautet das Motto des Frühstücks, "Frag einen Risikoinvestor", und diese Gelegenheit hat etwa 100 Menschen angezogen. Der Andrang wird von den Helfern nicht überrascht bemerkt, sie erwähnen aber gelegentlich, wie schnell es ausverkauft war. Schließlich sei es eine besondere Gelegenheit.

Der Risikoinvestor ist so etwas wie das scheue Wesen des Silicon Valley. Der genaue Ohren dafür haben soll, wann der Weltgeist sich räuspert und eine Idee mehr als eine Idee ist, nämlich eine Innovation. Termine mit einem Risikoinvestor sind schwer zu bekommen. Es heißt, es hilft, wenn man jemanden kennt, der einen kennt, aber auch den muss man ja erst einmal kennen, wenn man nur mal kurz ins Silicon Valley geflogen ist wie viele der Gäste hier: aus Estland, der Schweiz, China, Russland, Singapur oder Oklahoma. Viele der großen Kapitalgesellschaften residieren ein paar Meilen weiter in der Sand Hill Road, einer der reichsten Straßen des Landes. Wobei man im Vorüberfahren eher sagen könnte: hausen. Flache sandfarbene Klötze an einer sanft hügeligen Straße mit wenig frisierten Büschen und Bäumen, eher Abwesen als Anwesen. In New York bauen sich die Herrscher übers Kapital ihre himmelhohen Kathedralen, hier nur funktionale Schachteln, bei denen es einen nicht wunderte, wenn drinnen nur ein leerer Weltenlenkerschreibtisch stünde oder die Häuser zusammen eine große, schlecht gebuchte Ferienanlage ergäben. Jedenfalls vermutet man hier nicht die Büros der Menschen, die den Goldrausch im Silicon Valley am Laufen halten und dabei offenbar wissen, was sie tun. Wer auf dem blank polierten Asphalt parkt, hat einen Termin. Wer keinen hat, der wird bald höflich gefragt, was er denn hier wolle. "Nur mal gucken" ist keine gültige Antwort.

Während des Tech-Breakfasts kann man nicht nur gucken, sondern sogar fragen. Teilnehmer, deren Namen in der Lotterie gezogen werden, dürfen eine Minute lang ihre Idee den anwesenden Investoren vorstellen und auf ziemlich viele Wenns hoffen: Wenn die Investoren einen Markt sehen, wenn der Pitch überzeugt, wenn so eine Idee gefragt ist, wenn das Geld der Risikokapitalgeber locker sitzt, dann. Vielleicht. Im abgedunkelten Konferenzraum bittet der Moderator alle Gäste, die Wartezeit mit Networking zu verbringen, wie das hier heißt, und der erste Businessvokabelsalat füllt den Saal: Erste oder zweite Finanzierungsrunde? Schon in der Beta-Phase? Wie groß ist Deine kritische Masse? Und ja, natürlich datenbasiert.

Zwei Hostessen der Firma Thync zeigen unterdessen an einem Stand eine weiße Plastikscheibe, die man sich an die Schläfe klebt wie ein Blasenpflaster. Sie soll das Gehirn stimulieren, entweder wach machen, entspannt, konzentriert oder müde. Eine Hostess sagt, die Scheibe sei eine Innovation für Körper und Geist. Die Zukunft der Motivation. Das annoncierte Frühstück schwelgt eher in der Vergangenheit als in der Zukunft, das Rührei oxidiert in den Aluminiumschalen, aus Thermoskannen strullt Kaffee in CSU-Ortsvereinsschwärze. "Okay, Kids!", ruft der Moderator und fünf Investoren ansässiger Kapitalfirmen betreten die Bühne, und sie schauen mit derselben Strenge aufs Publikum hinunter, mit der sie auch dessen Fragen beantworten: Ja, wir suchen nach wirklicher Innovation – Ja, das hängt davon ab, ob es sich monetarisiert – Ja, es gibt noch Wirtschaftszweige, die Disruption vertragen können – Ja, Lifesciences sind das nächste große Ding. Undsofort.

Nach einer Weile schrillt eine Glocke und über den Investorenköpfen erscheint ein Glücksrad mit allen Namen der Lotterieteilnehmer. Es dreht sich, bleibt stehen: Jiwon kommt an die Reihe. Er will Weiterbildungssoftware für Berufstätige verkaufen. Eine Xenia möchte Heizungen in Häusern algorithmisch steuern lassen. Ein Eddie will eine App für Immobilienkäufe entwickeln, die einem sagt, wann es am besten ist, zu kaufen oder zu verkaufen. Es gibt Start-up-Ideen für Gemüseläden, Schuhkaufhilfen für "moderne Frauen auf Facebook" und für Geodatenanwendungen, mit denen man einen Parkplatz findet.

Einige der Teilnehmer erwähnen auch ihr Stanford-Diplom und den "ganzen Kram, den man normalerweise im Valley" so mache. Und Präsentationen, darauf hat man sich inzwischen geeinigt, müssen am besten im "Das wird Sie umhauen"-Tonfall vorgetragen werden, die, auch wenn sie gut sind, wie eine Steve-Jobs-Parodie klingen. Nach jedem einminütigen Pitch sagt der Moderator jedenfalls "Great Job" oder "Great Passion" oder "Wow", obwohl das Begeisterungsvokabular und der Applaus jedes Mal folgenlos zu bleiben scheinen, da die Investoren nach Vertriebsstrategien und Marktgrößen und "Monetarisierungskonzepten" fragen und sie offenbar keine Antwort befriedigt. Einige Besucher verlassen frustriert den Saal. Andere verteilen an ihre Platznachbarn trotzig Visitenkarten, auf denen sie immerhin schon CEO sind. Der Moderator sagt bald "Danke für den inspirierenden Vormittag" und es ist schwer zu sagen, ob man in eine sonderbare Form des Speeddatings oder in eine noch sonderbarere Form der Armenspeisung geraten ist oder in ein Theaterstück von René Pollesch. Die Investoren schauen wie Buddhas von der Bühne, etwas müde, etwas genervt, vermutlich weil schon die ersten Gäste an den Tischen warten und weitere Fragen stellen wollen. Kaffee wird nachgefüllt. Die Hostessen zeigen die Zukunft der Motivation, während deren Gegenwart draußen vorbeirauscht. Auf einem Bus vor der Tür steht tatsächlich: Have A Great Day.

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Parkplatzprobleme

  • Zwei Fragen.

  • Ja?

  • Wie alt bist Du?

  • 23.

  • Und gehört der Tesla Deinen Eltern?

  • Nein.

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Kapitalismus mit kindlichem Antlitz

Eine Ödnis aus Beton, Autobahnzubringer, Ausfallstraße mit Stau, weil nun einmal immer Stau ist, dazwischen dann eine architektonische Oase, von Palmen umstandene Zweckbauten, die hoch genug sind, um nicht profan auszusehen, und flach genug, um nicht weiter aufzufallen.

Hier wohnt Google, hier wohnt das, was manche Menschen für das Internet halten, hier wohnt der mächtigste Konzern der Welt. Hier wohnt das Böse, könnte man sagen, wenn man selbst böse wäre, was aber schwierig ist, da alle hier so aufgeschlossen lächeln auf dem Gelände in Mountain View, dem Googleplex, oder dem Campus, weil Technologiefirmen ihre Areale eben so nennen. Und bevor man sich oder jemanden überhaupt fragen kann, was es eigentlich andauernd zu lächeln gibt, hält ein Reisebus und spuckt eine Ladung chinesische Touristen aus, mit Schirmmützen und Tabletcomputern. Seit einiger Zeit ist das Gelände für die Öffentlichkeit freigegeben.

Und nun kommen täglich die Besucher und laufen, aus der Ferne beaufsichtigt, die Pfade zwischen den Häusern entlang. Eine Delegation chinesischer Geschäftsmänner wartet vor einem der Häuser aufgebracht darauf, dass jemand sie hineinlässt. Am Wegesrand grinsen grüne Android-Männchen. Es gibt ein Dinosaurierskelett, die Riesendonuts aus Plastik, das Lebkuchenmännchen, die am Wegesrand grüßen, als sei das hier Willy Wonkas Schokoladenfabrik, die ja auch nur Auserwählte betreten dürfen. Kapitalismus mit kindlichem Antlitz. Ein Mann aus Österreich steht vor ein paar Liegestühlen, die überall auf dem Campus aufgestellt wurden. Er ist 27 und will sich das alles einmal ansehen. Er google jeden Tag, all das hier, sagt er, das habe doch auch mit ihm zu tun. Er sagt: Das neue Logo finde er viel besser. Und hinterher, da wolle er noch zu Facebook, für ein Foto vor dem Gefälltmirdaumen auf dem Parkplatz. Für Facebook. Das ist sogar rührend, wenn man kurz vergisst, dass das hier eine Firmenzentrale ist, und man von vergleichbarer Disneyland-Stimmung auf dem Parkplatz von Miele in Gütersloh noch nie gehört hat, obwohl Menschen täglich waschen und das eine Menge mit ihnen zu tun hat.

Aber deswegen kommen vermutlich eifersüchtige deutsche Politiker hierher, nicht bloß, weil sie sich um den Wirtschaftsstandort Deutschland sorgen, sondern auch, weil der Wirtschaftsstandort Deutschland mehr Spaß machen könnte. Mit Beachvolleyballfeldern, Bowlingbahn, Erwachsenenspielplatz und Plastikfiguren vor der Tür, oder wenigstens: mit Palmen. Der nächste Bus rollt an. Die Businesschinesen hat noch immer niemand abgeholt. Sie müssten gar nicht aus China kommen, damit jeder sofort merkt, dass sie nicht von hier sind. Das sieht man an den Anzügen, die in der Sonne schimmern. Der Risikoinvestor Peter Thiel, einer der Popstars im Silicon Valley, hat in seinem Buch Zero to One, das auch in Deutschland ein Bestseller war, geschrieben, er habe Leuten, die zu Investitionsgesprächen im Anzug gekommen seien, erst gar nicht zugehört. Eine junge Frau mit Google-Shirt, Google-Rucksack und Google-Schlüsselkarte sitzt alleine auf einem Liegestuhl und starrt auf ihr Smartphone. – "Arbeiten Sie gern hier?" – "Absolutely". Dann lächelt sie kurz genug, sodass man nicht anders kann, als ihr das zu glauben.

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Und manche so yeah

Tony will ein Start-up gründen. Carly will ein Start-up gründen und ihre Freunde wollen das auch. Sie alle haben sehr weiße Zähne und sind sehr fröhlich, weil sie bei Startup U mitmachen, einer Dokusoap, die im Fernsehkanal ABC läuft. Dort stehen diese sogenannten Millennials im Vorspann am Strand oder vor Bäumen und hüpfen in die Luft, weil sie so fröhliche und zukunftsbegeisterte junge Menschen sind, und sagen Sachen wie "Yeah". Die Sendung Startup U ist so etwas wie Germany’s Next Topmodel, übersetzt ins Kalifornische: Bei Startup U möchten die Leute Entrepreneur werden und dabei soll ihnen Tim Draper helfen.

Tim Draper ist einer der erfolgreichsten Risikoinvestoren des Landes, Milliardär und hier in der Gegend weltberühmt. Er hat in Tesla investiert, in Skype und vor Äonen auch in Hotmail, und in San Mateo, 20 Minuten von Palo Alto entfernt, ließ er vor ein paar Jahren die Draper University of Heroes bauen, die tatsächlich so heißt. Früher war das Gebäude ein Hotel, jetzt kann man sich für einen siebenwöchigen Kurs bewerben. Knapp 15.000 Dollar kostet das, und dann darf man ein Zimmer beziehen in diesem von innen bunt gestalteten Gebäude, einem innenarchitektonischen Kurzschluss aus Palast und Kindertagesstätte, unter dessen Dach die Studenten dann täglich einen Heldenschwur aufsagen müssen: Ich werde scheitern und wieder scheitern, bis ich erfolgreich bin.

Scheitern, die Zwangsvokabel im Silicon Valley. In San Francisco gibt es sogar die sogenannte FailCon, eine Konferenz, auf der das Scheitern beschworen wird und auf der CEOs damit angeben, wie der technoid ergraute Travis Kalanick vom Fahrdienst Uber, der seine Multimediatauschbörse Scour an die Wand gefahren hat und von der Unterhaltungsindustrie auf Hunderte Milliarden Dollar verklagt wurde. Dieser Gottesdienst, der um das Scheitern veranstaltet wird, ist weit entfernt von der lebenspraktischen Prosa, mit der uns Lifestylemagazine Mut zusprechen, dass Scheitern auch immer eine Chance sei. Hier ist es ein ontologisches Prinzip: Wer am meisten scheitert, heißt es, der gewinnt und hat am Ende gut lachen. In Startup U sieht man Tim Draper ständig lachen, wie jemanden, der es sich leisten kann. Es gibt ein YouTube-Video, in dem er und der Start-up-Nachwuchs durch die Superheldenschule tanzen, im Hintergrund läuft dazu Happy von Pharrell Williams.

Für die Kandidaten in Startup U klettert Draper die Fassade seiner Schule herunter, vielleicht, weil er sich selbst "The Riskmaster" nennt, oder vielleicht, weil er ein Fan von Spider-Man ist und den anderen Comichelden, die an die Schulwände gemalt sind. Draper selbst wirkt, als sei er aus einem Cartoon herausgeplumpst. Man könnte sich ihn als Figur aus den Simpsons vorstellen, die den lebensgeschädigten Einwohnern von Springfield erzählt, wie viel Spaß Erfolgreichsein macht und wie man sich fühlt, wenn die Sonne ewig scheint in Kalifornien. Nämlich super. Draper hat einmal vorgeschlagen, dass Silicon Valley vom Rest des Bundesstaates abzuspalten, ein eigenes Territorium, das sich nicht mehr mit den Infrastrukturproblemen, den Sozialwohnungen und der Kriminalität rumschlagen muss, sondern in dem man in Ruhe reich sein und seinen Träumen von einer glänzenden Zukunft nachjagen kann. Absolventen seiner Schule bekommen einen Heldenumhang, heißt es, aber bis dahin müssen sie lernen, anders zu denken als der Rest der Geschäftswelt.

"Think different", so lautete nicht nur das Motto von Apple, sondern dieser Ausspruch ist mittlerweile zum Befehl geworden, zum Lordsiegelbewahrersatz der Erfolgreichen im Silicon Valley. Nachdem der Wall-Street-Banker längst als Monster entzaubert wurde, nachdem sich rumgesprochen hat, dass niemand so leicht Popstar wird und dass man als Model eher im Durchschnittshorror der Einkaufscenterlaufstege in Ohio landet als im schicken Paris, ist der Unternehmensgründer die coolste Sehnsuchtsfigur, die dem amerikanischen Traum geblieben ist – und Startup U lässt sich als vorläufiger Endpunkt dieser Popwerdung verstehen. Mark Zuckerbergs Aufstieg in Kinolänge wurde mit Oscars überhäuft, der mittlerweile achte Film über Steve Jobs lief im Kino, die Comedyserie Silicon Valley wird sogar im Silicon Valley geguckt. Die Tech-Welt hat sich ihre Popstars erschaffen, ihre Elon Musks, ihre Steve Jobs’. Und um sie herum ist ein Kult der Kreativität entstanden, der Kult um den einen, besonderen Einfall.

In Startup U müssen die Schüler sich diesem Geisteszustand annähern, indem sie Teams beitreten wie in Hogwarts, den Angels, den Titans, den Catalysts, und dann Karaoke singen oder etwa neue Regeln für Volleyball erfinden, und wenn sie plötzlich dabei den Kopf anstelle der Hände benutzen, sagt Draper "wow, gut gemacht", und wird später bekleidet in den Swimmingpool springen, weil man verrückte Dinge tun muss, wenn man es in der Welt zu etwas bringen will. Die gut ausgebildeten jungen Menschen, die von Shopping-Apps für Frauen oder Bestellprogrammen für Marihuana träumen, sehen das natürlich sofort ein.

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Dinosauriersaft

Schau mal, wie weiß der Boden ist. Wir benutzen kein Öl. Wir beschleunigen die Autoindustrie. Wir bauen die besten Autos. Wir bauen tausend Autos in der Woche. Wir verändern die Welt. Und guck mal, kein Öl weit und breit, sieh doch mal. Es ist neun Uhr morgens und Adam erzählt.

Adam ist ein überaus freundlicher, höflicher und begeisterter Mann. Und der Grund seiner Begeisterung sind die mehr als 400.000 Quadratmeter, die er zeigen darf. Das Werk der Elektroautofirma Tesla liegt in Fremont, auf der anderen Seite der San Francisco Bay, ein weißer, unscheinbarer Gebäudekomplex im weiträumigen Nichts einer Autobahnauffahrt. Früher gehörte das Gebäude General Motors, danach fertigte Toyota hier. Tesla hat die Fabrik während der Finanzkrise gekauft, weit unter Wert. An der Decke erinnern noch Kettenzüge aus Stahl an ihre Vergangenheit. An die Hochphase des Fordismus und der amerikanischen Autoindustrie. Damals, in den Sechzigern, hatte das Fremont Assembly den Ruf einer Strafkolonie. Gekrümmte Arbeiter am Fließband, unmenschliche Arbeitszeiten, alte Welt.

Von Tesla schwärmt nun die gesamte Technikberichterstattung der amerikanischen Presse. Was das iPhone für die Kommunikation gewesen sei, seien die Elektroautos der Firma für die Mobilität, und es gibt wohl kaum ein besseres Bild für die Schumpetersche Vorstellung der kreativen Zerstörung: Der selbst ernannte Zerstörer der alten Autobranche zieht ins Haus seines Opfers. Die jungen Männer, die hier nun auf Fahrrädern durch die Hallen fahren, sehen alle gesund, schlank und ungewöhnlich fröhlich aus. Zitate von Aristoteles stehen aufmunternd an den Wänden.

Sieh mal, sagt Adam, ist das nicht irre? Er zeigt auf eine Trennwand: irre. Dann auf eine Maschine hinter Glas: irre. Dann auf unlackierte Türen des Tesla Model S: irre. Das Model S ist sicherlich die schönste und schnellste Limousine, die zurzeit auf den Straßen fährt, schöner als jeder BMW und schneller als ein Maserati, aber vermutlich langsamer, als Adam sprechen kann, und vielleicht muss ja auch er hinterher an eine Ladestation gehängt werden, so genau kann man das hier nicht wissen. Aber weiter: Benzin bezeichnet er als Dinosauriersaft, und Adam findet die alte Autoindustrie verrückt, und irgendwann, wenn diese ihr Geschäftsmodell, das Benzin und die Verbrennungsmotoren überdacht hat, will Adam sagen können, er sei dabei gewesen, als Elon Musk eine ganze Branche veränderte und überholt hat.

Musk, dem sphinxhaften Chef von Tesla, traut Adam das zu, die neue Autowelt, in der Tanken aufladen heißt und Wartung Softwareupdate. Musk befindet sich gerade auf Europareise. Dort wird er sich unter anderem von Sigmar Gabriel befragen lassen, wie Innovation funktioniert und warum man das in Deutschland noch nicht so hinbekommt, trotz großzügig vorhandener Doppelgaragen, in denen sich einiges erfinden ließe, trotz NRW 4.0 und Digitales Rheinland-Pfalz, und wie viel man anschubfinanzieren müsste, damit Ostwestfalen-Lippe "fit fürs Internetzeitalter" wird.

Obwohl Musk in Fremont nicht zugegen sein kann: Sein Geist schwebt über jeder Schraube, jeder Batterie und jedem Satz, den Adam ausspricht. Elon sagt, Elon findet, Elon meint, Elon wird, Elon hat. Zum Beispiel hat Elon alle Fertigungsroboter nach den Figuren der X-Men taufen lassen, weil er die Comics so verehrt. Das ist Wolverine, sagt Adam, und er zeigt auf einen Roboter, der lautlos nackte Blechteile eines Tesla trägt. Dahinten Storm, Iceman, Mystique. Musk selbst wird öfter Tony Stark oder Iron Man genannt, wie der gepanzerte, schwer bewaffnete Weltenretter. Sein Biograf Ashlee Vance bezeichnet ihn als "Da Vinci des 21. Jahrhunderts".

Musks Name wird von Leuten im Silicon Valley mit einer Mischung aus Bewunderung, Ehrfurcht und Sorge ausgesprochen. Musks neueste Idee ist es, San Francisco und Los Angeles mit Transportröhren zu verbinden, durch die die Passagiere mit 1.200 Kilometern pro Stunde schießen. Hyperloop heißt das Projekt. Vorher, in naher Zukunft, will er mit seiner Firma SpaceX Menschen auf den Mars schicken, und das Beunruhigendste daran ist, dass er es tatsächlich schaffen könnte. Kürzlich hat Musk die 27 Bewohner eines texanischen Dorfs gegen sich aufgebracht, weil er dort eine Startrampe für seine Raketen errichten wollte. Die Proteste laufen noch, sind aber vermutlich sinnlos. Musk ist die perfekte Synthese aus Effizienz und Exzentrik, Genie und Gnadenlosigkeit. Er sei netter als Steve Jobs und gebildeter als Bill Gates, sagen Menschen, die ihn kennen. Und solche Figuren liebt man im Silicon Valley, noch mehr als das Wort Disruption, das zum Aufmischerjargon der Tech-Enthusiasten gehört.

Wer einen Tesla kaufen will, betritt einen Raum, der eher wie ein Apple Store aussieht, auch das ist natürlich disruptiv. An einem Bildschirm kann man sich das Modell aussuchen, Farbe und Sonderausstattung, dann drückt man "kaufen" und innerhalb von zwei Monaten ist das Auto fertig. Irre, oder?, sagt Adam und signalisiert, dass die Tour hier ein Ende hat.

Man steht wieder draußen auf dem Parkplatz. Auf ein paar Quadratmetern Rasen machen ein paar Menschen Liegestütze, Kniebeugen, Angestelltengymnastik. Es ist zehn Uhr am Morgen. Junge Männer steigen aus Bussen. Die Tesla-Schlüsselkarten hängen von ihren Hosen wie Mitgliedsausweise einer besseren Welt. Sie alle tragen T-Shirts, weil auch das zur Evolution der Arbeitswelt gehört, erst kam Blue Collar, dann White Collar, jetzt Crew-Neck. Hi Al, sagen sie zum Kaffeeverkäufer, der mit seinem Wagen vor dem Werkseingang die freudlos amüsierten Bestellungen entgegennimmt: einen Latte bitte, einen Cold Brew bitte, einen Cappuccino bitte, laktosefrei bitte. Aber klar, antwortet Al und sagt, heute wird ein wunderschöner Tag, und seine Kunden schauen ihn an, als wollten sie nicht widersprechen.

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Unter Brogrammern

Es grenzt an ein Naturgesetz, dass Menschen, wenn sie viel Geld haben, die allerscheußlichsten Dinge kaufen. Wer einmal den Grottensaal im neuen Palais von Schloss Sanssouci in Potsdam besucht hat, weiß, dass sich selbst Friedrich der Zweite die Meereswelt offenbar vorstellte wie die Saunalandschaft einer russischen Oligarchenehefrau.

Vielleicht ist es das durchweg Angenehme an Palo Alto, dass man von alldem fast nichts merkt, obwohl es so reich und auch neureich ist wie kaum eine Stadt in den USA. Dass man das Geld nicht sieht, das die Menschen hier besitzen. Steve Jobs hat sich nie die Schneidezähne vergolden lassen, sondern trug immer einen schwarzen Rollkragenpulli und Jeans. Mark Zuckerberg sieht man immer noch im weißen T-Shirt oder Kapuzenpullover, was man für Understatement halten kann oder für pures Desinteresse an Kleidung.

Nur wenige Wohnhäuser der Stadt sind höher als zwei Etagen, nie so groß wie im nahen Atherton, wo Footballstars und Schauspieler leben, die reichste Stadt des Landes. Auf Luftbildern sieht Palo Alto aus wie eine Mischung aus Schachbrett und Kreuzworträtsel, kleine Grundstücksparzellen, Mittelstandsbungalows, über die sich lila und blau die Dämmerung senkt, und den Himmel sollte man jedem zeigen, der glaubt, dass die Welt bloß hässlich ist.

In Antonio’s Nut House könne man gehen, sagt einer von drei jungen Männern auf der California Avenue, der zahnbelagfarbenen Hauptstraße von Palo Altos altem Geschäftsviertel. Antonio’s Nut House, das ginge immer, das sei die beste Bar der Stadt, zumindest die normalste, sagt ein anderer der jungen Männer, und normal klingt erst einmal gut. In einer Hand hält er eine Laptoptasche, in der anderen einen Thermobecher, Standardrequisiten der Tech-Arbeiter. Nicht so fern quietscht der Caltrain, der Pendlerzug des Silicon Valley, und aus der offenen Tür von Antonio’s Nut House singen Van Halen "Can’t Stop Lovin’ You". Antonio’s Nut House ist eine Bar wie aus einem Film, in die Tom Cruise als bodenständiger Junganwalt zum Billardspielen gehen würde.

In Wirklichkeit soll Mark Zuckerberg hier öfter gesichtet worden sein, damals, als Facebook noch am Ende der Straße saß. Und Antonio’s Nut House ist nicht nur deshalb ein Ort für sogenannte Brogrammer geworden, wie die männliche Tech-Arbeiterklasse zuweilen bezeichnet wird. Bierleuchtreklame, im Fernsehen läuft College Football, Stanford gegen egal wen, da alle ohnehin für Stanford sind. Egal wer liegt in Führung. Ein paar Studenten tragen die T-Shirts ihrer Universität, das rote S mit dem Kiefernbaum. Auf ihren Rücken steht: Nerd Nation.

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Tresen

  • Und was machst Du hier?

  • Ich hab gerade mein erstes Start-up an Apple verkauft, für 18 Millionen.

  • Und jetzt?

  • Hab ein neues gegründet.

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Das neue Zentrum der Welt

Natürlich, der Google-Bus. Da steht einer. Und noch einer. Und noch einer. Sie schieben sich langsam vorbei, weiß mit dunklen Scheiben, und auf ihren Frontscheiben stehen die Akronyme ihrer Zielorte, MTV zum Beispiel, Mountain View, also dort, wo Google sitzt. Nicht jeder Google-Bus ist tatsächlich ein Google-Bus. Das Wort hat vor einiger Zeit die Schriftstellerin Rebecca Solnit erfunden als Sammelbegriff für die Shuttles der Tech-Unternehmen, die mittlerweile das Straßenbild des Silicon Valley prägen.

Solnit schrieb in einem sehr wütenden Essay, diese Busse seien wie Raumschiffe ausländischer Invasoren und zum Sinnbild geworden für die Teilung der nordkalifornischen Gesellschaft. Die Busse parkten an öffentlichen Haltestellen. Nur Erwählte dürften einsteigen, und diese Erwählten machten sich breit in ihrem San Francisco, schreibt Solnit, vor allem im Mission District, der bis vor Kurzem noch ein Latinoviertel war, mit schäbigen Taquerías, einfachen Arbeitern, bezahlbaren Mieten und grundsolider Kriminalität. Und da steht wieder einer, und noch einer, und wer die Google-Busse zum ersten Mal sieht, könnte sie auch für einen dieser fahrbaren Partykeller halten, mit denen in deutschen Großstädten Junggesellenabschiede durch die Gegend gekarrt werden, was zumindest vom Männerüberschuss her hinkäme.

Wo ein Google-Bus parkt, ist neuerdings auch Krawall. Öfter werden sie mit Steinen beworfen, bespuckt oder zumindest angepöbelt; einmal hieß es daraufhin, die Wut der Bewohner auf die Tech-Leute im Mission District gleiche der Reichspogromnacht während der Nazizeit. An nahezu jedem zweiten Haus hängt im Mission District inzwischen ein Plakat. "I Love SF" steht drauf, und damit wird für bezahlbare Mieten demonstriert. San Francisco gilt, seit die Stadt die Technologieunternehmen mit Steuererleichterungen herlockte, als teuerster Ort der Welt. Wer aus der suburbanen Enge von Palo Alto, Menlo Park oder Sunnyvale fliehen will, zieht eben hierher, in Zimmer, die im Schnitt 4.000 Dollar Miete im Monat kosten. Und morgens steigen sie in die Busse, die sie zu Google, Facebook, zu Apple oder Tesla bringen.

Die Busse fahren keine geheimen Routen, es öffnet sich keine Felswand wie in einem James-Bond-Film: Sie stehen mit allen anderen im Stau. Die Investitionen von Risikokapitalgebern sind seit 2014 allein in San Francisco so hoch wie im Rest des gesamten Silicon Valley. Twitter ist um die Ecke, auch Airbnb und Uber. Viele Bewohner aus dem Mission District fürchten nun, dass die Zukunft, die Technologiefirmen notorisch der Welt versprechen, ungleich verteilt werde, wie der Science-Fiction-Autor William Gibson bemerkt hat, dessen Romane hier vor einem Buchladen in der Wühlkiste liegen. Nebenan auf der Valencia Street, einer der Hauptstraßen der Mission, hat kürzlich ein neues Café eröffnet. Es gibt American Kobe Beef, ein paar Jungs mit Kopfhörern, gekrümmt und konzentriert an ihren Computern. Um die Ecke ist Bi-Rite, ein Bioladen, bei dem alles, was im Wohlfühlsupermarkt Whole Foods schon unrealistisch viel kostet, noch einmal teurer ist. Es heißt, Tech-Millionäre oder Menschen, die dafür gehalten werden wollen, kauften hier ihre Grünkohlsmoothies. Im Mission District kann man sehen, wie die Realität zur Kulisse wird, in die man sich reinfläzt, Kaffee und Cupcake, zusammen für zwölf Dollar.

Auf der anderen Straßenseite liegt ein Obdachloser vor einem Bauzaun in der Sonne. Hier entstehen neue Apartments, sagt das Schild, aber den wütend darüber geklebten "I Love SF"-Plakaten nach zu urteilen, scheint klar zu sein, für wen nicht. Weiter südlich, in Hunters Point, einer bislang verrufenen Gegend, werden zurzeit Sozialbauten abgerissen, weil sie Platz machen sollen für Luxuswohnungen mit Blick aufs Wasser. Andrew Keen, einer der schärfsten Skeptiker des Tech-Booms, schreibt, dass der Staat mehr und mehr an Einfluss verliere. Privat organisierte Busse übernähmen den Transport einiger privilegierter Menschen. Wer nicht mitfahren dürfe, könne ja ein Uber-Taxi nehmen. Es gebe keinen Platz mehr für ein kollektives Identitätsgefühl, schreibt Keen. In San Francisco verwirklichten sich die techno-libertären Fantasien. Auf der anderen Seite stehe ein neues Prekariat, das den Tech-Arbeitern zu Diensten ist.

Tech-Unternehmen bauen kleine Städte um ihre Angestellten herum, in denen es ihnen an nichts fehlen soll. Dort können sie zum Friseur gehen, ihre Wäsche machen, es gibt Fitnessstudios und Sushi- und Burritoläden. Und eigentlich brauchen sie auch gar keine Viertel wie den Mission District mehr. Apple plant seine fünf Milliarden Dollar teure Konzernzentrale inmitten von Cupertino, sozusagen als Stadt in der Stadt. Über den Bau hieß es kürzlich von Apple, dass seine Mitarbeiter ihn im Grunde überhaupt nicht mehr verlassen müssten.

Nicht weit vom Mission District steht seit einiger Zeit der Club The Battery. Für viele auch ein Symbol der Hybris, ein Symbol für die Parallelgesellschaft, die sich in San Francisco herausgebildet hat. Gegründet haben den Club Michael und Xochi Birch, ein Entrepreneur-Paar, Millionäre und Erfinder der Messenger-App Bebo, die in Interviews so wirken, als würden sie sich für Geld nicht interessieren. Michael Birch nennt San Francisco das neue Zentrum der Welt, und The Battery ist gewissermaßen der Beitrag, um eine "Community zu kuratieren", wie es seine Frau in einem Interview nannte. Eine Mitgliedschaft kostet 2.400 Dollar im Jahr, zuvor muss ein Mitglied einen vorschlagen, daraufhin folgt ein Bewerbungsgespräch. The Battery ist sozusagen das Update des Herrensalons, und zugleich ein Name, den man sich zuraunt. Warst Du schon drin? Kennst Du jemanden, der drin war? Willst Du da überhaupt rein? Presseanfragen werden höflich ignoriert. Ein Mitglied beschrieb im New Yorker den Club so: "Irgendwo zwischen der Arche Noah und der Shampoo-Werbung, in der zwei Leute zwei Leuten erzählen, was zwei Leute erzählen." Und die Selbstbeschreibung klingt so: "Our vision is to create a culture where inspiration is embraced, diverse communities come together and egos are checked at the door." Visionen, Inspiration, Community. Das ist der Erleuchtungsdialekt, in dem selbst ein Herrenclub klingt wie eine Segnung.

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Hinter der Autobahn

Der Freeway 101 mag die dauerverstopfte Pulsader des Silicon Valley sein. Aber er ist auch eine Grenze, eine Schlucht, und wer sie nach Norden überquert, lässt die frisierten, blühenden Vorgärten hinter sich und die frisch geputzten Fenster, an denen Menschen auf Palo Altos University Avenue energisch und federnd vorbeilaufen.

Auf der anderen Seite des Freeways liegt East Palo Alto, eine Stadt mit 30.000 Einwohnern, einem braunen Eingangsschild und einem Wappen, auf dem sich die Stadtgründer in Kaliforniens Seelenlandschaft hineingeträumt haben: grüne Bäume, sanfte Hügel, eine Familie, die in den Sonnenuntergang spaziert. In Wahrheit wacht man in East Palo Alto kurz auf. Man könnte auch sagen: Hier beginnt der Rest von Amerika. Die Arbeitslosigkeit ist mehr als doppelt so hoch wie im benachbarten Palo Alto, etwa 18 Prozent der Menschen leben unter der Armutsgrenze, in flachen Holzhäusern mit verwitterten Zäunen und Rasen, dem die Dürre nicht gut bekommt. Mein Viertel, sagt Carlos*.

Carlos sitzt vor einer Taquería an einer Straßenkreuzung, einem Häuschen, dem fröhlichsten, das hier weit und breit zu sehen ist, trotz der Gitter vor den Fenstern. Carlos ist 19, er hat sein ganzes Leben in East Palo Alto verbracht, Kindheit, Schulzeit, und jetzt mache er "mal dieses, mal jenes", sagt er. "Aber nichts mit Computern!"

Kurz bevor er auf die Welt kam, wurde East Palo Alto der fragwürdige Titel "Mordhauptstadt" verliehen, 42 Morde pro Jahr, und es kam der Film Dangerous Minds ins Kino, worin Michelle Pfeiffer eine Lehrerin an einer von Drogen und Kriminalität gebeutelten Schule im nahen Belmont spielt – der Einzugsbereich von East Palo Alto. Coolio sang Gangsta’s Paradise dazu. Carlos summt kurz die Melodie und fängt an zu lachen. Klar gebe es hier mal Ärger, sagt er, aber in Oakland sei es doch mittlerweile viel schlimmer.

East Palo Alto sieht nicht unbedingt bedrohlich aus. Die Kriminalität sinkt seit Jahren beständig, und auch die Stadt hat sich verglichen mit dunkleren Tagen äußerlich gewandelt: Zur Gründungszeit lag hier die Müllhalde des Countys, es gab einen Recyclinghof für Gefahrenstoffe, ein paar kleine Läden. Und McDonald’s. Die Stadt baute ein dunkel verspiegeltes Community Center mit Bibliothek und Polizeiwache, es gibt inzwischen ein Gewerbegebiet mit Taco Bell und Großkaufhäusern. Man sehe nun öfter "weiße Jungs" hier aus ihren BMWs oder Teslas steigen, sagt Carlos. Mehr als früher. Die meisten von "drüben" kamen vor ein paar Jahren bloß wegen Ikea hierher, wegen des mexikanischen Essens oder manche wegen der Drogen fürs Wochenende, und dann seien sie schnell wieder verschwunden auf die andere Seite, nicht selten mit quietschenden Reifen. Allerdings, sagt Carlos, zögen "Tech-People" inzwischen auch in seine Nachbarschaft. Von hier ist es nicht weit zum Hauptquartier von Google, der Campus von Facebook liegt vor der Tür.

In den Nachbarorten Palo Alto und Menlo Park bezahlt man für ein Haus um die zwei Millionen Dollar; ähnliche Häuser in East Palo Alto kosten immer noch einen Bruchteil davon. In den vergangenen zwei Jahren haben sich die Preise aber auch hier verdoppelt. Carlos sagt, er kenne manche Familien, die weggezogen seien, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten könnten. Oder weil sie das Haus verkauft hätten und woanders in Kalifornien nach Arbeit suchten, wo es auch den Kindern besser gehe als hier. Vor allem in der Schule: Während ein paar Meilen entfernt die Medienunternehmerin Arianna Huffington und der Schauspieler James Franco vor einiger Zeit an der vornehmen Palo Alto High School ein millionenschweres Medienkunstzentrum einweihten, schafft ein Drittel der Schüler in East Palo Alto es nicht bis zum Abschluss. Und manche von ihnen haben kein Smartphone und keinen Internetzugang, um an der Welt jenseits des Highways teilzunehmen. Sei doch irgendwie witzig, sagt Carlos und zeigt in den diesig-gelben Himmel: Da drüben ist Facebook, und hier lebten Leute, die sich "bei dem Kram nicht einmal anmelden können".

East Palo Alto ist eine der jüngsten Städte des Bundesstaats, aber jetzt schon mit einer schweren Symbolik beladen. Auch weil Latinos und Afroamerikaner, die stärksten Bevölkerungsgruppen der Stadt, kaum in Technologieunternehmen arbeiten. Man kann das seltsam finden: die Ungleichheit in einer Gegend voller Unternehmen, die behaupten, die Probleme auf der Welt zu lösen, sich aber vor ihrer Haustür um nichts kümmern, außer gelegentlich zu spenden. In gemeinnützigen Projekten wie der StreetCode Academy sollen Bewohner der Stadt an das Ökosystem des Valleys herangeführt werden, das sie bislang wie Nebelschleier umgibt.

Und am Abend im Theater eines jüdischen Gemeindezentrums steht Lisa Yarbrough-Gauthier, die Bürgermeisterin von East Palo Alto, auf der Bühne und fragt: "Was für ein Ort soll Silicon Valley eigentlich sein?" Yarbrough-Gauthier eröffnet eine Diskussionsrunde zum Thema "Innovation und Armut". Das Theater ist voll, viele aus East Palo Alto sind gekommen. Die Stimmung im Saal schwankt zwischen Wut und Ratlosigkeit, und die Diskussion ändert daran nicht viel. Justin Steele von Google.org, dem philanthropischen Zweig des Unternehmens, zählt auf, wie viel Google in der San Francisco Bay jährlich spende (40 Millionen Dollar), und verweist auf Praktika, die auch Menschen ohne Universitätsabschluss bei Google machen könnten. Leila Janah, CEO der gemeinnützigen Organisation Samasource, fragt, ob Millionenspenden von Google oder Facebook nicht bloß verdeckten, dass der ökonomische Wandel im Silicon Valley ein exklusives System erschaffen habe, an dem ärmere Menschen kaum teilhaben können. Philanthropie als moralische Selbstberuhigung. Und Kim-Mai Cutler, Journalistin von TechCrunch und eine der klügsten Stimmen zum Wandel im Silicon Valley, stellt fest, dass es den großen Tech-Firmen gelingt, riesige Gebäude für ihre Server zu bauen, nicht aber für ihre Arbeiter. Und was, fragt eine Frau aus dem Publikum mit von Ärger gebrochener Stimme, brächte die Sharing Economy denn Leuten, die keinen Platz für Airbnb hätten und keine Autoversicherung für Uber? Die Frage legt sich antwortlos über den Saal, viel zu groß, als würde allein der Versuch, sich ihr zu stellen, irgendwas zum Einsturz bringen.

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Stehtisch

  • Wenn Sie mal in China investieren wollen, melden Sie sich!

  • Okay.

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Immer gut drauf

Dem Silicon Valley verzeiht man viel. Während es leicht ist, die Work-Hard-Play-Hard-Attitüde, die an der Wall Street herrscht, aus vollem Herzen unsympathisch zu finden, beschwichtigt Kalifornien jede Gemütsaufwallung allein durch pures Dasein und Sosein. "Wie kann man dem Ganzen hier böse sein?", sagt auch Fred Turner. "Es ist doch so schön hier."

Turner ist 54 und war früher Journalist, jetzt arbeitet er als Professor für Kommunikation in Stanford. Im Garten seines Hauses in Mountain View rauschen die Bäume. Wie Florenz müsse man sich das Valley vorstellen. Wie das Florenz der Medici, oder zumindest so ähnlich, sagt Turner. Na ja, sagt er, Florenz, ohne die Maler und Dichter. Und die Rolle der Mäzene haben milliardenschwere Unternehmen übernommen, und all das klingt vielleicht in Europa, wo mit Andachtsmiene die erhabene alte Kultur beschworen wird, wie eine Provokation. Hier in dem wilden Garten klingt es logisch, wenn er Programmierer nicht nur Künstler, sondern Intellektuelle nennt. Dann spricht aus Turner große Bewunderung für Menschen wie den Mathematiker Norbert Wiener und den Open-Source-Pionier Tim O’Reilly.

Man kann Turner selbst auch einen Intellektuellen nennen, jemanden, der über die tief verwurzelte Kultur der Gegend vermutlich mehr weiß als alle Angestellten von Facebook und Google und Yahoo zusammen. Vor Jahren schrieb er From Counterculture to Cyberculture, ein sehr gelehrtes Geschichtsbuch über das Silicon Valley und den Beginn der Euphorie, die sich hier aus der Hippiekultur entwickelt hat. Aus dem Free Speech Movement, aus dem Gedanken, die Maschinen von Politik und Militär zu befreien und sie den Menschen zu geben. Dass aus New Age und Lavalampen, aus Janis Joplin und Autoritätenskepsis dieser Geisteszustand zusammenkam, den man jetzt als kalifornisch bezeichnet. Turners Buch erzählt die komplexe Geschichte der Kommunen, die sich irgendwann in die Wälder zurückzogen, von den neuen Linken, wie Turner sie nennt. Zeiten, in denen Computer noch uncool waren.

Und wenn man Fred Turner zuhört, hört man einen Mann, der sich für die Vorstellungen begeistern kann, die mit technologischem Fortschritt verbunden werden: eine kybernetische Sicht der Welt als großer Computer, in den die Menschen hineinschreiben wie Künstler. Menschen, die Technik beherrschen, ihren Geist damit verschmelzen und so die Welt ändern. Auf dem Burning-Man-Festival wird dieser Gedanke seit 30 Jahren gefeiert, wo Tausende ihre Wohnmobile in der Wüste von Nevada parken, um sich acht Tage lang in Utopieekstase zu schunkeln. Ein Woodstock für Leute aus dem Silicon Valley. In den vergangenen Jahren sei dort die CEO-Dichte angestiegen, konnte man lesen. Und auch Fred Turner war im vergangenen Jahr wieder dort, sei aber das erste Mal etwas ernüchtert wiedergekommen. "Es war wie ein normales Festival", sagt er. Es habe sich nicht mehr so angefühlt, als entstünde hier eine neue Art von Gesellschaft. Genauso, sagt Turner, wollten ja auch immer weniger der Tech-Firmen eine bessere Welt.

Turner ist kein Skeptiker des Silicon Valley, aber auch kein Fan, der den Adventismus des digitalen Zeitalters verkündet. Er beklagt, wenn überhaupt, den Utopieverlust: "Die Allianz von Technologie und Gegenkultur ist zerbrochen." Turner verkörpert jene dialektische Haltung, die man in dieser auf Affirmation ausgelegten Gegend selten antrifft. Zu oft rede man bloß über die spaßige Seite vom Silicon Valley, über obskure Heldengeschichten, die mit Genies in Garagen zu tun haben. Doch man vergesse schnell, sagt Turner, wie sehr das Silicon Valley einem ganz normalen Industriestandort ähnele, mit Klassenkampf und Verschmutzung – das ganze Santa Clara County sei eine der schmutzigsten Landstriche der gesamten USA. Und wie eng gefasst die Begriffe von Spaß und Erfolg, diese kuriose kalifornische Verbindung von Hedonismus und Arbeit, hier inzwischen seien: Geld verdienen und unabhängig sein. Investoren wie der berühmte Peter Thiel predigten ein Weltbild, in dem alles okay sei, solange der Markt es erlaubt, und dabei werde die Gemeinschaft vergessen, der Unternehmen schließlich auch verpflichtet sind.

Und es gibt einige von Turners Stanford-Kollegen, die sogar die Unabhängigkeit des Silicon Valley fordern. Vorschläge, dass die mächtigen Firmen auf eine Pazifikinsel umziehen sollten, auf der sie, ungestört von staatlicher Kontrolle, die nächste Gegenwart entwerfen können. Turner sorgen die Dinge, die hier nicht zählen, in der App Economy, der Sharing Economy, im ganzen Goldrausch, der hier ausgebrochen zu sein scheint: Man kümmere sich nicht um die Armen, die Frauen, die Alten. "Ich bin bald 54, ich fühle mich sehr alt. Wenn digitale Kultur die Welt verändern soll, frage ich mich, ob ich in dieser Welt leben will, wenn sie nicht für alle funktioniert." Wenn man sich die kalifornische Version des Totalitarismus vorstellen müsste, sagt Turner, dann sähe sie vermutlich so aus wie das neue Gebäude, das Apple für sich, ein paar Meilen entfernt, in Cupertino plant: ein geschlossener Kreis. Es klingt keine Verbitterung, keine Spur von Bedauern darin, wenn Turner das sagt. Vermutlich da er weiß, dass Dinge hier kommen und gehen, und das Silicon Valley stets Wellen und Blasen erlebt. Und vermutlich auch, weil man diesem Ort ja doch kaum böse sein kann.

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Wall Street, auch gerettet

Es existiert eine sonderbare Art von Humor im Silicon Valley, ein Geekhumor, der sich auf den ersten Blick nicht erschließt, obwohl man ihm in Palo Altos Straßen ständig begegnet, wo junge Männer in Kapuzenpullovern mit aufgeklappten Laptops vor Restaurants Schlange stehen, weil Empfehlungsdienste wie Yelp sagen, dass sie gut sind.

Man findet diesen Humor auf T-Shirts mit Aufschriften wie "Data is the new Bacon" oder "Sorry, I’m getting things done", was die Geschäftigkeit ironisieren soll, die man gleichwohl selbst verbreitet. Selbst abends in teuren Restaurants sieht man Gruppen solcher jungen Männer an weiß gedeckten Tischen sitzen, während die Kellner stumm das Essen neben den Computer servieren.

Eine besonders schwarze Version des Geekhumors findet man im Namen Palantir, ein mittlerweile weltweit arbeitendes Softwareunternehmen, das sein Hauptquartier in Palo Alto hat und unter anderem der CIA bei der Terrorismusabwehr behilflich ist. Das Wort Palantir stammt aus Tolkiens Herr der Ringe und bezeichnet sehende Steine, mit denen die Bösewichte Sauron und Saruman Mittelerde überwachen. Ein Firmenname wie Robinhood klingt dagegen gleich viel freundlicher, nach dem Rächer der Witwen und Waisen, vielleicht sogar wirklich nach Weltenrettung, wobei sich die paloaltoistische Version ausgerechnet in eine Welt begeben hat, die unrettbar verloren scheint: die Börse.

Robinhood ist ein sogenanntes Fintech-Start-up und will die als verdorben geltende Finanzwelt aufmischen. Im Magazin Business Insider landete Robinhood Anfang 2015 unter den "heißesten Start-ups" im Valley, und obgleich man solchen Listen, die wöchentlich auch für Schauspieler und Nudelgerichte angefertigt werden, nur bedingt trauen kann, scheint bei Robinhood einiges davon zu stimmen. Das Prinzip ist einfach: Wer privat Aktien kauft, muss bei Brokerfirmen normalerweise eine Gebühr zahlen, für jede Transaktion zwischen sieben und zehn Dollar. Wer sich bei Robinhood anmeldet, spart diese Gebühr.

Vlad Tenev und Baiju Bhatt, zwei Absolventen von Stanford, kamen auf diesen Gedanken, der vorher offenbar niemandem sonst eingefallen war, und Risikoinvestoren gaben ihnen Millionen, bis jetzt knapp 70. Bevor die App im März startete, hatte Robinhood bereits den begehrten Apple Design Award, den ersten Ritterschlag, und dann eine Warteliste von etwa einer Million Menschen. Einer von Robinhoods inzwischen 40 Angestellten ist Jack.

Er wartet gegenüber dem Bahnhof von Palo Alto bei Philz Coffee, einer Kette, in die Snoop Dogg Millionen investiert haben soll, weil sie so cool sei. Hier gibt es Kaffee mit Kardamom und einem Büschel Minze, und wenn sich das bis nach Europa herumgesprochen hat, wird es nicht lange dauern, bis auch aufgeregte Berliner ihren Kaffee nur noch mit Kardamom und Minze trinken, als hätten sie nie etwas anderes getan. Jack jedenfalls trinkt Eiskaffee. Ein schmaler Mann, der noch jünger aussieht als 21 und mit kalifornisch klimatisiertem Ernst sagt: "Wir lieben unsere Sache, so wie Steve Jobs das iPad geliebt hat."

Nach einem Praktikum bei Apple kam er in die Firma und kümmert sich seitdem um die Presseanfragen, vor denen sich die junge Firma in der letzten Zeit kaum retten kann. Viele der Mitarbeiter sind von großen, einflussreichen Firmen im Silicon Valley zu Robinhood gewechselt: Programmierer von Facebook und Palantir, Google und Pixar. "Menschen trauen Banken nicht mehr", sagt Jack. Die Finanzkrise habe alles verändert. Ein Großteil der Nutzer von Robinhood ist während der Krise groß geworden und hat miterlebt, wie Banker zu Gesellschaftsfeinden erklärt wurden. Das Durchschnittsalter der Kunden ist 26. Sie gehören zu einer Generation, sagt Jack, die nicht mehr den Investitionsempfehlungen der Banken glaubt, sondern denen ihrer Freunde. Das, was wir machen, sagt Jack, sei die Demokratisierung der Börse. Eine wirkliche Innovation.

Bisher sind über Robinhood Aktien von ungefähr einer Milliarde Dollar gekauft worden. Es gibt kein Minimum, auf manchen Konten bei Robinhood lägen 500 Dollar, auf anderen 50.000. Mit dem noch nicht investierten Geld auf den Konten, sagt Jack, machen wir Geschäfte – allerdings haben die Nutzer sofort Zugriff, wenn sie es brauchen. Im Grunde seien sie selbst wie eine Bank, sagt Jack, auch wenn Robinhood nicht so wirke. "Wir sehen aus wie Instagram!" Über das Risiko, dass junge Nutzer plötzlich Aktien kaufen, als knipsten sie ein Selfie, hat Jack auch schon nachgedacht, aber das Risiko, bei Aktien zu verlieren, habe es schließlich schon immer gegeben. Nun sei aber das Spiel nicht nur anders, sondern besser: "Wir zeigen den Brokerfirmen, dass ihr 70 Jahre altes Geschäftsmodell ineffizient ist." Die hätten den Wandel nicht verstanden.

Er denke, sagt Jack, dass diese Firmen Robinhood schon jetzt beobachten. Der nächste Markt soll Australien sein. 20.000 Menschen warteten dort auf die App. "Ich dachte, 20.000 seien nicht viele", sagt Jack, habe aber bald gemerkt: Das ist eine ganze Menge, und über Europa denke Robinhood auch nach, erzählt er, bevor er wieder losmuss ins Büro. Haben sie auch Yoga dort? Ja, sicher, sagt Jack und lächelt, weil er weiß, dass es ein Klischee ist.

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Tot in den Anden

Im vergangenen Sommer kursierte ein kleines Büchlein im Silicon Valley, es lag eines Morgens in ausgewählten Briefkästen, bei Tech-Journalisten und Start-up-Unternehmern. Es hieß Iterating Grace, eine etwa 20-seitige Kurzgeschichte, und niemand, selbst unter den bestvernetzten Journalisten, wusste, woher es gekommen war und von wem es verfasst wurde. Bis heute ist es ungeklärt. Eine Kurzgeschichte auf feinem Papier, mit Kalligrafien von Tweets voller Geschäftsmaxime und mythologischer Hohlheit. Sie erzählt vom Unternehmer Koons Crooks, einem "Fußsoldaten des Dot-Com-Booms", der eines Tages verhungert in den Anden gefunden wird, verwest, von Tieren zerfressen neben seinem Zelt. Um den Hals baumelt ein Anhänger mit der Aufschrift: The Sharing Economy :-).

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Ja! Ja! Ja!

Wann immer es auf die Frage kommt, wieso im Silicon Valley Unternehmen entstehen, in denen der Quellcode der Welt umprogrammiert wird, und in Europa eben nicht, wo es ja auch reichlich Garagen gäbe, in denen Leute auf Ideen kommen könnten – so heißt es bald, dass in Städten wie Palo Alto und Mountain View ein anderer mentaler Dialekt herrsche, und der steckt vielleicht in keinem Ausspruch mehr als in dem Wörtchen awesome. Nicht bloß die Palmen, die Sonne und die milde Luft sind es, womit man ja grundsätzlich einverstanden sein kann, sondern alles, und das Superlative schwirrt auch über den Köpfen der Gäste im HanaHaus. Awesome hier, awesome da.

Früher war es mal ein prachtvolles Theater, direkt an der University Avenue, der schattigen Einkaufsstraße von Palo Alto, an der zahlreiche Unternehmen ihren Sitz haben und Kolibris aus Blüten trinken. Im vergangenen Jahr hat die Softwarefirma SAP das lange leer stehende Theater zum Café umgebaut. Weiße Menschen an weißen Tischen, Gesichtsausdrücke vor Computern, und wer keinen Laptop dabeihat, kann sich hier schnell vorkommen, als sei er mit einer Kutsche vorgefahren aus einem in Sütterlin geschriebenen Geschichtsbuch.

Der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke hat einmal geschrieben, ab einem gewissen Grad wirkt Technologie wie Zauberei, und im Lichthof des HanaHauses sitzen am Nachmittag einige der Zauberlehrlinge in zukunftsfroher Insichversunkenheit, drehen an ihrer Apple Watch und besprechen ihre Projekte, die natürlich awesome werden. Zeichenballungen auf Bildschirmen, Codeschnipsel, Zahlensalat. Ein Springbrunnen flüstert. An den Wänden hängen Plakate, mit denen der Ort sich selbst beschreibt, es geht um Kreativität und Kollaboration. Auf einem steht: "Entfessele das Genie in Dir", weil trotz der großen Technologieerzählung über Kollektivität und Vernetzung eine romantische Anhimmelkultur um das Geniale hier entstanden ist. In einer Gruppe sagt ein Mann mit Sweatshirt und Wollmütze so laut, dass man es bis zum letzten Tisch hören kann: "Wir sagen jetzt mal einfach Ja!"

Ja.

Das ist ein kleines Wort. Hier aber steckt es sogleich den Rahmen ab, der innerhalb dieses Mikrokosmos zu gelten scheint. Die Computersprache, in der die Welt geschrieben wird, mag auf binärem Code basieren, auf Nullen und Einsen. Die normale Sprache im Silicon Valley offenbar nicht. Diese Bejahungsbereitschaft fällt nicht unter die allgemeine Regel, dass es sich leichter nicken lässt, wenn der Kopf leer ist. Sie ist, im Gegenteil, an einem der Orte mit dem vermutlich höchsten Durchschnitts-IQ, ein Grund, weshalb hier alles offenbar so gut klappt: Das Ja nicht nur als Verbindung von Hedonismus und Arbeit, sondern auch als grundlegender Geisteszustand. Wer Nein sagt, hat verloren. Wer Nein sagt, ist entweder ein Defätist oder ein Angsthase, und für solche Leute ist an einem Ort kein Platz, wo man keine Probleme kennt, sondern nur Herausforderungen. In Rhetorikseminaren, nicht weit von hier, an der Universität Stanford, wo die Unternehmer von morgen ihre Ideen präsentieren lernen, hat man deshalb das Nein aus dem Wortschatz gestrichen und das Aber, den kleinen Bruder des Zweifels, gleich mit.

Wer zum Beispiel sagen möchte, dass eine Start-up-Idee schlecht ist, weil sie zu teuer sein könnte, sagt nicht: Deine Idee ist nicht gut, weil sie zu teuer ist. Sondern: Ich mag Deine Idee, und Du solltest noch einmal mit der Bank reden. Und wo der Zweifel so offensichtlich draußen bleiben muss, wo gut ist, was machbar ist, scheint es, als sei Skepsis der Feind des Fortschritts, dem die Vorstellung von einer guten Natur der Technologie zugrunde liegt. Die Dynamik des Silicon Valley hat stets den Optimisten belohnt, selten den Melancholiker.

Der Journalistikprofessor und Google-Lobbyist Jeff Jarvis etwa erklärt in diesem Geiste jeden Kritiker von Google sofort zum Feind des Internets an sich, und daran ist weniger die fehlende Dialektik interessant, die ohnehin fast jede Technologiedebatte begleitet, sondern der Fortschrittskult, der sich darin ausdrückt. Technologie ist im Silicon Valley nicht selten mit messianischen Vorstellungen verbunden. Der Wired-Gründer und Technikesoteriker Kevin Kelly erkennt in seinem Buch What Technology Wants in einem Mobiltelefon mehr Göttliches als in einem Frosch. Der Starinvestor Peter Thiel empfiehlt jungen Unternehmen, eine Art kultische Aura zu schaffen, um die Mitarbeiter völlig bei der Sache zu halten. Vom Start-up bis zur Sekte ist es nicht mehr weit, Scientology ist schließlich auch eine Religion, die auf Science-Fiction basiert. Als der ehemalige Bild-Chefredakteur Kai Diekmann nach Palo Alto zog, um ein Jahr lang in dem hiesigen Lebensgefühl zu marinieren, soll er gesagt haben, er sei getauft worden. Und dieses Lebensgefühl besitzt eine eigentümliche Überzeugungskraft, gegen die man sich tatsächlich schwer wehren kann.

Die ökonomischen Fakten zumindest scheinen für das Valley zu sprechen, und deswegen laden sich Unternehmen der verunsicherten Old Economy andauernd die Abgesandten aus dem neuen Arkadien ein, um von ihnen die Botschaft für die künftige Wirtschaftsordnung zu empfangen. Auch obwohl kaum zu bestimmen ist, ob der Glaube an unbedingten Fortschritt tatsächlich eine Erfindung des Silicon Valley ist oder nicht doch nur ein Update von Max Webers Protestantismus, zogen die Geschäftsmaximen von Steve Jobs und Elon Musk wie Glückskekssprüche nicht nur in die Businessratgeber ein, sondern beherrschen inzwischen auch die BWL-Studentengedanken an exotischeren Orten wie Amsterdam oder Detmold.

Begriffe wie Innovation und Revolution gehören inzwischen zum Standardvokabular jedes Start-ups, das mit weniger als "Welt verändern" gar nicht erst antritt, obwohl der Awesomismus die Frage bemäntelt, ob hier vielleicht nur Probleme gelöst werden, die kaum einer hat – obwohl diese Frage ohnehin zu moralisch klingt und nur Unfrieden stiftet. Der neomanische Fortschrittsglaube erschafft schließlich eine eigene Moral, der man mit altertümlichen Bedenken besser nicht kommt: Wenn Airbnb ein altes Geschäftsmodell ins Wanken bringt und cool aussieht, ist es gut. Wenn Instagram mit 13 Mitarbeitern besser funktioniert als Kodak mit mehreren Zehntausend, ist es gut. Wenn ein Staat diese Unternehmen regulieren will und Kritiker nach Arbeitsplätzen und Löhnen und Steuern fragen, ist es schlecht, weil es Innovation verhindert. Böse gesagt: Ayn Rand mit den Mitteln von Sheldon Cooper.

Im HanaHaus plätschert der Springbrunnen. Wie wäre es noch einmal mit einem Ja, fragt wieder der Mann den Rest seiner Gruppe. Ja, sagt der Eine. Ja, sagt der Nächste. Ja, sagt der Letzte. Dann schweigen sie und tippen wieder und sehen dabei sehr friedlich aus.

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