An den Universitäten in ganz Südafrika protestieren Studenten seit Monaten gegen eine Erhöhung der Studiengebühren. Hier in Kapstadt im November © AFP/Getty Images

Es ist Januar und in Johannesburg geht gerade die akademische Sommerpause zu Ende. Unzählige Männer in Riot-Ausrüstung mustern die ersten KollegInnen und StudentInnen, die an die Witwatersrand Universität zurückkehren. Private Sicherheitsdienste kontrollieren alle Ein- und Ausgänge – man hört von racial profiling. In Südafrika beginnt das neue Studienjahr wieder mit Protesten und Störaktionen, etwa bei der Studieneinschreibung: "Schreib dich nicht ein, zahl' keine Gebühren!" Oder: "Kein Zurück zur Normalität an unseren Universitäten, solange so viele von uns sozioökonomisch ausgeschlossen bleiben."

Antje Schuhmann lebt seit 2007 in Johannesburg, wo sie als Professorin in den Politikwissenschaften und im Zentrum für Diversity Studies an der Universität Witwatersrand lehrt und forscht. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Die Universitätsleitungen haben offensichtlich aus den Studentenprotesten des vergangenen Jahres gelernt und sind vorbereitet: Wer Ärger macht, bekommt schnell ernsthafte Probleme, seien es StudentInnen oder auch AkademikerInnen und ArbeiterInnen, die sich mit den Forderungen solidarisieren. Die Regierung mahnt ebenfalls zur Ruhe. Aber die StudentInnen drohen, dieses Jahr werde es keine Kommunalwahlen geben, wenn der freie Zugang zu Bildung nicht sofort gewährt werde. Der Studentenprotest geht genau da weiter, wo er Ende des vergangenen Jahres aufgehört hat. Und bleibt eine der wirkmächtigsten sozialen Mobilisierungen der jüngeren Vergangenheit in Südafrika.

Begonnen hat alles in der ersten Hälfte von 2015, da formierten sich an Südafrikas ehemaligen Whites-Only-Universitäten verschiedene Studentenbewegungen. Organisiert rund um Hashtags wie #rhodesmustfall, #OpenStellenbosch oder #BlackStudentMovement, forderten Studierende das Ende eurozentrischer Curricula, die Beseitigung kolonialer Statuen, die Umbenennung von Gebäuden, die Politiker der Apartheid ehrten, und die Diversifizierung des noch immer hauptsächlich weißen und männlichen Lehrkörpers, der nicht mehr den gesellschaftlichen Realitäten entspricht. Sie wollten eine neue Universitätskultur – eine, die nicht nur gleiche Chancen auf Bildung versprach, sondern auch Zugang und Teilhabe für alle.

Schwarzer Schmerz und weiße Ignoranz

Ich verfolgte die Entwicklungen gespannt aus der Ferne meines damaligen Sabbaticals. Als ich Mitte 2015 an mein Department in Johannesburg zurückkehrte, hatte ich das Gefühl, meine Universität Witwatersrand (WITS Universität) nicht mehr wieder zu erkennen. StudentInnen hatten die ungeschriebenen Gesetze dessen, was in der Post-Apartheit-Ära als sagbar galt, radikal verschoben. Sie hatten den öffentlichen Diskurs so verändert, dass Schmerz und Ärger vieler Schwarzer auf einmal ebenso thematisierbar wurden, wie das Problem weißer Ignoranz. In dieser hochpolitisierten Zeit verbreitete sich im Oktober der Hashtag #feesmustfall, und Studenten besetzten die WITS Universität. Sie wollten erreichen, dass die Unileitung die jüngst angekündigte Gebührenerhöhung um zehn Prozent für 2016 zurücknimmt. Denn eine Universität wie WITS in Südafrika, formal eine öffentliche Einrichtung, faktisch aber semi-privatisiert, erhält weniger als 50 Prozent ihres Budgets vom Staat. Die Mehrheit der StudentInnen, in der Regel aus armen, schwarzen Familien, verschuldet sich enorm und über Jahre für einen Studienabschluss.

Innerhalb von Tagen solidarisierten sich StudentInnen fast aller Universitäten mit einem nationalen Shut Down Tag. Nachdem einige in Kapstadt gewaltsam von den Stufen des Parlaments geprügelt worden waren, marschierten andere in Johannesburg zum Hauptsitz des ANC. Binnen vier Tagen drehte sich der Wind: Der Kampf gegen eine Erhöhung der Gebühren, adressiert an die Universitätsleitungen, weitete sich aus und richtete sich nunmehr gegen die Regierung. Freie Bildung für alle, forderte die Studentendemonstration am Regierungssitz in Pretoria – die größte Demonstration vor den Union Buildings seit dem Ende der Apartheit. Unter Druck ließ Präsident Zuma verkünden, es werde im kommenden Jahr gar keine Erhöhung der Studiengebühren geben. Mit diesem kurzfristigen Versprechen wollten sich die StudentInnen aber nicht zufrieden geben. Mit Wasserwerfern, Tränengas und Gummigeschossen wurden sie aus den kolonialen Terrassengärten gejagt, während die Universitätsleitungen verzweifelt versuchten, wieder Normalität auf den Campussen herzustellen.