Der Medienjournalist Stefan Niggemeier © dpa

Der Medienjournalist Stefan Niggemeier ist damit bekannt geworden, den großen deutschen Medien handwerkliche Fehler, Verstöße gegen den Pressekodex oder auch einfach nur schlechtes Benehmen nachzuweisen. Dafür war er bei den Lesern seiner verschiedenen Blogs sehr beliebt, in den Redaktionen eher nicht. Vor etwas mehr als einem Jahr gründete Niggemeier außerdem geräuschvoll das Portal Krautreporter mit, stieg aber einige Monate nach dem Start geräuschvoll wieder aus.

In dieser Woche ist nun Niggemeiers neues Projekt gestartet, das erstmals auch ein Unternehmen sein, also Geld verdienen soll: übermedien.de, ein Onlineportal für Medienkritik. Teile der Seite sind kostenlos, aufwendigere Texte bekommt man für einen Abopreis von 3,99 Euro im Monat. Stefan Niggemeier möchte also das verkaufen, was im Internet ohnehin jeder selbst am besten kann: Medienkritik.

Zum Auftakt sah das Programm so aus: Es gab ein Interview mit dem Chefredakteur der ZEIT, Giovanni di Lorenzo, ein Video über automatisierte Nachrichtenclips bei Focus Online und ein Stück über die mediale Stigmatisierung von Ausländern, ein Interview mit Anne Will, die mit ihrer Talkshow gerade auf den Sendeplatz von Günther Jauch umzieht. Jedes dieser Stücke hätte in den klassischen Medien genauso gut ausgesehen. Übermedien ist in seinen Anfangstagen ziemlich genau das Medienressort, das sich die etablierten Häuser nicht mehr leisten können. Stefan Niggemeier hat gewissermaßen die Seiten gewechselt: Er ist jetzt nicht mehr der penetrante, schlaue Quengler aus dem Internet. Er ist "die Medien". Wenn man "Medienjournalist" googelt, ist Niggemeiers persönlicher Blog der zweite Treffer, gleich nach dem Wikipedia-Eintrag über "Medienjournalismus".

Nichts ist kommerzieller als die Subversion

Allerdings: Wenn man auf dem eigenen Portal Deutschlands bekannteste Journalisten interviewt und später in ihren Zeitungen schreibt und in ihren Sendungen auftaucht, ist gerade im hemmungslosen Internet der Vorwurf der Vetternwirtschaft schnell zur Hand. Bis vor Kurzem hätte ihn Niggemeier vermutlich selbst erhoben, dabei lassen sich solche Verschränkungen oft schlicht nicht verhindern. Die Alternative wäre, nicht mehr mit den interessantesten Gesprächspartnern zu reden, sondern den zweitinteressantesten.

Übermedien will aber nicht mehr nur auf dem Schlechten herumreiten, sondern auch auf das Gelungene hinweisen. Allein: Mit Differenzierung im Internet Geld zu verdienen, gelingt schon den großen Medienhäusern nicht und die haben weitaus mehr Ressourcen. Weil nichts kommerzieller ist als die Subversion, sind aufrührerische Kollektive immer im Vorteil. Auch Stefan Niggemeier hat seine Reichweite nicht zuletzt Leuten zu verdanken, die unter Kritik in erster Linie Erstürmung verstehen.

Mit dem Ansatz von Übermedien wird dieser Teil seines Publikums wenig anfangen können. Für differenzierte, ausgeglichene Medienkritik interessieren sich eigentlich nur Journalisten. Das könnte sich als Vorteil erweisen. Auch über das Bewusstsein, dass man für gute Texte Geld bezahlen muss, während man Schadenfreude und Schmähungen an jeder Ecke kostenlos hinterhergeworfen bekommt, verfügen am ehesten Journalisten. Das Geschäftsmodell von Übermedien ergibt eigentlich nur dann Sinn, wenn es nicht mehr nur über, sondern vor allem für die Medien schreibt. Eine gute Kritik wertet ihren Gegenstand nicht ab, sondern auf. Eine Medienkritik, die die Medien besser aussehen lässt, als sie sind, gibt es tatsächlich noch nicht. Das gibt es nur für die alten Künste, für Literatur, Film, Musik.

Große Reichweiten

Nachdem sich Journalisten jetzt also jahrelang von Niggemeier heimgesucht gefühlt haben, könnten sie ihn jetzt dafür bezahlen, dass er ihre Eitelkeiten bedient, ohne sie zu unterfordern. Das ist nur auf den ersten Blick ein Abstieg: In der Digitalwirtschaft sind große Reichweiten zwar schön, rechnen sich aber nicht zwangsläufig. Die Redakteure von Übermedien würden aber gern von ihrer Arbeit leben können. Und dass Special-Interest-Magazine nach wie vor relativ erfolgreich sein können, wenn sie eine möglichst konkrete, möglichst homogene und möglichst abseitige Zielgruppe ins Auge fassen, hat zuletzt das Frauenmagazin Barbara gezeigt: Barbara richtet sich vor allem an Fans der deutschen Fernsehmoderatorin Barbara Schöneberger. Für eine gut abgehangene Medienkritik sind Journalisten deshalb wahrscheinlich wirklich die ideale Zielgruppe: Ähnlich wie Weinliebhaber oder Oldtimer-Sammler wissen sie obskur spezialisierte Kennerschaft wenigstens noch zu schätzen.