Im November bin ich mit meinem Sohn Luis von Berlin zurück nach Los Angeles gezogen. Seitdem bringe ich ihn, wie es hier üblich ist, mit dem Auto zum Kindergarten. Auf seine Initiative hin nehmen wir heute den Bus, Luis ist begeistert. Uns gegenüber sitzt eine ältere Transsexuelle mit schlecht gefärbten Haaren und verwischtem Augen-Make-up. In der Art, wie sie ihre Einkaufstasche mit beiden Händen auf den Knien balanciert, ist eine Spur Pose zu erkennen, gerade genug, dass ich sie mir in vollem Drag vorstellen kann. Ich denke, während Luis aus dem Fenster schaut und Feuerwehrautos zählt, dass sich das Wesen der Transsexuellen exakt im Moment maximaler Verletzlichkeit realisiert. Triumph und (mögliche) Niederlage fallen in eins.

Annette Weisser ist Künstlerin und pendelt zwischen Los Angeles und Berlin. Sie lehrt seit 2007 im Graduiertenprogramm "Freie Kunst" am Art Center College of Design, Pasadena. 2015 erschien die Monographie "Make Yourself Available im Verlag The Green Box". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Wir verpassen die Haltestelle, müssen ein Stück zurücklaufen, Luis meckert. Ich liefere ihn ab und beschließe, den Weg zurück zu Fuß zu gehen. Ich laufe an zwei Grundschulen vorbei, die heute geschlossen sind – Bombendrohung. Eine halbe Million Schüler im Los Angeles Unified School District bleiben heute zu Hause, weil jemand eine E-Mail geschrieben hat. Ich denke, so läuft das nicht, wenn jemand töten will, dann schickt er vorher keine E-Mail. Ich denke an den Sommertag in Berlin im vergangenen Jahr, als ich in der U-Bahn einem Typen mit Talibanbart gegenüber saß, der nervös an seinem Rucksack herumnestelte. Plötzlich überzeugt, dass da eine Bombe drin ist, lief ich panisch ans Ende des Waggons, wohl wissend, dass mir das im Falle einer Explosion auch nichts bringen würde. Am Kottbusser Tor stieg ich aus, er auch. Ein anderer Typ, ebenfalls im Talibankostüm, kam die Treppe runter, die beiden verständigten sich mit Blicken und Gesten. Meine Panik wuchs. Oben angekommen, sah ich die beiden friedlich nebeneinander hergehen, zwei Freunde auf dem Weg nach Hause.

Auf dem Boden liegt ein Pappschild: HOMELESS EVERYTHING HELPS. Ich bücke mich, um es mitzunehmen, lasse es dann aber. Denke, dass es ein Kunststudentenfehler ist, zu glauben, dass dieses Artefakt den Transport ins Studio und weiter in den Ausstellungsraum unbeschadet überstehen könnte. Konzeptuell gesehen, natürlich. Stattdessen checke ich mein iPhone und finde die E-Mail eines Berliner Kurator_innenprojekts: Socially Engaged Art Projects: Community and Participation. Sign up early and save 15% of the fee. Wann hat das angefangen, dass wir uns gegenseitig verkaufen, was es früher umsonst gab? Gute Ratschläge, Anerkennung, Hilfeleistung, eine Fahrt durch die Stadt.

Entspannte, hochwertige kalifornische Boheme

Ein anderer Moment im letzten Sommer: Auf der Warschauer Brücke stand ein Punk und sang Keine Macht für niemand zur Gitarre. Ich habe lautlos mitgesungen und fühlte mich augenblicklich euphorisiert, zurückgebeamt in eine Zeit, als Straßenmusikanten noch eine Botschaft "im Gepäck" hatten und keine Promo-CD. Normalerweise hauchen dort junge Mädchen aus Australien oder Neuseeland ihre Lieder im gerade aktuellen Singer-Songwriter-Stil, der auch hier in L. A. bei KCRW im Radio läuft. Jeder speist seine Produkte ein in den Flow, den keiner mehr Kapitalismus nennt. Das Internet war mal angedacht als digitale Version des öffentlichen Raumes. Jetzt scheint sich das Verhältnis umgekehrt zu haben: Der öffentliche Raum ist die analoge Erweiterung des Internetauftritts, inklusive Werbebanner und Mailingliste.

Okkupation der Form. Zum Beispiel: Echo Park Craft Fair. Meine Hausgenossin – sie bedruckt Textilien von Hand – hat die Kunsthandwerkermesse vor einigen Jahren im Garten unseres Mietshauses im frisch gentrifizierten Stadtteil Echo Park initiiert. Handgemachtes hat Konjunktur in L. A., und so findet die Messe inzwischen zweimal jährlich statt, mit fast hundert Anbietern und happigen Preisen. Im Interview beschreibt meine Nachbarin ihre Vision: entspannte, hochwertige kalifornische Boheme. Dazu lächelt sie im selbstgenähten Leinenkleid, 100% organic. Ich denke an die Batterie von salvadorianischen Hausangestellten, die ihr und ihrer Familie diese Vision ermöglichen. 

Hier, im Getümmel der Stände und Buden, sind außer meinem (adoptierten) Sohn nur wenige Latinos bzw. Latinas zu sehen. Die neue Liebe zum Selbstgemachten ist eine überwiegend weiße Angelegenheit, was wenig überraschend ist. Das Zusammendenken von Ökologie und linker (das heißt klassenbezogener) Politik hat sich komplett erübrigt in diesem Milieu. Bereits in den 1990er Jahren hat der Berliner Stadtsoziologe Dieter Hoffmann-Axthelm den Begriff Subjektökologie geprägt. Er hat damit exakt beschrieben, wie gesellschaftlich bedingte, urbane Lebenswelt quasi naturalisiert wird, als eine Art Metanatur, zu welcher man sich individuell-konsumierend ins Verhältnis setzt. All diese Entwicklungen sind in den letzten zwanzig Jahren theoretisiert und antizipiert worden. Doch erst jetzt, so scheint es, mit einer neuen Generation von Konsument_innen/Produzent_innen, die das Denken in binären Gegensatzpaaren (independent/kommerziell, progressiv/konservativ, links/rechts, etc.) nicht verinnerlicht haben, werden die Effekte flächendeckend sichtbar und greifbar.