Der Junge mit den rosa Haaren hat sich aus dem Schutt der Arena gerappelt. Seine Spiegeleieraugen fangen an zu blitzen, aus seinen Fingerspitzen schlagen Flammen. Alles ist knallbunt, es brizzelt und brazzelt, es kracht und zischt. "Wie jetzt?", frage ich. "Ich dachte, die hätten den erledigt." – "Sting und Rogue haben 'Dragon Force' benutzt, einen enorm starken Angriff", informiert mich mein Sohn. "Aber Natsus Magie hat ein neues Level erreicht, und … " – "Ich blick nicht durch, hört das gar nicht mehr auf?" Nein, tut es nicht. Es ist der Endkampf zwischen zwei Zauberergilden in der japanischen Trickfilmserie Fairy Tail, und so was erstreckt sich schon mal über zehn Episoden.

Sabine Horst lebt in Frankfurt, hat als Kulturjournalistin unter anderem für die "Frankfurter Rundschau" gearbeitet und ist seit 2002 Redakteurin bei "epd Film". Nebenbei schreibt sie für ZEIT, "chrismon" oder "Tagesspiegel" über Kino, Fernsehen und alltagskulturelle Themen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Mein erster Versuch, mich mit dem Genre Anime auseinanderzusetzen, ist gescheitert. Comicfiguren, die sich mit Energiebällchen bewerfen und Beschwörungsformeln kreischen, in einem seltsamen Mix aus Englisch – "Holy Nova!" – und Japanisch, mit fragwürdigen deutschen Untertiteln? Kopfschmerz. Für mich sind diese Shows auch nicht gemacht – ich sollte House of Cards und Downton Abbey gucken. Aber man will sich ja hin und wieder mit seinem Kind unterhalten. Und das hat sich in ein Universum entfernt, das nichts mit dem zu tun hat, was westliche Kulturkritiker als neue Fernsehkunst besingen.

Game of Thrones, hieß es neulich, sei die erfolgreichste TV-Serie der Welt. Mit mehr als acht Millionen Zuschauern hatte das Finale der fünften Staffel im vergangenen Jahr in den USA ein neues Hoch erreicht. Mein Sohn hat das auch gesehen, aber es hat ihn nicht wirklich gepackt. Wenn er mit seiner Peergroup chattet, dann geht es eher um Naruto, Bleach oder One Piece, populäre Animes. Die haben in Japan eine lange Tradition; das Spektrum reicht von Heidi bis zum Porno, von artifiziellen Spielfilmen wie Akira oder Prinzessin Mononoke bis zum transgressiven Boys'-Love-Genre, das von Mädchen bevorzugt wird. Was mein Sohn und seine Freunde hauptsächlich konsumieren, sind Shonen – actionorientierte Shows für Jungs zwischen 8 und 18.

Die Reichweite dieser Serien, die sich seit den Neunzigern als endloser Strom aus Japan in alle Welt ergießen, lässt sich nur schwer bestimmen. Die Erstausstrahlung einer 20-minütigen Anime-Folge im japanischen Fernsehen ist dabei gar nicht das eigentliche Event, denn zu dem Zeitpunkt haben die Macher schon Comicbücher – Mangas – in Millionenauflagen verkauft. Animes werden ohnehin nicht im laufenden Programm geschaut, sondern auf DVD oder als Stream. Dabei beharren die Japaner nicht so stark auf ihrem Copyright wie die Medienunternehmer im Westen. Sie wissen, dass der Fan, wenn sie ihn einmal am Haken haben, viel Zeit und Geld in seine Leidenschaft investieren wird. Um die Mangas und Animes ist eine wilde Kultur von Videomixen, Fanfiction und Cosplay-Aktivitäten entstanden; Perücken und Make-up, Zeichensets, Videogames, Soundtracks und Actionfiguren gehen weg wie warme Semmeln. Filme gibt es natürlich auch. Die Untertitel, erklärt mir mein Sohn, sind übrigens deshalb so dubios, weil sie oft von den Zuschauern selbst mit heißer Nadel gestrickt werden, fansubbing heißt das: Junge Laien übersetzen japanische Serien, damit ihre Gemeinde auf dem Laufenden bleibt.